Turin-Star Pirlo: Chaos in Perfektion

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AFP

Der FC Bayern empfängt Juventus Turin, die Blicke richten sich auf Andrea Pirlo. Juves Regisseur kann jede noch so organisierte Abwehrreihe durch präzise Pässe aushebeln. Das hat auch das DFB-Team grausam zu spüren bekommen. Sein Handwerk hat Pirlo von einem legendären Bundesliga-Libero gelernt.

"Gut, sehr gut sogar", antwortet Manfred Binz auf die Frage, ob er sich an Andrea Pirlo erinnern könne. Binz, 47 Jahre alt, war früher Libero bei Eintracht Frankfurt und lief 14-mal für die deutsche Nationalmannschaft auf. Bis zum Februar arbeitete er als Co-Trainer bei Kickers Offenbach, derzeit wartet er auf einen neuen Job.

Pirlo, 33, wurde 2006 Weltmeister, gewann mit dem AC Mailand zweimal die Champions League. 2011 ging er zu Juventus Turin und führte den Rekordmeister ohne Niederlage in 38 Saisonspielen zum ersten Titel seit neun Jahren. Er ist immer noch Stammspieler im italienischen Nationalteam.

Pirlo, die Spielmacherlegende der Gegenwart, und Binz, der Libero von einst: Zwei Namen, die wohl kaum jemand miteinander in Verbindung bringen würde. Und doch kreuzten sich ihre Karrierewege 1996/1997 in Italien, beim Zweitligisten Brescia Calcio, mit dem sie gemeinsam den Aufstieg in die Serie A feierten. Vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Bayern München und Juventus Turin (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) erinnert sich Binz an die Anfänge von Pirlos großer Karriere - und seinen ganz speziellen Beitrag dazu.

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Titel und Tore: Pirlos erfolgreiche Karriere
Pirlo kam damals aus der zweiten Mannschaft, der sogenannten Primavera (Frühling), zu den Profis, für Binz war es der Versuch, im Herbst der Karriere noch mal Spaß am Fußball zu finden. Er hatte in der legendären Frankfurt-Mannschaft der frühen Neunziger mit Andreas Möller, Anthony Yeboah und Uwe Bein gespielt. In Brescia traf er einen 17-Jährigen, schmal, schüchtern, mit langen schwarzen Haaren: Andrea Pirlo.

Binz und Pirlo übten nach dem Training Freistöße

"Er war damals bei uns klassischer Zehner", erzählt Binz: "Nicht wie heute Spielmacher vor der eigenen Abwehr." Allerdings war der künftige Weltstar nur Ersatz. Fast jeden Tag, wenn das Training vorbei war, blieben Binz und Pirlo damals länger. "Wir haben Freistöße geübt", sagt Binz.

Pirlo habe von ihm wissen wollen, wie er diese Freistöße schieße, hart und mit viel Effet. "Ich habe ihm gesagt: 'Den linken Fuß neben den Ball und dann drei Schritte zurückgehen'", so Binz. Heute zählen Standards zu Pirlos großen Stärken. Damals sei es schön gewesen, dem ehrgeizigen Talent noch etwas beibringen zu können. Alle hätten gewusst, was für ein Ausnahmespieler da heranwuchs, die Qualität war einfach nicht zu übersehen. "Vor allem diese unglaublichen Pässe, egal ob mit links oder mit rechts, die konnte er damals schon", so Binz.

Diese Pässe haben Pirlo den Spitznamen "Architekt" eingebracht, weil er mit ihnen das Spiel seiner Mannschaft aufbaut. Vor allem aber reißt Pirlo mit seinen Anspielen gegnerische Mauern ein. Ein Blick, sein Bein schwingt durch, und schon kann Pirlo Chaos selbst in Abwehrreihen bringen, die so gut organisiert sind wie die spanische im Gruppenspiel der EM 2012. Damals schickte er Antonio Di Natale zum 1:0 auf den Weg (Endstand 1:1).

Pirlo leitete das Ende des deutschen Sommermärchens ein

Kein Team aber hat Pirlos Genialität härter zu spüren bekommen als die deutsche Nationalmannschaft. Weltmeisterschaft 2006, Dortmund, Halbfinale, Deutschland gegen Italien: 119 Minuten versuchten beide Mannschaften, beim Gegner eine Schwachstelle zu finden. Pirlo fand sie, mit einem Pass auf Fabio Grosso, 1:0, Endstand 2:0, das Ende des deutschen Sommermärchens.

Sechs Jahre später, wieder Halbfinale zwischen Deutschland und Italien, diesmal bei der EM in Polen und der Ukraine. Der überragende Pirlo hatte seine Italiener überraschend zum Mitfavoriten gemacht. Der Respekt von Joachim Löw vor Pirlo war so groß, dass der Bundestrainer seine Taktik umstellte. "Wir müssen Pirlo in seinem Radius stören", forderte Löw, doch Pirlo war nicht greifbar. Sein Pass leitete das 1:0 der Italiener ein, wieder schuf er Chaos, am Ende hieß es 2:1.

"Andrea ist immer wahnsinnig viel gelaufen"

"Ich habe selten einen Spieler mit so einer Ballsicherheit gesehen", erinnert sich Binz. Pirlo verstehe es auch, sich jeder Bewachung durch enorme Wendigkeit zu entziehen. So sehr gerät Binz ins Schwärmen, wenn er von Pirlo spricht, dass man sicherheitshalber noch einmal nachfragt, als der inzwischen 47-Jährige sagt: "Damals bei Brescia war er auch schon enorm laufstark." Pirlo laufstark? Der Mann, der oft mehr schlurft und schleicht statt zu sprinten? "Ja", sagt Binz, "Andrea ist immer wahnsinnig viel gelaufen."

Tatsächlich gibt es im Weltfußball zwei Geschwindigkeiten. Die moderne, rasende, vorgelebt und immer weiter gesteigert von Mannschaften wie Borussia Dortmund und Spielern wie Cristiano Ronaldo. Jede Bewegung ein Sprint, jeder Pass ein Geschoss.

Und dann gibt es das Tempo von Pirlo. Seine Bewegungen sind reduziert auf die Essenz. Läuft Pirlo in einen freien Raum, bekommt er den Ball. Es ist fast ein Gesetz, bei Juve wie in der Nationalmannschaft. Kurze Wege, passen, anbieten, passen, anbieten, passen. Im EM-Halbfinale gegen Deutschland kam Pirlo so auf eine Laufleistung von mehr als zwölf Kilometern und lief damit mehr als Bastian Schweinsteiger.

Im Finale gegen Spanien, das Italien 0:4 verlor, war Pirlo fast nicht zu sehen. Auch solche Spiele von ihm gibt es. Den Münchnern muss das Mut machen. Denn wer Pirlo kontrollieren kann, kontrolliert die Mannschaft, in der er spielt.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Wer ist, bitte schoen, Manfred Binz?
Altesocke 02.04.2013
" legendären Bundesliga-Libero [...] Manfred Binz " Ah ja, mit der Ansage legendär haette ich nie im Leben diesen Namen verbunden.
2.
rumsi 02.04.2013
Zitat von Altesocke" legendären Bundesliga-Libero [...] Manfred Binz " Ah ja, mit der Ansage legendär haette ich nie im Leben diesen Namen verbunden.
altesocke, wenn Sie Binz nicht kennen, sind Sie wohl deutlich jünger als Ihr Synonym glauben lässt. .
3. altesocke?
alex2007 02.04.2013
ja und? Außerdem war mit legendär die Mannschaft gemeint und nicht der Spieler.
4. Lol
Altesocke 02.04.2013
Zitat von alex2007ja und? Außerdem war mit legendär die Mannschaft gemeint und nicht der Spieler.
"Sein Handwerk hat Pirlo von einem legendären Bundesliga-Libero gelernt" Welche Mannschaft wird in obigem Zitat gemeint sein? Bitte um Aufklaerung! Na, nicht wirklich. Bei der Politik, unserer Regierungen heutzutage, sag ich mal 'Gott sei Dank'! Sagt mir aber wirklich nichts, der Name. Somit ist das mit dem legendaer schon (zumindest fuer mich) etwas fraglich. Kann ich mich doch gut an andere legendaere Spieler, sogar aus den 70igern, durchaus erinnern. Zumindest wenn der Name faellt, faellt dann auch der 'Groschen'! Aber hier bringt noch nichtmal Wiki / Europameisterschaft 1992 etwas. Sorry.
5. Pfiffigkeit
donadoni 02.04.2013
Auszugehen ist davon, dass italienische Raffinesse sich (meistens) durchsetzt gegen das fast drollige, aber immer einfältigeTeutsche, nicht nur im Fußball oder Sport allgemein. Hier elegante Armani-Anzüge, da grobschlächtiger Bratwurstcharme. Pirlo und Honess verteten schon im Outfit die beiden Stilrichtungen. Juve wird es auch Bayern zeigen, was sacro egoismo ist und erinnert an erfolgreiche italienische Jahren vor 70 Jahren.
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