Inter Mailand gegen Barcelona Grandezza!

Der FC Barcelona verkörpert die Eleganz im Fußball. Im Champions-League-Duell konterte Inter Mailand diese Haltung mit wilder Entschlossenheit. Das Ergebnis: ein Unentschieden, das begeistert.

Mauro Icardi (l.) und Marc-André ter Stegen
MATTEO BAZZI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mauro Icardi (l.) und Marc-André ter Stegen

Aus Mailand berichtet


Die Stadt Mailand empfängt ihre Gäste mit der denkbarsten Eleganz. Die Kultiviertheit, die der Marmor des Doms ausstrahlt, die teuren Geschäfte, der Schick, wohin man schaut. Mailand glänzt noch dann, wenn der Rest des Landes hässliche Zeiten durchmacht.

Eigentlich müsste der FC Barcelona in dieser Stadt zu Hause sein. Die immer noch eleganteste Mannschaft Europas, das Team, für das die Italiener den Ausdruck Grandezza erfunden zu haben scheinen. Aber alle Anmut half den Katalanen am Dienstagabend in der Champions League auch nicht weiter als zu einem 1:1 (0:0) bei Inter Mailand. Weil Noblesse dann an ihre Grenzen kommt, wenn sie mit Einsatz, mit wilder Entschlossenheit bekämpft wird.

Es trafen zwei Spielprinzipien hart aufeinander an diesem regnerischen Abend in San Siro: Der ruhige, übersichtliche Pass-Fußball des FC Barcelona, geprägt von der Besonnenheit und dem Glauben an die eigene Überlegenheit. Und auf der anderen Seite der lauernde Überfallfußball, den sich die Lombarden für diesen Abend ausgedacht hatten. Mit dem Bewusstsein in die Partie gehend, spielerisch ohnehin nicht mithalten zu können.

Ballbesitz oder Konterspiel? Beides!

Es sind die zwei Prinzipien, die plakativ als Ballbesitz- und Umschaltfußball betitelt werden. Wenn sie aufeinandertreffen und beide Teams die guten Seiten, in ihrer Art Fußball zu spielen, hervorkehren, dann kommt so ein hochklassiges Spiel heraus wie in San Siro. Fußball ist selten gerecht, er muss es auch gar nicht sein, aber diesmal stand am Ende mit dem Unentschieden das Resultat, das dieses Spiel verdient hatte.

Das Spiel der Katalanen, der Mannschaft von Trainer Ernesto Valverde, besticht immer wieder durch seine beeindruckende, geradezu einschüchternde Unerschütterlichkeit. Wie Sergio Busquets, in Abwesenheit des noch verletzt fehlenden Lionel Messi, den Ball mit der Ruhe eines Bierkutschers behandelt, mit welchem Gleichmaß Philippe Coutinho im Mittelfeld seine Kringel dreht, mit welcher Abgeklärtheit der 22-jährige Arthur dahinter die Bälle verteilt - das ist eine Geradlinigkeit, an der jeder Kontrahent verzweifeln kann.

Dann sieht man gar über die abgrundtief hässlichen Auswärtstrikots von Barça hinweg. Lachsrosa, und das in der Modestadt Mailand. Was für eine Sünde.

Eine Mannschaft wie eine Hydra

Aber Trikotfarbe hin oder her: Wenn es in dieser Mannschaft läuft, dann ist sie wie eine vielköpfige Hydra. Immer, wenn man glaubt, sie an einer Stelle besiegt zu haben, wächst ihr anderswo ein neues Haupt.

Dazu agiert in diesem Kollektiv Ousmane Dembelé als eine Art freies Radikal. Er ist der Einzige, der vieles auf eigene Faust versucht. Das ist mehrfach zu eigensinnig, aber es durchbricht die Matrix. Der FC Barcelona, diese Maschine, wird dadurch unberechenbar. Manchmal allerdings auch für sich selbst. Als Dembelé nach 80 Minuten vom Platz ging, war es sein Ersatzmann Malcolm, der sofort das Führungstor machte.

Inter setzte seinen Einsatzwillen dagegen. Luciano Spalletti hat seiner Mannschaft eingeimpft, sich von der spielerischen Unterlegenheit nicht frustrieren lassen. Sie haben ihre eigenen Mittel, die schnellen Flügelspieler, die eine Flanke nach der anderen in den Sechzehner hievten. Bis eine dann endlich mal Erfolg hatte und Mittelstürmer Mauro Icardi das machte, was er am allerbesten kann: Aus dem Nichts auftauchen und ein Tor erzielen.

Dieses Spiel hätte auch 0:0 ausgehen können, es hätte niemanden gestört. Es war ein Beleg dafür, dass all die Abgesänge und Hochrufe auf die eine oder andere Spielidee so vergänglich sind wie das Herbstlaub rund um San Siro. Weder ist Ballbesitzfußball tot noch ist Konterfußball das Maß aller Dinge. Beides hat sein Recht. Und wenn es aufeinanderprallt, dann kann es richtig gut werden. In San Siro war sie zu besichtigen, die Schönheit des Spiels.

Football Leaks in den Sportzeitungen tägliches Thema

Über die Verderbtheit des Spiels ist in diesen Tagen viel zu lesen und manches zu lernen. Die Football Leaks sind auch in Italien ein Thema, die beiden großen Sportzeitungen "Gazzetta dello Sport" und "Corriere dello Sport" greifen seit den SPIEGEL-Veröffentlichungen das Thema täglich auf. Dennoch mag Italien nicht das Land sein, das am lautesten aufschreit, wenn es mit Korruption und Einflussnahme konfrontiert wird. Die Menschen hier sind in dieser Hinsicht vieles gewohnt, ganze Parteien sind im Morast versunken, ganze Fußballmeisterschaften stellten sich als Makulatur heraus. Die Tifosi haben das weggesteckt, man kann das auch Verdrängung nennen.

Wenn man gesehen und gehört hat, mit welcher Euphorie San Siro jeden Zweikampf, jede Grätsche der Inter-Profis zelebriert hat, wer die Inbrunst gespürt hat, mit der sie ihre Hymne "Inno Pazza Inter Amala" in den Himmel singen, wer das Erzittern des ganzen Stadions gefühlt hat, als Icardi der späte Ausgleich gelang, wer in die glänzenden Gesichter der Anhänger sah, selig darüber, dass sie es dem großen Favoriten zumindest ein bisschen gezeigt hatten - der kann all das positiv deuten als die große Kraft des Fußballs, die sich auch gegenüber Investoren und Scheichs als mächtiger erweist.

Er kann all das aber auch als Zeichen nehmen, dass sich an der Verklärung des großen Fußballs, der auch der Fußball der Superreichen ist, nicht viel ändern wird.

Inter Mailand - FC Barcelona 1:1 (0:0)
0:1 Malcom (83.)
1:1 Icardi (87.)
Inter: Handanovic - Vrsaljko, de Vrij, Skriniar, Asamoah - Vecino, Brozovic (85. Martinez) - Politano (81. Candreva), Nainggolan (63. Borja Valero), Perisic - Icardi. - Trainer: Spalletti
Barcelona: ter Stegen - Sergi Roberto, Pique, Lenglet, Jordi Alba - Sergio Busquets - Rakitic, Arthur (74. Vidal) - Dembele (81. Malcom), Luis Suarez, Coutinho
Schiedsrichter: Marciniak
Gelbe Karten: Brozovic, Perisic / Rakitic
Zuschauer: 70.915



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Leuschner 07.11.2018
1. Danke!
Super Kommentar, Peter Ahrens, zu einem guten Spiel.
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