Real-Star Marcelo Der heimliche Weltfußballer

Er steht im Schatten von Cristiano Ronaldo, doch Marcelo zählt zu den wahren Stars bei Real Madrid. Jetzt könnte er den dritten Champions-League-Titel in Serie holen. Was macht ihn so einzigartig?

Real Madrids Marcelo
AFP

Real Madrids Marcelo

Von


Ein kurzer Blick nach rechts genügte, und Marcelo wusste, was zu tun war. Der Brasilianer hatte im Achtelfinal-Hinspiel gegen Paris Saint-Germain soeben die Mittellinie überquert und einen Pass gespielt, der die Zuschauer im ausverkaufen Bernabéu-Stadion aufspringen ließ. Das flache Zuspiel quer über den Platz erreichte den mitgelaufenen Cristiano Ronaldo millimetergenau. Dass der fünffache Weltfußballer den Konter nicht mit einem Tor veredeln konnte, war nur ein Schönheitsfehler.

Der perfekt getimte Pass geriet im Laufe der Partie angesichts einer weiteren Ronaldo-Gala in den Hintergrund. Trotz seines Treffers zum 3:1-Endstand in der 86. Minute war es wieder einmal nicht Marcelo, der im Mittelpunkt stand. Der Ruhm galt anderen.

Seit 2007 trägt der Linksverteidiger das Trikot von Real Madrid. Mit den Königlichen gewann er unter Trainern wie José Mourinho, Carlo Ancelotti und Zinédine Zidane dreimal die Champions League und vier Meistertitel. Mit 444 absolvierten Pflichtspielen wird er in einem Atemzug mit den großen Vereinslegenden genannt.

Im Viertelfinal-Rückspiel gegen Juventus am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird er wieder in der Startformation stehen. Was sonst?

Beachsoccer an den Stränden von Rio de Janeiro

Die Position des Linksverteidigers ist im Weltfußball traditionell schwer zu besetzen. Nur wenige Profis erfüllen die Vorgaben, die der moderne Fußball an sie stellt. Marcelo hingegen versteht es perfekt, solide Defensivarbeit mit temporeichen Gegenstößen zu vereinen. Vor allem sein Spiel in der gegnerischen Hälfte wird gefürchtet. Im aktuellen Kader von Real kommen nur Ronaldo (131) und Karim Benzema (114) auf mehr Torvorlagen als Marcelo (83).

Die Spielweise des 30-Jährigen ist spektakulär. Das liegt vor allem daran, dass er sich erst im Alter von 13 Jahren dazu entschloss, in die Jugendabteilung von Fluminense zu wechseln. Zuvor zog er es vor, Futsal und Beachsoccer an den Stränden von Rio de Janeiro zu spielen. Technik und Schnelligkeit werden hierbei eine noch größere Bedeutung beigemessen als im Feldfußball.

 Marcelo im Zweikampf mit Werder Bremens Boubacar Sanogo 2007
REUTERS

Marcelo im Zweikampf mit Werder Bremens Boubacar Sanogo 2007

Marcelo führt den Ball - wie im Futsal üblich - häufig mit der Sohle, sucht immer den direkten Weg zum Tor. Seine Flanken fliegen mal gefühlvoll, mal mit voller Wucht in den Strafraum des Gegners. Seine Hereingaben sind zumeist so präzise, dass die Abnehmer in der Mitte den Ball oft nur noch von ihren Füßen abtropfen lassen müssen.

Als Marcelo 2007 seine Heimat verließ, um nach Madrid zu wechseln, wussten die Real-Verantwortlichen, dass ihnen mit dem Transfer ein großer Coup gelungen war. Der damals 18-Jährige wurde mit einem Sechsjahresvertrag ausgestattet und als Nachfolger von Roberto Carlos angepriesen. Der damals beste Linksverteidiger der Welt spielte seine letzte Saison im Trikot von Real und sollte Marcelo dabei helfen, den Übergang einzuleiten.

"Ich möchte keinen anderen Linksverteidiger mehr haben"

Bernd Schuster erkannte das Talent des Brasilianers schnell. Der Meistertrainer von 2008 gab Marcelo den Vorzug vor dem deutlich erfahreneren argentinischen Nationalspieler Gabriel Heinze. Auch als Real 2011 Fábio Coentrão für 30 Millionen Euro verpflichtete, führte an Marcelo kein Weg vorbei - trotz der anfänglichen Skepsis seines damaligen Coaches Mourinho: "Als ich hier ankam, mochte ich ihn nicht, weil er alles andere war als ein Verteidiger. Jetzt habe ich mich in ihn verliebt. Ich möchte keinen anderen Linksverteidiger mehr haben", sagte der Portugiese, der heute Manchester United trainiert.

Marcelo zählt überdies zu den fairsten Spielern seines Teams. Erst im September vergangenen Jahres sah er in der Begegnung gegen UD Levante seine erste Rote Karte. Im Vergleich zu Defensivkollege Sergio Ramos, der bereits 19 Mal vom Platz geflogen ist, verhält sich Marcelo auf dem Platz wie ein Gentleman. Er wirkt weniger verbissen als Ronaldo und andere Stars, der Spaß scheint bei ihm immer noch im Vordergrund zu stehen.

Mit seinem Team hat er in diesem Jahr die Chance, zum dritten Mal in Folge die Champions League zu gewinnen. Die zwischenzeitliche Formkrise ist nach elf Siegen aus den vergangenen 13 Partien überwunden. Sollte die Mannschaft am 26. Mai im Finale der Königklasse erneut triumphieren, wird vermutlich wieder Ronaldo im Mittelpunkt stehen.

Marcelo wird das egal sein.



insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spmc-125536125024537 11.04.2018
1. Gentleman?
Das mag ja über den Gesamtverlauf seiner Karriere zutreffen. Ich habe ihn aber aus dem WM Halbfinale als Schwalbenkönig und Elfmeterschinder (gegen Lahm) in Erinnerung. Außerdem rannte er kopflos nach vorne und über seine Seite fielen zwei Tore. Später in der CL gegen Wolfsburg versetze er seinem Gegenspieler einen Kopfstoß in den Brustkorb, warf sich danach theatralisch zu Boden und forderte einen Platzverweis. Und das nicht zum ersten Mal. Ich mag ihn nicht
erbebraun 11.04.2018
2. Aber bitte!
Lieber Herr Midasch, das ist eine der gravierensten Fehleinschätzungen, die ich inpucto Fussball je gelesen habe. Marcelo hat sich in der Vergangenheit in kritischen Spielen sehr, sehr anfällig präsentiert. Er verfügt leider über ein sehr schwaches Nervenkostüm. Das 1 zu 7 im Halbfinale gegen Deutschland hat er wesentlich mit zu verantworten. In schwierigen Spielen in der Liga und der Champions League leistet er sich insbesondere zu Beginn Fehlpässe ohne Ende. Er lebt von eine herrvorragenden Physis und einer aktuell sehr gut eingespielten Manschaft.
mozi 11.04.2018
3. Fairness?
Dieser Artikel hat mir eine andere Sichtweise dieses Spielers vermittelt, der mir bis anhin lediglich als grossartiger Schauspieler aufgefallen ist; danke dafür! Wie er allerdings zum Titel des fairsten Spieler gelangt ist, ist mir jedoch schleierhaft, es sei denn, ausgeprägte Schlitzohrigkeit gehört auch zum Fairnesscodex....
driedfuchs 11.04.2018
4. Erinnerung an CL gegen Wolfsburg ..
Seit der lächerlichen Schwalbe gegen Wolfsburg in der CL vor 2 oder 3 Jahren, ist Marcelo bei mir unten durch. Und hier im Artikel wird er noch für seine Fairness gelobt ...
halverhahn 11.04.2018
5. Marcelo wird überbewertet!!
Zugegeben, ist ist technisch stärker als viele andere sogenannte Top-Spieler auf seiner Position... und er hat es auch mit Dribblings. Und nen guten linken Fuß. Nur, im Defensiv-Spiel offenbart er häufig eklatante Schwächen. Quasi kein Kopfballspiel gegen seinen direkt Mann/Stürmer vorhanden. Und körperlich hat er gegen eckige/kantige Offensivspieler häufiger mal schwer „alt“ ausgesehen... Das sieht bei ihm eh so aus, als sei er umgeschult worden. Vom offensiven (Mittelfeld)Spieler zum linken Verteidiger... Und hinten reingedrängt, ist nicht gerade sein Spiel. Die besten Szenen hat er in aller Regel, wenn er offensiver spielen kann. Von daher ist Marcelo für mich ein guter Verteidiger aber kein absoluter Top-Mann auf dieser Position!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.