Man muss mit Thomas Müller anfangen, um dieses 4:0 des FC Bayern München gegen den FC Barcelona im Halbfinal-Hinspiel der Champions League einordnen zu können. Und das Selbstverständnis, mit dem dieser Club gerade seine Siege erringt. Nicht mehr nur in der Bundesliga und im DFB-Pokal, sondern nun auch gegen die Allergrößten im internationalen Fußball.
Müller also, dieser 23-jährige Oberbayer mit den dünnen Beinen und dem Schalk im Nacken, wollte in der 81. Spielminute ausgewechselt werden. Der Torschütze zum 1:0 hatte sich bei einem Zweikampf mit Barça-Torwart Victor Valdés verletzt. Müller zeigte dies seinem Trainer Jupp Heynckes an. Doch der Wechsel blieb aus. Also machte Müller humpelnd weiter, er lief zur Südtribüne, hob beide Arme, um das Publikum zu animieren.
Dann schlug er sich mit der Hand auf die Stelle seines Trikots, wo das Bayern-Wappen sitzt - eine Geste, die die Treue zum Verein verdeutlichen soll. Kurze Zeit später ballte er die Faust und machte die "Säge". Es war ein Schauspiel, das man ansonsten fast nie sieht, bevor ein Fußballspiel zu Ende ist. Und das die ganze Überlegenheit der Bayern demonstrierte. Eine Minute später traf Müller zum 4:0.
"Wenn man das ganze Spiel beobachtet, dann war das kein Zufall und kein großes Wunder. Wir haben gezeigt, dass wir da sind, wenn es darauf ankommt. Aber auch, wenn es nicht darauf ankommt", sagte Müller später. Er meinte nicht nur das Spiel gegen Barcelona. Sondern auch den eigentlich bedeutungslosen 6:1-Bundesliga-Sieg in Hannover vom Samstag. Nichts kann den Deutschen Meister erschüttern, das war seine Botschaft.
"Man kann theoretisch 180 Tore machen in einem Spiel"
Mit diesem Uns-kann-nichts-passieren-Gefühl, der Mischung aus totaler Fokussierung, selbstbewusster Bescheidenheit und offensichtlichem Spaß an dieser Saison scheint den Bayern jetzt alles zu gelingen. Zumindest auf der sportlichen Ebene. Es ist dabei einerlei, ob sie in Hannover spielen oder gegen Messi. Sie spielen ihr Spiel, wie im Rausch. Und das mit einem Verständnis, bei dem selbst Einzelkämpfer wie Arjen Robben oder Mario Gomez mittlerweile aufopferungsvoll Hilfsdienste in der Defensive verrichten.
"Entscheidend war die taktische Grundausrichtung, und dass wir nach hinten gearbeitet haben", sagte Heynckes und fügte hinzu: "Wir spielen auf einem sehr hohen Niveau, deswegen war es keine Überraschung, dass wir vier Tore geschossen haben."
Barcelona ließ den Ball zirkulieren, hatte mehr Ballbesitz, aber fast keine Torchance. Die Spanier fanden Messi nicht im Sturmzentrum, weil die Bayern dort geschickt die Räume verdichteten. So wurde der schnelle Floh zum Ball-Verteiler degradiert. Die ersten beiden Bayern-Tore durch Müller und Gomez fielen dagegen nach Eckbällen. Dort also, wo Barcelona seine größte Schwäche hat - in der Abwehr von Standardsituationen.
Doppeltorschütze Müller freute sich nach einem seiner wohl besten Spiele im Bayern-Dress sehr über den Erfolg, wollte aber trotz des hohen Sieges noch keine Glückwünsche zur Finalteilnahme entgegennehmen. "4:0 ist ein Vorsprung, der nicht ganz so schlecht ist. Aber die Dortmunder haben gegen Málaga auch in der 90. Minute zwei Tore geschossen. Dann kann man also theoretisch 180 Tore machen in einem Spiel", sagte Müller. Es war seine Art, Demut zu zeigen. Und sie passte durchaus zu diesem großen Fußballabend, der es vollbrachte, sogar die Steueraffäre Hoeneß zumindest für 90 Minuten komplett zu verdrängen.
FC Bayern München - FC Barcelona 4:0 (1:0)
1:0 Müller (25.)
2:0 Gomez (49.)
3:0 Robben (73.)
4:0 Müller (82.)
Bayern: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Alaba - Martínez, Schweinsteiger - Robben, Müller (83. Pizarro), Ribéry (88. Shaquiri)- Gomez (71. Gustavo)
Barcelona: Valdes - Alves, Pique, Bartra, Alba - Busquets - Xavi, Iniesta - Sanchez, Messi, Pedro (83. Villa)
Schiedsrichter: Kassai (Ungarn)
Zuschauer: 68.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Gomez (2), Martínez (4), Schweinsteiger (4) - Bartra, Sanchez, Alba (3), Iniesta
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