Real-Madrid-Trainer Ancelotti Carlo der Große

Er ist der Friedensstifter von Madrid: Carlo Ancelotti hat Real eine neue Mentalität eingetrichtert, lobt Topstar Cristiano Ronaldo. Der Trainer hat jetzt eine sensationelle Bilanz: Als Spieler gewann er die Königsklasse zweimal - als Trainer sogar dreimal.

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Aus Lissabon berichtet


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Carlo Ancelotti trug seine Worte mit Bedacht vor: "Du kannst sagen, wir hatten Glück. Du kannst aber auch sagen, wir haben nie aufgegeben", sagte Real Madrids Trainer nach dem Champions-League-Triumph gegen Atlético mit väterlicher Weisheit. Es ging bereits auf Mitternacht zu im Lissabonner Estádio da Luz, da öffnete sich die Tür zum Presseraum im zweiten Tiefgeschoss und einige Spieler stürmten herein: Natürlich Sergio Ramos, Sami Khedira, auch der schüchterne Luka Modric, Pepe und Marcelo. Sie liefen zur ihrem verdutzten Trainer, tätschelten ihm das graue Haar und spritzten mit Wasser herum. Ancelotti lachte.

Seine Weltstars ließen ihn hochleben, und Ancelotti genoss es.

Am Tag zuvor hatte er noch gemahnt, "La Décima", der zehnte Titel, dürfe keine Obsession, sondern müsse ein Traum sein. Mehr Chance als Risiko, das kann Ancelotti glaubhaft vermitteln, weil er dieses Spiel nicht wichtiger nimmt als nötig. Und vielleicht war es gerade diese Gelassenheit, die half, das Versagen in letzter Sekunde noch abzuwenden - durch den wuchtigen Kopfstoß von Sergio Ramos, der den Favoriten in die Verlängerung rettete.

"Wir hatten wenig Raum", sagte Ancelotti, "aber wir haben es immer wieder probiert und probiert. Und irgendwann hat sich das Spiel verändert." Er fand, dass seine Mannschaft am Ende mehr gewollt habe als Atlético - vor allem in Sachen Offensivgeist traf diese Feststellung zu. Real hatte nach 120 Minuten plus Nachspielzeit zu 60 Prozent den Ball, gab mehr als doppelt so viele Torschüsse ab wie der Gegner (21:10). Daher war der Sieg verdient, auch wenn der Coach sich noch um Lob für den Stadtrivalen bemühte: "Atlético hatte es verdient, in dieses Finale zu kommen." Aber eben nicht mehr.

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Wenn Ancelotti einer Aussage Nachdruck verleihen will, dann hebt er die Augenbrauen. Aber er stellt sich fast immer schützend vor seine Stars, der Nachfolger von José Mourinho wacht auf milde Weise über den inneren Zusammenhalt. Nach dem Abgang von Poltergeist Mourinho habe der Coach "alles verändert", lobt Cristiano Ronaldo, "vor allem die Mentalität".

Der Friedensstifter kann durchaus charmant und witzig sein. Nicht umsonst hat er sogar schon mal in einer Komödie von Terence Hill mitgespielt. Die schauspielerische Anekdote passt wiederum zur künstlerischen Note, mit der ein weißes Ballett gerne seine Auftritte garniert - das würde er seinen Weltstars auch nie austreiben wollen. Ancelotti, verheirateter Vater von zwei Söhnen, ist der Ruhepol im hybriden Umfeld seines Arbeitgebers.

Der Fußballlehrer hat einen Vertrag bis 2016, danach könnte ihn sein derzeitiger Assistent Zinédine Zidane beerben. Ancelotti hat im Laufe dieser Saison meist versucht, den Druck von seiner Mannschaft zu nehmen. Seine Botschaft vor dem Showdown von Lissabon lautete: "Wenn wir mit der richtigen Einstellung und Leistungsfähigkeit in die Partie gehen, dann wird alles gut." Für den Genussmenschen ist das Glas eher halbvoll als halbleer.

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Man sollte den Taktiktüftler aber keineswegs unterschätzen. Beispielhaft, wie Ancelotti sich bei seinem einstigen Lehrmeister, Arrigo Sacchi, vor dem Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Bayern erkundigte, ob die von ihm entworfene Defensivtaktik das richtige Mittel sei. Und siehe da: Der Plan ging auf. Nicht nur gegen Bayern, sondern überhaupt. Fünfmal hat Ancelotti nun schon den Henkelpott geholt, vorher zweimal als Spieler (1989 und 1990) und als Trainer (2003 und 2007) mit Milan.

Natürlich wurde er nun gefragt, was er beispielsweise 2005 empfunden habe, als der AC Mailand einst unter seiner Regie auf tragische Art eine 3:0-Führung verspielte. Und jetzt 2014 solch ein Comeback? "Wissen Sie, alle Endspiele waren speziell", sagte Ancelotti, "das ist schwer zu vergleichen." Und dann scherzt er, es gebe einen wesentlichen Unterschied: "Damals haben wir verloren, jetzt haben wir gewonnen. Das fühlt sich sehr viel besser an."

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
JolietJakeblues 25.05.2014
1.
Ich finde, "Carleto" muss man einfach lieben! Diese wunderbar unaufgeregte Art, der Respekt für den Gegner den er immer äußert und natürlich seine fachlichen Qualitäten suchen seinesgleichen. Sicherlich einer der besten Trainer der Welt. Ich finde, man merkt ihm auch an, dass er bereits als Spieler alle Höhen und Tiefen des Fussballs erlebt hat. Der Mann jubelt erst, wenn er wirklich gewonnen hat. Ich freue mich schon, wenn er irgendwann mal Italiens Nationaltrainer wird. Welt- und/oder Europameister war er schließlich noch nicht...
tannenzapfen 25.05.2014
2. Komisches Gefühl
Mir war der Sieger relativ Wurscht, eine gewisse Sympathie für Atlético kann ich nicht verheimlichen, aber dennoch im Laufe des Spiels fand ich den Schiedsrichter etwas merkwürdig, real bevorzugend. Nun ja und als die 5 Minuten Nachspielzeit hochgehalten wurden (für was bitte?) wusste ich was passieren wird. ich hätte all mein Geld drauf verwettet. Aber werden wir wirklich für so dumm verkauft oder habe ich nur Angst davor und alles war rechtens.
ak1991 25.05.2014
3. Nachspielzeit berechtigt!!!
Wenn man sich den Verlauf der 2 Hälfte sich angeschaut hat, da sind die 5 Minuten Nachspielzeit das Mindeste was der Schiedsrichter geben konnte. Ab der 80 Min lagen zwischenzeitlich 2 Spieler für mehrere Minuten auf dem Boden.
gsmalfas 25.05.2014
4. optional
Sich von der 60sten Minute an verteidigen, das geht nie
mongolord 25.05.2014
5.
Zitat von ak1991Wenn man sich den Verlauf der 2 Hälfte sich angeschaut hat, da sind die 5 Minuten Nachspielzeit das Mindeste was der Schiedsrichter geben konnte. Ab der 80 Min lagen zwischenzeitlich 2 Spieler für mehrere Minuten auf dem Boden.
Wollte ich auch schreiben. Wer hier ernsthaft die Länge der Nachspielzeit mokiert sollte bitte besser nie mehr etwas zu Sportthemen schreiben. Zum Ende hin lagen 2 Spieler von Atletico minutenlang auf dem Rasen rum und haben dreist Zeit geschunden. Dazu diverse Foul-Unterbrechungen und ein Torwart der sich sehr viel Zeit mit seinen Abstößen ließ. Ich behaupte einfach mal mit den 5 Minuten liegt man deutlich unter der Zeit die das Spiel wirklich unterbrochen war.
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