Dortmunds Champions-League-Aus Ganz groß gescheitert

Mit dem Aus in der Champions League geht bei Borussia Dortmund eine Europapokal-Ära zu Ende. Die Mannschaft muss in weiten Teilen umgebaut werden, im Sommer könnte es den großen Schnitt geben.

Von , Dortmund


Szenen eines traurigen Abschieds spielten sich in den Minuten nach dem 0:3 von Borussia Dortmund gegen Juventus Turin vor der Südtribüne ab. Den BVB-Anhängern hing eine schlimme Niederlage nach, aber statt zu schimpfen, sangen sie Lieder von Liebe und Treue.

Mit dem Spiel gegen die Italiener hatte diese Gänsehautstimmung wenig zu tun, die Leute bedankten sich einfach nur für eine große Europapokal-Ära ihres Teams, die mit dieser Niederlage vorerst endete. Das Publikum verabschiedete sich von der gefeierten Mannschaft, die ganz Europa begeistert hatte, in der Champions League magische Momente schuf und vor zwei Jahren sogar kurz davor war, den Titel zu gewinnen.

An diesem Abend aber sei endgültig klar geworden, dass der BVB in seiner gegenwärtigen Verfassung "keine Berechtigung" habe in der Champions League mitzuspielen, sagte Trainer Jürgen Klopp, nachdem sein Team von Turin klar beherrscht worden war. Kapitän Mats Hummels ergänzte: "Die erste Halbzeit war noch okay, die zweite Hälfte war unterirdisch, wir sind verdient rausgeflogen."

Ab jetzt ist Dortmund nur noch ein gewöhnlicher Tabellenzehnter der Bundesliga, der noch ein paar Punkte sammeln sollte, um sich nicht länger vom Abstieg bedroht fühlen zu müssen.

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Dortmunds Niederlage: Juve jubelt
Bis zum Mittwochabend war zumindest immer noch die Illusion vorhanden, dass eine Zauberkraft diese Mannschaft doch wieder in das alte Spitzenteam verwandeln könne. Diese Hoffnung wurde genährt von den guten Champions-League-Partien der Gruppenphase und von sporadischen Festtagen in der Bundesliga wie dem mitreißenden 3:0 gegen Schalke vor knapp drei Wochen. Nun aber sagte Torwart Roman Weidenfeller: "Wir hatten die ganze Saison einen Knacks." Und der ist längst nicht repariert.

"Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass Borussia Dortmund immer wiederkommt. Und ich hoffe, dass das auch für die Champions League gilt", so versuchte Hummels positive Gedanken zu formulieren. Hinter diesen Worten klingt aber auch eine Menge Ungewissheit hervor, denn die erforderliche Neuausrichtung des BVB wird eine komplizierte Angelegenheit. Wohl auch deshalb mochte Klopp erst mal nicht über die fernere Zukunft sprechen. "Jetzt geht es in Hannover weiter. Das ist für mich viel wichtiger als darüber nachzudenken, wie wir irgendwann wieder Juve schlagen."

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BVB-Einzelkritik: Reus gibt Rätsel auf
Aber es wird wohl eine Zäsur bei der Borussia geben. Von nun an wird an einer wirklich neuen Mannschaft gearbeitet, statt das Wesen der Teams, die 2011 und 2012 Deutscher Meister wurden, wiederbeleben zu wollen. Dieser Versuch ist gescheitert.

Das Problem mit dem Verletzungspech, das den BVB über Monate, ja, Jahre begleitet hat, ist nicht mehr existent. Den ganz großen Druck des Abstiegskampfs haben sie beim BVB in den Griff bekommen. Und der Ärger um einen möglichen Vereinswechsel von Marco Reus ist auch aus der Welt. Außerdem hatte die Mannschaft mittlerweile viele gemeinsame Trainingseinheiten, um ein funktionierendes Spielkonzept auszubilden. Trotzdem läuft es nicht. Die Erklärungen, die während der vergangenen Monate für den Misserfolg herhielten, taugen nicht mehr.

Bei der Ursachenforschung der Juve-Pleite verlor sich Klopp im Detail. "In den entscheidenden Räumen fehlt bei uns die Kompromisslosigkeit", sagte er auf die Frage nach den Gründen für die Harmlosigkeit in der Offensive. Neven Subotic ergänzte: "Teilweise hat uns die Gier gefehlt." Mut, Leichtigkeit und Entschlossenheit, jene Eigenschaften, die den Klub in den vergangenen Jahren zu großen Leistungen beflügelten, sind Kräfte, die sich das Team erst neu erarbeiten muss.

Daher verdichtet sich die Erkenntnis, dass Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc und Trainer Klopp den BVB zumindest auf sportlicher Ebene runderneuern müssen. Und das wird kompliziert, denn die Versuche, diesen Umbau mit teuren Transfers hinzubekommen, sind bisher nicht geglückt.

Mehr als hundert Millionen Euro wurden während der vergangenen knapp zwei Jahren in Spieler wie Pierre-Emerick Aubameyang, Henrich Mchitarjan, Sokratis, Ciro Immobile, Adrian Ramos, Matthias Ginter, Nuri Sahin und Kevin Kampl investiert. Das Ergebnis ist ernüchternd. Daher könnte es im Sommer den großen Schnitt geben. Es wird wohl ein ganz anderer BVB auf dem Rasen stehen, wenn in Dortmund zum nächsten Mal die Champions-League-Hymne erklingt.



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insgesamt 192 Beiträge
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sanojb 19.03.2015
1. Bvb 2015
Die aktuelle Dortmunder Mannschaft ist ganz weit von den Meistermannschaften entfernt. Das liegt nicht nur an den Abgängen von Götze und Lewandowski, sondern auch an einer (mMn) anderen Philosophie. Talente wie Leitner oder Hofmann werden verliehen, teure "Stars" wie Immobile und Ramos gekauft. Da werden Erinnerungen an Ewerthon, Amoroso und Co. und die damit verbundene fast-Insolvenz wach. Ich habe es schon in mehreren Beiträgen erwähnt: Der BVB hätte sich damit abfinden sollen, ein paar Jahre um Platz 2-5 zu spielen, anstatt mit aller Macht den Bayern Paroli bieten zu wollen. So ist nämlich (leider) das genaue Gegenteil eingetreten: Eine auf Biegen und Brechen mit vielen Millionen zusammengekaufte Truppe funktioniert einfach nicht. Darüber kann auch das kleine Hoch in der Bundesliga nicht hinwegtäuschen.
fussl 19.03.2015
2. Ursachenforschung
Wirklich bemerkenswert finde ich, dass ich in all den Monaten seit Saisonbeginn (und damit dem Beginn der sportlichen BvB-Misere) keine einzige wirklich stichhaltige Analyse zu DEN Ursachen gelesen oder gehört/gesehen habe. Spätestens Morgen wird man dann wieder lesen, dass die bösen Bayern schuld sind, die alle anderen kaputt kaufen - gleichermaßen billig wie falsch. Echte Armut!
roppel 19.03.2015
3. Sollte der BVB...
jetzt ein weiteres Jahr an Klopp festhalten prophezeie ich Stagnation! Sicher hat er viel für den Verein geleistet, mittlerweile ist er ein Bremsklotz, taktisch und mental! Da kommt nichts mehr, verklärende Romantik mit dem Blick auf die Vergangenheit ist kontraproduktiv, noch ein Jahr Klopp und der Verein ist endgültig wieder da, wo er vor ihm war!
nummer50 19.03.2015
4. Gespannt
Na da bin ich mal gespannt, wie so ein Neuaufbau aussehen wird. So einfach wie sich das manche vorstellen geht das auch nicht. In Dortmund sind mittlerweile auch Erwartungen vorhanden, das Umfeld will keine 3-4 Jahre BL Mittelmaß sehen. Man konnte es gestern im Stadion feststellen, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, dann verlassen auch dort die Zuschauer das Stadion. Die gelb-schwarzen sind auch nur ein normaler BL-Verein, von wegen besondere Fans und Mythos.
JBond 19.03.2015
5.
"Das Problem mit dem Verletzungspech, das den BVB über Monate, ja, Jahre begleitet hat, ist nicht mehr existent." Nur weil wieder ein paar Spieler mehr im Kader sind, heißt das noch lange nicht, dass sie ihre Form von vor der Verletzung wieder erreicht haben - gerade auf der 6er-Position fehlen eingespielte Spielzüge und damit der Kitt zwischen Abwehr und Angriff (Bender noch nicht wieder fit - Gündogan fehlt noch Spielpraxis). Dazu haben gestern nach VERLETZUNG von Schmelzer ein Innenverteidiger(Sokratis) und ein Flügelspieler(Kuba) als Außenverteidiger gespielt, weil alle 4 gelernten AV (Durm, Schmelzer, Piczszek, Großkreutz) verletzt sind. Und prompt fällt das 2:0, weil ein Offensivmann wie Kuba halt die Abseitsfalle nicht so im Blut hat. Das ist jetzt sicher nicht das einzige Problem - da gestern vor allem auch die Offensive komplett versagt hat...aber zu behaupten, der BVB hätte keine Verletzten mehr und gestern in Bestbesetzung gespielt, ist einfach absurd.
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