Juventus-Triumph in der Champions League Alter vor Schönheit

60 Minuten lang brachte Juventus im Wembley-Stadion keinen Schuss aufs Tor, Tottenham Hotspur stand mit begeisterndem Fußball vor dem Viertelfinaleinzug. Dann kam Gonzalo Higuaín. Und wie im Hinspiel kam er zweimal.

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Gegen den modernen Fußball: Die Angst vor der Veränderung des Fußballs durch Investoren und sogenannte "Scheichs" treibt viele Fans um. Diese Woche zeigt aber auch: Die großen, alten Traditionsklubs sind immer noch das Maß der Dinge in der Champions League. Gestern gewann Titelverteidiger Real Madrid 2:1 in Paris. Und heute war es nicht die aufstrebende Mannschaft von Tottenham Hotspur, die triumphierte. Sondern der als "Vecchia Signora", als "Alte Dame" bekannte italienische Rekordmeister Juventus. Nächste Woche könnten Bayern München und Barcelona folgen. Nicht sehr revolutionär.

Das Ergebnis: Tottenham Hotspur verliert gegen Juventus nach 2:2 im Hinspiel 1:2 (1:0). Hier geht es zum Spielbericht.

Die erste Hälfte: Juventus brauchte unbedingt ein eigenes Tor in Wembley, während den Spurs ein 0:0 gereicht hätte. Dennoch war Tottenham zunächst das gefährlichere und zielstrebigere Team. Das Torschussverhältnis lautete zur Pause 11:2, unter den elf Abschlüssen der Londoner war auch der Führungstreffer (39. Minute). Son Heung-Min traf dabei allerdings den Ball nicht richtig und schoss mit dem rechten Fuß seinen linken an. Von dort aus sprang der Ball ins Netz.

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Juve-Sieg bei den Spurs: Spektakel in Wembley

Wo ist der Videobeweis, wenn man ihn braucht? Seit seiner Einführung ist der Videoschiedsrichter in der Bundesliga umstritten. In der Champions League gibt es den Video Assisted Referee (VAR) nicht. Leider. Denn beim Stand von 0:0 wurde Douglas Costa von Jan Vertonghen im Strafraum von den Beinen geholt. Ein klarer Strafstoß - aber weder Schiedsrichter Szymon Marciniak noch sein Torrichter erkannten das. Costa, der bereits im Hinspiel einen Elfmeter gegen Serge Aurier herausgeholt hatte, war zu Recht empört. Selbst BBC-Moderator (und Ex-Spurs-Stürmer) Gary Lineker konnte seine Erleichterung nicht verbergen.

Die zweite Hälfte: Bis zur 60. Minute sah es so aus, als könne Tottenham seinen beruhigenden Vorsprung über die Zeit retten. Doch dann war Juve zweimal innerhalb von drei Minuten erfolgreich. Zunächst traf Gonzalo Higuaín artistisch nach Kopfballvorlage von Sami Khedira. Der Argentinier hatte bis dahin nur 15 Ballkontakte gehabt. Aber wie schon im Hinspiel, als er an beiden Treffern der Italiener beteiligt gewesen war, war der Stürmer da, als es zählte. Kurz darauf bediente Higuaín mit einem Steilpass den durch die Schnittstelle startenden Paulo Dybala, der frei vor Keeper Hugo Lloris zum Sieg traf. Harry Kane traf kurz vor Schluss mit einem Kopfball noch den Pfosten, aber es reichte am Ende für die Alte Dame.

Wie man Spiele dreht: Spurs-Coach Mauricio Pochettino gilt als einer der talentiertesten Trainer der Welt. Der Argentinier war sowohl bei Real Madrid als auch in Barcelona im Gespräch. Aber gegen Juventus wurde Pochettino von einem taktischen Schachzug seines Gegenübers Massimiliano Allegri überrascht. Nach einer Stunde, in der kaum etwas zusammenlief für Juve, und in der Son immer wieder Andrea Barzagli überrannte, stellte Allegri auf Viererkette um. Tottenham brauchte einige Minuten, um sich darauf einzustellen. Bis es soweit war, hatte der eingewechselte Stephan Lichtsteiner mit einer Flanke das 1:1 eingeleitet, der überforderte Linksverteidiger der Spurs, Ben Davies, zweimal das Abseits aufgehoben. Und das Spiel war entschieden. Große Trainer und große Stürmer entscheiden, wenn es darauf ankommt.

Tottenham Hotspur - Juventus 1:2 (1:0)
1:0 Son (39.)
1:1 Higuaín (64.)
1:2 Dybala (67.)
Tottenham Hotspur: Lloris - Trippier, Sánchez, Vertonghen, Davies - Dembélé, Dier (74. Lamela), Eriksen - Alli (86. Llorente), Kane, Son
Juventus: Buffon - Barzagli, Benatia (61. Lichtsteiner), Chiellini, Alex Sandro - Khedira, Pjanic, Matuidi (60. Asamoah) - Dybala, Higuaín (83. Sturaro), Douglas Costa
Gelbe Karten: Vertonghen, Alli, Dembélé / Alex Sandro, Pjanic, Benatia, Chiellini
Schiedsrichter: Marciniak
Zuschauer: 84.010



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
hooge789 08.03.2018
1. Juve weiter
Mit "kleinen" Mitteln. Geld alleine ist eben nicht alles. Zum Glück.
aurichter 08.03.2018
2. Ach wie schön
daß es noch Wünsche gibt, die in Erfüllung gehen. Einfach Klasse, wie Juve da den Spurts die Butter vom Brot geklaut hat. Cleverness vom Feinsten! Jetzt schaun mer Mal was Sevilla noch erreichen kann gegen United, auch das ist noch nicht gegessen :-))
a.meyer79 08.03.2018
3. Großartiger Offensivfußball?!
Bitte den Verfechtern modern Fußballinterpretationen vorsichtig ins Ohr flüstern: Das Spiel gewinnt immer noch der, der die meisten Tore schießt. Und am Ende fehlte den jungen Leute die Kraft, weil sie sich vorher so wunderbar schön verausgabt haben.
skeptikerjörg 08.03.2018
4. Tottenham schlägt sich selbst
Die alte Diva Juve hat es wieder einmal geschafft. Nicht, weil sie besser waren, nicht weil sie überzeugt hätten, sondern weil die Spurs zu naiv und ineffizient waren. In der ersten Halbzeit die vielen Torchancen nicht genutzt und in der zweiten Halbzeit zweimal in der Abwehr gepennt, das reichte Juve. Aber wird das immer gut gehen? Wer in der ersten Halbzeit sah, wie die Juve-Abwehr ein ums andere Mal schwindlig gespielt wurde, der konnte kaum glauben, dass das der ehemals berühmte Betonblock war. Aber wenn der Gegner einem hilft ... wenn die Innenverteidigung auf Abseits spielt und ein Außenverteidiger nicht mitmacht, dann sind Dybala, Higuaín und Co. eben clever genug, was daraus zu machen. Am Ende gewinnt eben der, der ein Tor mehr schießt, nicht, wer besser war. Von daher war es auch gerecht, das Kanes Kopfball in der 90. Minute nur an den Pfosten ging, denn bei der Hereingabe stand er im Abseits.
ge1234 08.03.2018
5. Dann kam Gonzalo Higuain...
Wie jetzt? Hatte uns nicht gestern erst der Kollege Peter Ahrens groß und breit erklärt, dass Higuain in wichtigen Spielen nie trifft?
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