Aus Madrid berichtet Tim Röhn
Auf dem Podium im Saal "Neptun" des Fünf-Sterne-Hotels "The Westin Palace" saßen zwei blonde Männer in Trainingsklamotten und flüsterten sich immer wieder etwas zu. Beide grinsten, als hätten sie gerade etwas ausgeheckt. Zwei Lausbuben. Zwei, auf die es am Mittwoch ankommt.
Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger waren richtig gut drauf bei der Pressekonferenz vor dem Halbfinal-Rückspiel in der Champions League am Mittwoch bei Real Madrid (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Von Anspannung war bei den Profis des FC Bayern München nichts zu spüren, aber vielleicht war diese Lockerheit auch nur gespielt.
Jedenfalls sagte Torhüter Neuer mit ruhiger Stimme: "Real wird auf Angriff spielen. Da wird viel auf mich zu kommen. Ich gehe davon aus, dass ich gefordert werde." Das zu erwartende Offensiv-Spektakel der Spanier - es macht den besten deutschen Keeper offenbar nicht nervös.
Bilanz des Offensiv-Trios von Real: 87 Tore
Nach dem 2:1-Hinspielsieg der Bayern, den Stürmer Mario Gomez mit einem späten Tor perfekt gemacht hatte, ist vor dem zweiten Aufeinandertreffen alles offen. Der deutsche Rekordmeister hat in München gezeigt, dass er sich in Bestform auf Augenhöhe mit dem designierten spanischen Titelträger befindet. Real hat allerdings zur Genüge bewiesen, dass es dank seiner hochklassigen Offensive mit Cristiano Ronaldo, Karim Benzema und Mesut Özil zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Tor erzielen kann. Zusammen kommt das Trio in dieser Saison auf 87 Pflichtspiel-Tore für Real. Schon ein einziges mehr könnte am Mittwochabend das Weiterkommen bedeuten.
Für den FC Bayern wäre ein Ausscheiden bitter: Man ist so nah dran am großen Ziel, hätte im Endspiel gegen den FC Chelsea alle Chancen. Präsident Uli Hoeneß hatte schon nach dem Viertelfinal-Sieg gegen Marseille gesagt, dass die Champions League in dieser Saison wichtiger sei als die Meisterschaft. Damals wusste man nicht so recht, ob Hoeneß dies angesichts des da noch bevorstehenden Duells mit Borussia Dortmund ernst meinte.
Nun steht der BVB aber zum zweiten Mal in Folge als Titelträger fest, die "Königsklasse" ist spätestens jetzt wichtiger als alles andere. Auch wichtiger als das DFB-Pokal-Finale gegen Dortmund. Und klar ist, dass diese Saison nur dann als gelungen abgehakt werden kann, wenn die Bayern am 19. Mai das Finale im eigenen Stadion bestreiten.
Der Traum, Geschichte zu schreiben
Die Münchner Bosse sehen das vermutlich genauso. Sie unterstrichen im Vorfeld noch einmal die Bedeutung des Duells. "Es ist so, dass ich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit jetzt auch nachts wieder an ein Fußballspiel denke", so Hoeneß. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der auf eine "bayerische Sternstunde" hofft, sagte: "Im eigenen Stadion im Finale zu stehen, ist etwas Historisches. Selbst von den größten Mannschaften wie Barcelona oder Madrid hat das noch keiner geschafft." Womit Rummenigge irrt: 1957 holte Real mit Legenden wie di Stefano und Gento in Bernabéu den Cup.
Die Bayern können es schaffen, wenn sie an jenem Ort bestehen, an dem sie vor knapp zwei Jahren eine schmerzliche Niederlage erlitten. Im Champions-League-Finale 2010, das im Madrider Bernabéu-Stadion stattfand, verlor die damals noch von Louis van Gaal trainierte Mannschaft 0:2 gegen José Maurinhos Inter Mailand.
"Auch für Real können 90 Minuten sehr lang sein"
Es war eine verdiente Schlappe damals, und vermutlich hatten die Journalisten der Sportzeitung "Marca" auch an diese gedacht, als sie am Dienstag auf Deutsch titelten: "90 Minuten in Bernabéu sind sehr lang." Diesen Satz hatte Real-Legende Juanito einst gesagt, seitdem gilt er als Sinnspruch für nötige Aufholjagden. Es war ein unfreundlicher Willkommensgruß für die Münchner, die am Mittag in Madrid gelandet waren.
Jupp Heynckes wurde in der Pressekonferenz auf diese Schlagzeile angesprochen. Er gab sich so selbstbewusst wie seine Spieler. Heynckes sagte mit einem siegessicheren Lächeln: "Da hat sich die 'Marca' etwas Originelles ausgedacht. Ich finde das toll. Aber auch für Real können 90 Minuten sehr lang sein."
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