Schalker Remis bei Galatasaray: "Jeder hat sich den Arsch aufgerissen"

Von Daniel Theweleit, Istanbul

AP/dpa

Was für ein starker Auftritt von Schalke 04! Im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League schaffte das Team ein Remis gegen Galatasaray Istanbul. Die Leistung steht in krassem Gegensatz zur Performance in der Bundesliga. Hat die Mannschaft von Jens Keller ihr Formtief besiegt?

Jens Keller hat eine besondere Art der Spielvorbereitung gewählt. Vor dem Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League bei Galatasaray Istanbul spielte der Trainer von Schalke 04 seinem Team eine Tonaufnahme vor: 45 Sekunden hörten sie das Gebrüll der türkischen Fans. Der Bundesligist erreichte anschließend ein beachtliches 1:1 (1:1) am Bosporus. Fragt sich, welchen Anteil das Tonband an der starken Schalker Leistung hatte.

"Wir haben uns das angehört. Aber es ist ja nicht so, dass wir so ein Stadion noch nie erlebt hätten", sagte Stürmer Klaas-Jan Huntelaar eher gelangweilt. Und Jermaine Jones meinte: "So laut wie es hier wirklich war, konnte man die Stereoanlage gar nicht aufdrehen." War es also nicht Kellers Trainerkunst, die diese Mannschaft zu ihrer besten Leistung seit Wochen antrieb, sondern der Wille des Teams?

"Heute hat sich jeder den Arsch aufgerissen", sagte Jones. Er war der beste Schalker Spieler, Chef im Mittelfeld, umsichtig, zweikampfstark - und Schütze des Auswärtstores, des 1:1 kurz vor der Halbzeit für Schalke 04, ein Tor, das noch ganz wichtig werden kann.

Fragt sich, warum es Jones und vielen seiner Mitspieler so schwer fällt, in der Bundesliga ähnlich gut zu spielen. Torhüter Timo Hildebrand mutmaßt, dass Schalke "eine Mannschaft für Wettbewerbe" wie die Champions League sei. Das deutet auf eine Motivationsschwäche hin. Nimmt das Team den Alltag in der Bundesliga nicht ausreichend ernst?

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Champions League: Schalke besteht in der "Hölle"
Und vor allem: Wie kann Schalke seine Leistung künftig auch wieder in der Bundesliga abrufen? "Ich hoffe, dass die Mannschaft jetzt kapiert hat, was sie machen muss, um erfolgreich zu sein", sagte Manager Horst Heldt, doch sein Misstrauen war nicht zu überhören. Die trübe Stimmung auf Schalke werde sich trotz dieses erfreulichen Abends in der Türkei nur ändern, "wenn wir auch am Samstag gegen Düsseldorf punkten".

Bis dahin kann sich zumindest der um Anerkennung ringende Trainer Keller ein wenig befreit fühlen. Für ihn war dieser Abend nicht nur ein besonderes Erlebnis, weil er zum ersten mal als Cheftrainer in der Champions League verantwortlich war. Er traf auch noch eine sehr mutige und gute Entscheidung. Wirkungsvoller als das Fangeschrei vom Band dürfte nämlich gewesen sein, den zwar erfahrenen, aber derzeit formschwachen Linksverteidiger Christian Fuchs aus dem Team zu nehmen und durch den jungen Sead Kolasinac zu ersetzen.

Der 19-Jährige habe "ein überragendes Spiel" gemacht, sagte Keller. Neben Jones war er der auffälligste Schalker Spieler. Er agierte erstaunlich souverän gegen Stars wie Didier Drogba, Wesley Sneijder oder Hamit Altintop. Allerdings war Galatasaray auch anzumerken, dass Teile der Mannschaft ihren Leistungszenit bereits überschritten haben. Das Team des exzentrischen Trainers Fatih Terim wirkte langsam beim Umschalten von Defensive auf Offensive. Und das Engmachen der Räume gehört wahrlich nicht zu den zentralen Qualitäten der Türken. Gehobenes Champions-League-Niveau bewies an diesem Abend nur Stürmer Burak Yilmaz, der immer gefährlich wirkte und Galatasaray in Führung brachte (12.).

Vieles deutete nach diesem Spiel darauf hin, dass Schalke einen vergleichsweise leichten Gegner im Achtelfinale erwischt hat. Ein Team, das sich in der Vorrunde in einer Gruppe mit Cluj und Braga nur mit viel Mühe und durch einen Sieg im letzten Spiel gegen die bereits qualifizierte B-Elf von Manchester United durchgesetzt hatte. Auch deshalb sind die Schalker nun Favorit im Rückspiel. Einziger Haken: Ihr Bester in Istanbul, Jones, wird dann gelbgesperrt fehlen. Die Karte hatte er sich in denkbar dusseliger Art eingehandelt: Er forderte selbst Gelb für einen Gegenspieler.

Galatasaray Istanbul - Schalke 04 1:1 (1:1)
1:0 Burak Yilmaz (12.)
1:1 Jones (45.)
Galatasaray Istanbul: Muslera - Sabri Sarioglu (83. Bulut), Kaya, Nounkeu, Riera - Melo, Selcuk Inan - Hamit Altintop (66. Eboue), Sneijder (46. Amrabat) - Burak Yilmaz, Drogba
Schalke: Hildebrand - Höger, Höwedes, Matip, Kolasinac - Jones, Neustädter - Farfan, Draxler (84. Barnetta), Bastos - Huntelaar (75. Pukki)
Schiedsrichter: Collum (Schottland)
Zuschauer: 52.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Muslera, Amrabat (2), Nounkeu (2), Selcuk Inan (2) - Jones (3), Kolasinac, Höger (2)

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insgesamt 24 Beiträge
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1. optional
WhereIsMyMoney 21.02.2013
Man konnte schon gegen Mainz einen Formanstieg sehen und Mainz ist doch wohl stärker als gala, wie gestern dann auch bestätigt. Es scheint als wäre das Schlimmste vorbei für Schalke. In den letzten 10 Spielen war es ja fast schon eine Katastrophe. Es könnte schon sein, dass sie am Ende auf dem vierten Platz stehen.
2. Ansichtssache
gnarze 21.02.2013
Schalke hätte den Sack schon zumachen können, Gala war nun wahrlich kein besonders starker Gegner. Das Ergebnis ist auch zugleich gefährlich, wie man gesehen hat, ist die Schalker Abwehr immer für ein oder zwei Schnitzer gut.
3. Guter Artikel mit Fragezeichen
schalkefan 21.02.2013
Die rauhe Luft der BL ist eben schlechter zu atmen, als die süsse Luft der CL. Davon hat man sich "verführen" lassen. Das Problem ist nur, dass man Schweißtreibendes leisten muss, bevor man sich auf der großen Bühne präsentieren kann. Von alleine kommt nichts. Die Jungs waren nicht mehr für die Basisarbeit zu begeistern. Das muss man ihnen jetzt wieder vor Augen führen. Übrigens: Wer Keller in seinem Interview mit den beiden Ollies vom ZDF gesehen hat, hat gesehen, dass er ausweichend reagiert hat auf die Frage, warum ihm keine Zeit gegeben wurde nach der Entlassung von Huub Stevens. Das sieht doch sehr nach langer vorheriger Absprache zur Ablösung des Jahrhunderttrainers zwischen HH und JK aus. Wahrscheinlich ist noch viel mehr abgesprochen...
4. keine Vorschusslorbeeren
vogelsberg 21.02.2013
Abgerechnet wird nach dem Rückspiel. Vielleicht haben eiige schon die zwei 100% igen Chancen von Galatasaray vergessen. Höchste Konzentration ist erforderlich. Ein Mann wie Drogba kann ein Spiel immer noch entscheiden, zumal die Schwäche der Schalker in der Abwehr und im Mittelfeld nicht zu kaschieren waren. Da gibt es noch einiges zu tun.
5. Starker Auftritt?
Didis04 21.02.2013
Ich glaube ich habe ein anderes Spiel gesehen. Ich bin bekennender Schalke Fan, aber die Leistung der Mannschaft war höchstens durchschnittlich. Viele individuelle Fehler, Räume wurden nicht konsequent genutzt oder gedeckt, Laufwege stimmten nicht, ständig standen sich zwei Schalker auf den Füßen, das war noch weit entfernt von gut. Zum Glück war Galatasaray noch schlechter, völlig indiskutable Leistung. Mit dieser Unterstützung im Rücken spielen sie wie eine unterlegene Gastmannchaft, und nicht wie der Hausherr. Obwohl es nur 1:1 ausgegangen ist machen ich mir um das Rückspiel keinerlei Sorgen. Der Gegner ist einfach extrem schwach.
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