Champions League Milan fürchtet den Auftritt bei den Bayern

Offensiv geht Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld in das Rückspiel gegen den AC Mailand: "Wir wollen nicht auf null zu null spielen." Sein Gegenüber Carlo Ancelotti dagegen verfiel angesichts des Unentschiedens in Lethargie.

Von Vincenzo Delle Donne, Mailand


Carlo Ancelotti schien gar nicht da zu sein. Der Trainer des AC Mailand saß zwar bei der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen den FC Bayern auf seinem Stuhl, aber er blickte so gedankenverloren in den Raum, als wünsche er sich, überall woanders zu sein, nur nicht hier, wo man ihm missliebige Fragen über seine Taktik stellte. Vielleicht sehnte sich Ancelotti zurück auf den Platz, zurück in die 40. Minute, als ihm sein Spielmacher Andrea Pirlo jubelnd in die Arme fiel. 1:0 führte Milan - und die Pläne des Trainers schienen gegen alle Widerstände aufzugehen.

Denn Ancelotti hatte es gewagt, eine Order seines Präsidenten Silvio Berlusconi abzulehnen, der verlangt hatte, mit zwei Spitzen anzutreten. Doch der Coach beharrte auf seinem System, in dem nur Alberto Gilardino den Begriff Stürmer verdiente. Später ersetzte er ihn durch Filippo Inzaghi, nachdem Gilardino sich in harten Zweikämpfen mit van Buyten aufgerieben hatte. Ancelotti hoffte darauf, dass seine Kreativstars Kaka und Pirlo, die hinter der einzigen Spitze aufrücken sollten, den kleinen Unterschied ausmachen würden. Dieser Plan ging sogar auf: Pirlo nutzte eine missglückte Abseitsfalle für seinen Treffer, Kaka provozierte zumindest einen - unberechtigten - Elfmeter und verwandelte ihn gleich selbst.

Doch zwei eklatante Fehler in der Milan-Abwehr, die zu den Ausgleichstreffern führten, vermasselten alles. Zunächst war der wieder genesene Abwehrspieler Alessandro Nesta zu weit weg von van Buyten, als der in der 77. Minute in der Manier eines Stürmers das 1:1 erzielte. Beim erneuten Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit legte ihm dann Massimo Ambrosini unfreiwillig den Ball zurecht.

Weil Ancelotti es müde war, wieder einmal in dieser für Milan ohnehin reichlich unerfreulichen Saison alle Fehler zu erklären, die seine alternden Stars produzieren, flüchtete sich der 47-Jährige ins Vage: "Ich kann nicht verhehlen, dass wir ein bisschen niedergeschlagen sind über das Resultat." Beim Rückspiel werde es daher schwer sein, sich für das Halbfinale zu qualifizieren. Ah ja. Eher ist es wohl so, dass ein Auswärtssieg her muss, damit Ancelotti weiter im Amt bleiben darf.

Ottmar Hitzfeld dagegen sitzt nach dem Unentschieden beim einstigen Angstgegner fester im Sattel denn je - und zeigte sich alles andere als lethargisch. Den Vorwurf der Mittelmäßigkeit wollte er schon gar nicht auf sich sitzen lassen. "Das sehe ich nicht so. Meine Mannschaft hat eine Stunde lang sehr guten Fußball gespielt", sagte er und verwies auf spielerische Akzente, die außer ihm allerdings kaum jemand bemerkt hatte. Von einer europäischen Spitzenmannschaft ist der deutsche Rekordmeister derzeit noch weit entfernt - ebenso wie der AC Mailand. Bei den Italienern der Mannschaft fehlt indes der nötige Zusammenhalt, der zumindest gewisse Qualitätsmängel kaschieren kann. Ein Beleg dafür war, dass sich Kapitän Paolo Maldini demonstrativ weigerte, vor dem Anpfiff das Ritual des Einschwörens auf den Zusammenhalt mit seinen Kameraden zu zelebrieren.

Die Ausgangsposition für das Rückspiel könnte für Bayern München indes nicht besser sein. "Wir wollen nicht auf null zu null spielen", sagte Hitzfeld. Reichen würde es ja, um weiterzukommen. Doch ohne Willy Sagnol, der sich in Mailand am Meniskus verletzte und bis zum Saisonende ausfällt, dürfte es dennoch nicht leicht werden. Andererseits ist wieder Mark van Bommel spielberechtigt. "In den letzten Monaten hat er sich besonders im Defensivverhalten gesteigert", lobte ihn der Bayern-Trainer, ehe er seinen Gastgebern ein bisschen schmeichelte und "Milans spritziges Offensivspiel" hervorhob. Eine schöne Geste, die vor allem der Trainer des AC Mailand gern gehört haben dürfte. Aber da wirkte der schon wieder ziemlich abwesend.

Vielleicht hätte Hitzfeld lieber seinem Torwart extra danken sollen. Der überragende Michael Rensing verhinderte mit Weltklasse-Reflexen mehrmals die Führung durch Gilardino. Er ist längst mehr als nur ein Ersatz für Oliver Kahn. Nach der Partie wurde Rensing übrigens für die Dopingprobe ausgelost. Von Ausrastern und fliegenden Urinbechern ist bisher nichts bekannt.

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