Champions League Randale in Russland

Wenn der Hamburger SV heute Abend zur Champions-League-Partie bei ZSKA Moskau antritt, müssen die mitgereisten Fans besonders aufpassen. Eine stetig wachsende Hooliganszene sorgt in Russland immer wieder für gewalttätige Ausschreitungen. Manchmal sind sogar die Spieler gefährdet.

Von André Ballin, Moskau


Spaziergängern in der Moskauer Parkanlage Tschistye Prudy bot sich vor kurzem ein schreckliches Schauspiel. Ein Jugendlicher rannte über den Rasen, verfolgt von einer Horde gleichaltriger Hooligans in roten Hemden. Als er über den Zaun springen wollte, um sich in Sicherheit zu bringen, holte ihn die Meute ein. Gnadenlos zerrten die Schläger ihr Opfer herunter und prügelten darauf ein. Als dem jungen Mann eine Bierflasche auf dem Kopf zertrümmert wurde, verlor er das Bewusstsein. Doch die Bande trat weiter auf den Wehrlosen ein.

ZSKA-Hooligans (bei einem Spiel in Skopje 2003): Englische Vorbilder
DPA

ZSKA-Hooligans (bei einem Spiel in Skopje 2003): Englische Vorbilder

Die roten Hemden, zum Teil mit Rückennummern und Spielernamen versehen, zeigten eindeutig, wer die Gewalttäter waren: Anhänger von Spartak Moskau - das Team spielt üblicherweise in roten Trikots. In der Champions League tritt das Team auch gegen den FC Bayern an. Wenn die Fans der Münchner am 22. November zum Auswärtsspiel in die russische Hauptstadt reisen, müssen sie deshalb besondere Vorsicht walten lassen - ebenso wie die HSV-Fans, die bereits heute Abend (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zum Gastspiel ihres Clubs bei Spartaks Stadtrivalen ZSKA ins Dynamo-Stadion pilgern.

Geldstrafe und Bewährung für ZSKA

Denn auch beim Armeesportclub hat sich eine gewaltbereite Hooliganszene etabliert. Treffen ZSKA und Spartak aufeinander, dann sichern Großaufgebote der Polizei das Stadion und das angrenzende Territorium ab - was nicht immer vor Ausschreitungen schützt. Beim Meisterschaftsderby am 9. September (2:2) kam es schon vor dem Anpfiff zu einer Massenschlägerei. Jeweils etwa 60 gewaltbereite Fans beider Mannschaften prügelten an einer U-Bahn-Station im Süden Moskaus aufeinander ein. Immerhin gelang es der Polizei, größere Randale zu unterbinden, Verletzte gab es trotzdem.

Ausschreitungen sind bei Spielen der Moskauer Vereine keine Ausnahme mehr. Mitunter sind sogar die Spieler gefährdet. Im Uefa-Cup-Halbfinale 2005 gegen den FC Parma warfen ZSKA-Hooligans einen Feuerwerkskörper aufs Spielfeld, der unmittelbar neben dem italienischen Schlussmann Luca Bucci explodierte. Bucci wurde daraufhin ausgewechselt und musste die Nacht mit Hörproblemen, Kopfschmerzen und Übelkeit im Krankenhaus verbringen. Parma verlor das Spiel 0:3, ZSKA stand trotz eines Protests der Italiener im Finale des Uefa-Cups - und gewann 3:1 gegen Sporting Lissabon. Doch die Sanktionen gegen ZSKA waren empfindlich. Neben einer Geldstrafe in Höhe von 65.000 Euro mussten die Russen auch ein Europacup-Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit hinnehmen. Die Bewährungsfrist der Moskauer läuft immer noch.

Randalierer halten diese Strafen freilich kaum von ihrem Treiben ab. Immer wieder kommt es vor, während und nach den Spielen zu Randalen. Gerade in den Reihen der Anhänger von ZSKA und Spartak Moskau, aber auch beim Erstligarivalen Zenit St. Petersburg gibt es eine große Anzahl von Hooligans, die zwar statistisch die Minderheit in den Stadien bildet - aber die Szenerie beherrscht.

Wie rücksichtslos die Gewalttäter vorgehen, weiß Juri aus Moskau. Er ist in der Friedensbewegung aktiv und nebenbei Anhänger des Traditionsvereins Dynamo Moskau. Bei einer Reise nach St. Petersburg wurden er und seine Freunde auf offener Straße von Zenit-Fans angegriffen, weil sie die falschen Schals umhatten. "Mit Metallstangen schlugen sie auf uns ein. Ich habe nur versucht, meinen Kopf vor den Schlägen zu schützen, sich zu wehren hatte gar keinen Sinn", berichtet Juri. Der junge Mann hatte Glück im Unglück. Er lag mehrere Tage lang mit schweren Blutungen und Prellungen im Krankenhaus, trug aber wie durch ein Wunder keine bleibenden Verletzungen davon.

Internationale Dimension

Doch nicht nur Russen trifft die Gewalt. Obwohl in praktisch allen russischen Clubs dunkelhäutige Spieler aus Südamerika und Afrika kicken, sind viele der gewalttätigen Fan-Vereinigungen rassistisch geprägt. Berüchtigt sind vor allem die "Flint's Crew" von Spartak oder die "Red Blue Warriors Crew" von ZSKA. Die Orientierung der russischen Hooligans an englischen Vorbildern wird hier schon bei der Namensgebung deutlich. Allein diese beiden Organisationen sollen bis zu 1000 Schläger unter ihren Flaggen vereinen, Tendenz steigend. Denn in gleichem Maße, in dem die beiden Vereine seit Gründung der eigenständigen russischen Liga 1992 die Meisterschaft dominieren (Spartak gewann neun Titel, der Armeeclub ZSKA zwei), nimmt die Anzahl und Stärke ihrer Hooligans zu. Und seit Spartak, das bereits dreimal das Halbfinale im Uefa-Cup erreichte, und ZSKA auch in europäischen Clubwettbewerben Erfolge feiern, hat das Problem eine internationale Dimension bekommen.

Die Partie von ZSKA gegen den HSV am Abend wird deshalb unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen ausgetragen. Mehrere Tausend Polizisten sollen jeden Ansatz von Gewalt schon im Keim ersticken. Allerdings müssen sich Hamburg-Fans auch vor den Sicherheitskräften in Acht nehmen, denn Deeskalation zählt nicht gerade zu den Stärken russischer Milizionäre. So haben sich in der Vergangenheit nicht selten Fans – wohlgemerkt keine Rowdys - darüber beschwert, dass übertrieben hartes Vorgehen der Polizei die Gewalt nur noch angeheizt habe.

Bei Ausländern haben es Milizionäre allerdings in erster Linie auf den Geldbeutel abgesehen. Wer in Stadionnähe "wild pinkeln" gehen will, sollte sich das in Moskau dreimal überlegen. Die Miliz kassiert dafür umgehend saftige Ordnungsstrafen. Das Geld wandert dann in der Regel in die eigene Tasche.



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