Eine seltsame Leblosigkeit lag über der Arena auf Schalke, als der wilde Jubel der Fans von Galatasaray Istanbul verklungen war und die gefeierten Spieler des türkischen Meisters zu ihrem Mitternachtsbankett aufbrachen. Nicht einmal Gefühle wie Zorn und Trauer waren nach dem verdienten 2:3 (1:2) des sonst so emotionalen FC Schalke gegen Galatasaray und dem ziemlich abrupten Ende der großen Champions-League-Träume zu spüren.
Die Schalker waren vor allem müde. Und ratlos. "Manchmal fehlt mir eine Erklärung", konstatierte Benedikt Höwedes, sein Blick war leer. "Genau davor habe ich gewarnt", sagte der Kapitän zum fahrlässigen Spiel der Schalker in der ersten Hälfte, aber Warnungen halfen nicht an diesem Abend der Lähmung.
Die Gelsenkirchener hatten offenkundig ein mentales Problem. "Es fehlten die Laufbereitschaft und der unbedingte Wille, das Tor zu verteidigen", sagte Höwedes zur Anfangsphase, in der nicht einmal Roman Neustädters glücklicher Führungstreffer (17. Minute) das träge blau-weiße Gebilde in Schwung bringen konnte. Und auch nachdem Michel Bastos später zum 2:2 traf (63.), wurde es nie so laut und intensiv wie beim Derby gegen Borussia Dortmund am vorigen Samstag.
"Schalke hat sich zurückgelehnt"
Der gebürtige Schalker Hamit Altintop, der nach 37 Minuten unbedrängt Maß nehmen konnte und per Fernschuss zum hoch verdienten 1:1 für Galatasaray traf, hatte den Eindruck, dass die Schalker sich "in der ersten Halbzeit zurückgelehnt" hätten. "Ich weiß auch nicht, wie diese erste Halbzeit passieren konnte", lautete Neustädters ratloser Kommentar, und Julian Draxler überlegte: "Vielleicht haben wir im Hinterkopf gehabt, dass wir mit dem 0:0 in Führung liegen." Ein torloses Remis hätte nach dem 1:1 aus dem Hinspiel in Istanbul schließlich zum Weiterkommen gereicht.
Erst in der zweiten Hälfte erwachte das Team, aber für einen großen Champions-League-Abend waren Julian Draxlers beeindruckender Wille, Teemu Pukkis Leidenschaft und die verbesserte Defensive dann doch zu wenig. Auch, weil die Schalker Zuschauer gehemmt wirkten, als hätten sie von Beginn an eine böse Ahnung gehabt.
Eigentlich waren Draxlers Dribbling, sein toller, aber etwas zu unplatzierter Schuss (61.) und sein Sturmlauf über den linken Flügel (76.) in der starken Schalker Phase rund um den Ausgleichstreffer bestens geeignet gewesen, eine Mannschaft und ein Publikum mitzureißen. Aber dieser Effekt blieb aus. Das Ganze wirkte wie eine Party, die nicht richtig in Gang kommt, weil der DJ nur alle halbe Stunde mal einen Song spielt, der die Tanzenden wirklich berührt.
Strategie der Türken hat Keller überrascht
Vielleicht war es aber auch ein Kniff von Fatih Terim, dem extrovertierten Trainer der Türken, der die Schalker überforderte. Istanbul spielte ein 4-4-2-System mit Mittelfeldraute, dessen Offensivzentrale der Niederländer Wesley Sneijder bildete. "So haben wir in dieser Saison noch nie gespielt", sagte Altintop, der nach seinem tollen Tor auf die mittlerweile fast übliche Betroffenheitsshow verzichtete, die so viele Profis aufführen, wenn sie gegen einen Ex-Club treffen.
Die Strategie der Türken ging perfekt auf. "Wir haben mit einer anderen Aufstellung gerechnet und in der ersten Halbzeit keine Mittel gefunden, dagegen zu agieren", sagte Höwedes, dessen Zweikampfverhalten vor dem überfälligen 1:2 durch Burak Yilmaz (42.) repräsentativ war für die Schalker Mischung aus Zaghaftigkeit und Orientierungslosigkeit der ersten Hälfte.
Wovon sich auch Trainer Jens Keller offenbar anstecken ließ: In der Champions League werden eine halbe Stunde vor dem Anpfiff von den Trainern aufgemalte taktische Aufstellungen im Stadion herumgereicht, und manche Übungsleiter machen hier absichtlich falsche Angaben, um ihre Ideen geheimzuhalten. Terims Formation war hingegen früh publik geworden, Keller hatte trotzdem erst in der zweiten Halbzeit "taktisch umgestellt gegen Istanbuls Raute und mehr Druck auf den Ball bekommen", wie er sagte. Der Erfolg der Türken, den Umut Bulut mit seinem 2:3 in der Nachspielzeit krönte, war verdient.
Wahrscheinlich war diese Erkenntnis eine Ursache für die Schalker Gleichmütigkeit, es gebe "keinen Grund jetzt in Depressionen zu verfallen", sagte Keller jedenfalls, und Höwedes fand die Champions-League-Saison rückblickend sogar "klasse".
Der große Frust wird erst mit Verspätung kommen, wenn allen klar geworden ist, dass Schalke 04 in diesem Wettbewerb nicht mehr so oft ein ähnlich günstiger Achtelfinalgegner vorgesetzt werden wird.
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