Aufreger um Marcelo In der Hand des Schiedsrichters

Das Handspiel von Real-Verteidiger Marcelo war die Aufregerszene des Champions-League-Halbfinals gegen die Bayern. Elfmeter oder nicht? Schwer zu sagen - das Ermessen des Schiedsrichters reicht sehr weit.

Real-Verteidiger Marcelo
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Real-Verteidiger Marcelo

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Was für ein aufregendes Fußballspiel, dieses Rückspiel im Champions-League-Halbfinale. Und was für eine aufregende Szene. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte flankt Bayernspieler Joshua Kimmich, der Ball springt Real-Verteidiger Marcelo an den Arm und verändert dadurch deutlich die Flugbahn. Klarer Strafstoß, oder? Marcelo selbst ist sogar nach dem Spiel dieser Ansicht. Der Schiedsrichter jedoch lässt weiterspielen.

Das Handspiel im Strafraum, Elfmeter ja oder nein - es ist eine unendliche Geschichte. Im Regelwerk heißt es unter Regel 12: "Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt. Folgendes ist dabei zu berücksichtigen: die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand), die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball), die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen)."

Traf das im Fall Marcelo zu? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Und genau das ist das Problem dieser Regel. Ein deutlich absichtliches Handspiel im eigenen Strafraum, das gibt es (fast) nie. So dumm ist annähernd kein Profi mehr, die Hand zum Ball ersichtlich auszustrecken. Schließlich weiß jeder, welche Konsequenzen das hat. Ein Foul kann taktisch sein, es kann aus Ungeschicklichkeit passieren, oder weil man zu spät in den Zweikampf gegangen ist. Beim Handspiel vor dem eigenen Tor dagegen ist das fast immer das Ergebnis einer unglücklichen Bewegung.

Ein gewaltiger Graubereich

So bleibt ein riesiger Graubereich übrig, größer als Schwarz und Weiß. Ist die Aktion mit dem Arm eine natürliche Bewegung im Sprung? Wird der Spielerarm angeschossen? Ist es ein Reflex, den eigenen Körper zu schützen? Hätte der Spieler anders reagieren können? Alles Fragen, die in dem Spieltempo, mit dem sich Real und der FC Bayern am Dienstagabend bearbeiteten, kaum zufriedenstellend beantwortet werden können. Manchmal werden solche Aktionen geahndet, manchmal, wie im Fall Marcelo, nicht.

Wahrscheinlich gibt es keine Regel, die das Wort Ermessensspielraum so weit dehnt wie die über das Handspiel im Strafraum. In einer Zeit, in der der Fußball gerade den bisher zugegeben untauglichen Versuch unternimmt, Fehlerquellen durch Technikeinsatz auszumerzen, ist die Handspielregel ein Relikt. Eine Regel, bei der in zwei identischen Fällen zwei komplett unterschiedliche Entscheidungen getroffen werden können. Und beide können berechtigt sein.

Wenn man es positiv sehen möchte: Die Handspielregel wird vermutlich irgendwann das letzte Überbleibsel auf dem Platz sein, bei dem der Schiedsrichter tatsächlich noch nur seiner Wahrnehmung und seiner Entscheidung vertrauen muss. Es menschelt. Selbst in einem Champions-League-Halbfinale. Wie schön.



insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
namachschon 02.05.2018
1. Kein Elfmeter...
Thema: nicht gegebener Elfmeter. Das ist ja jetzt ein großes Thema. Wer sich in Zeitlupe diese Szene anschaut, sieht, dass Marcelo den Ball an die Hand geschossen bekommt, während er in der Luft "akrobatiert". Aus dieser Entfernung kann niemand einem solchen Schuß ausweichen. Zum Zeitpunkt seines Abspringens ist sein "innerer" Fuß in gleicher Höhe der Strafraumlinie. Beim Landvorgang kommt er außerhalb des Strafraumlinie mit beiden Beinen zum Stehen. Da der Sprung also vom Tor weg erfolgte, wird sich Marcelo zum Zeitpunkt des Ball-Kontakts mit großer Wahrscheinlichkeit schon außerhalb des Strafraumes aufgehalten haben, eben in der Luft. Da die ganze Szene auch noch in der linken äußeren Ecke des Strafraumes stattgefunden hat, nicht unmittelbar vor dem Tor, ist die Entscheidung des Schiedrichters absolut nachvollziehbar. Er hat nicht gepfiffen, und das muss man hinnehmen. Das würde Grösse beweisen. Der FC Bayern ist oft genug Nutznießer dieser diffusen Regel gewesen, auch oder gerade mit dem Schwalbenkönig Robben. Und Lewa hat seit geraumer Zeit auch die ominöse Fallsucht... Hierüber eine Diskussion zu starten, zeigt nur, dass der FC Bayern ein schlechter Verlierer ist ...Ein guter Tag für den deutschen Fußball..
brotherandrew 02.05.2018
2. Nachdem ...
... Marcello selbst das Handspiel zugegeben hat, bleibt in diesem Fall kein Spielraum für Interpretation.
gnarze 02.05.2018
3. Kein Ermessen
Im Fall von gestern Abend kann es eigentlich keine zwei Meinungen geben, Marcelo springt quer in die Flanke von Kimmich und vergrößert durch den an außen angelegten Arm eindeutig die Körperfläche, wodurch der Ball eine andere Richtung nahm. Die Frage ist eher, warum es da einen weiteren Schiedsrichter an der Torlinie gibt, zumal er eindeutig freie Sicht hatte und - durch Bilder belegt - die Situation erkannt haben muss.
jnek 02.05.2018
4. Sorry Hr. Ahrens, aber das ist Schmarrn
Sie machen es sich extrem einfach, denken vom Stammtisch aus und schwafeln dann so vor sich hin. Der ehrlichste und in meinen Augen zutreffenste Teil ihrer Ausführungen war "Ehrlich gesagt: keine Ahnung." Das merkt man jeder ihrer Zeilen an. Sie scheinen nur zu sehen was sie sehen wollen. Denn sonst würden sie die Marceloszene nicht so dilettantisch beschreiben. Er geht mit dem Arm nach vorn um eben diesen in die Flugbahn des Balls zu halten. Das ist überall unstrittig zu erkennen. Selbst Marcelo bestreitet es nicht. So richtig schwach wird es mit "Beim Handspiel vor dem eigenen Tor dagegen ist das fast immer das Ergebnis einer unglücklichen Bewegung." Denn das ist einfach nur falsch. Sie verharmlosen hier etwas nur um diese eine Szene darunter subsumieren zu können. Es gibt haufenweise echte absichtliche Handspiele. Und das war eines. Und richtig ärgerlich wird es wenn sie dann so nebenher auch noch den Videobeweis abqualifizieren. Nein, der ist nicht untauglich, nein, da müssen sie nichts zugeben. Er bringt nur nicht die von manchem unterstellte 100%ige Sicherheit. Gestern hätte er unstrittig den EM gebracht. Ob der reingegangen wäre ist ein anderes Thema. Und ihre Schlussworte sprechen jeder sportlichen Fairness Hohn. Denn da es unstrittig ein Handspiel war und damit eine Fehlentscheidung des SRs vorlag kann man sich eben nicht auf schönes menscheln herausreden. Fragen sie mal, wie das ein Spieler sieht, der wegen so etwas um die vielleicht nie wieder kehrende Chance eines CL-Finals gebracht wurde. Aber man ist es hier im spon nicht anders gewöhnt.
Stäffelesrutscher 02.05.2018
5.
»Eine Regel, bei der in zwei identischen Fällen zwei komplett unterschiedliche Entscheidungen getroffen werden können.« Nun, die Unterscheidung ist ganz einfach: wenn der angeschossene Spieler ein Real-Trikot trägt, gibt es keinen Elfmeter. Umgekehrt schon. Fragen Sie mal in der spanischen Liga. ;-)
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