Hoffenheims Remis gegen Lyon "Nicht fürs Verteidigen geschaffen"

Hoffenheim und Lyon haben in der Champions League ein spektakuläres Spiel gezeigt. Die TSG brachte sich durch schwere Fehler um den Sieg - und trotzdem fand Trainer Nagelsmann viel Lob für sein Team.

Torschütze Joelinton (r.)
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Torschütze Joelinton (r.)

Aus Sinsheim berichtet


Nach dem Abpfiff der Champions-League-Partie zwischen Hoffenheim und Lyon dauerte es zwei Minuten, bis Schiedsrichter Alberto Undinao Mallenco in die Kabine gehen konnte. Sofort wurde er umringt von einer Gruppe wild gestikulierender Hoffenheimer Spieler. Kurz darauf bekam er es auch noch mit deren Trainer zu tun, ehe sich die Gemüter kurz darauf wieder beruhigten.

Julian Nagelsmann (r.), Kevin Vogt (2.v.r)
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Julian Nagelsmann (r.), Kevin Vogt (2.v.r)

Auch auf der Tribüne hielt der Ärger nicht lange. Dann konzentrierten sich Zuschauer, Spieler und Funktionäre auf das Wesentliche. Und das war an diesem Abend nicht der Schiedsrichter. Es waren die beiden Mannschaften, die mit dem 3:3 (1:1) für ein hochklassiges Champions-League-Spiel gesorgt hatten.

"Wir sind kein Team, das fürs Verteidigen geschaffen ist", sagte Lyons Trainer Bruno Génésio. "Wir spielen und greifen an." Da das gleiche für Hoffenheim gilt, sahen die 25.000 Zuschauer eine Partie, die ziemlich viel von dem enthielt, was den Fußball im Idealfall so reizvoll macht: Technik, Eleganz und Tempo. Und mit sechs Toren inklusive einem Ausgleich in der Nachspielzeit bot die Begegnung auch all das, was es an Dramatik braucht, um einen Fußballabend auch Jahre später im Gedächtnis zu behalten.

Vogt, Baumann und Akpoguma patzen

Der Satz "nicht fürs Verteidigen geschaffen" schien an diesem Abend allerdings noch besser zu Hoffenheim als zu Lyon zu passen. Denn die drei Treffer der TSG durch Andrej Kramaric (33. Minute/47.) und Joelinton (90.+2) waren eine logische Folge des Spielverlaufs und nur schwer zu verhindern. Die Tore der Franzosen allerdings waren ausnahmslos die Folge schlimmer Hoffenheimer Abwehrfehler.

Vor dem ersten Gegentor spielte Kevin Vogt einen katastrophalen Rückpass, sodass Bertrand Traoré Torwart Oliver Bauman umkurven und zur Führung einschieben konnte (27.). Bei Tanguy Ndombeles Schuss aufs kurze Eck zum 2:2 sah Baumann dann selbst nicht gut aus (59.) und beim dritten Treffer patzte Kevin Akpoguma: Er verschätzte sich bei einem langen Ball und ermöglichte Memphis Depay das zwischenzeitliche 2:3 (67.).

Memphis Depay (M.)
REUTERS

Memphis Depay (M.)

"Von drei Gegentoren haben wir mindestens zwei krass selbst verschuldet", sagte Verteidiger Ermin Bicakcic. Nagelsmann würde wohl eher von drei Treffern durch eigene Fehler sprechen: "Dass Oli den halten kann, weiß er selbst", sagte der Trainer über das 2:2. Insgesamt lobte er seine Mannschaft aber mindestens so ausführlich, wie das zuvor Génésio getan hatte: "Sensationell", sei es, "was wir fußballerisch gemacht haben", fand er. Und er hatte Recht.

Lyon stellt um, Kaderabek dreht auf

In einer schwachen Anfangsphase ließen zwar schwindelerregend schnelle und ballsichere Franzosen eine der schnellsten und ballsichersten deutschen Mannschaften ganz schön bieder aussehen. Dann aber kämpften sich die Hoffenheimer ins Spiel und bewiesen ihrerseits ihre Klasse: Die TSG zeigte jede Menge Tempo, Spielwitz und Seitenverlagerungen, bei denen der aufnehmende Spieler den exakt gespielten Ball gleich mitnahm und die gegnerische Mannschaft überrumpelte.

Lyon stellte aufgrund des Hoffenheimer Tempos auf den Flügeln auf eine 4-3-3-Formation um - bekam aber vor allem Pavel Kaderabek trotzdem nicht in den Griff. Gut die Hälfte der fast ein Dutzend Chancen leitete der Tscheche über die rechte Außenbahn ein.

Was ihn nach Abpfiff zu der kurzen Diskussion mit dem Schiedsrichter bewogen hatte, berichtete Nagelsmann dann auch noch: Zum einen hätte der Unparteiische seiner Meinung nach länger als drei Minuten nachspielen lassen müssen - "allein die beiden Auswechslungen dauerten gefühlt je eineinhalb Minuten". Und zum anderen sei ein Handspiel von Jason Denayer ("beide Hände im 90-Grad-Winkel zum Sternum") nicht geahndet worden.

Jason Denayer (r.)
REUTERS

Jason Denayer (r.)

Mit dem Handspiel hatte Nagelsmann recht. Es hätte gut zehn Minuten vor dem Ende tatsächlich Strafstoß für Hoffenheim geben müssen. Allerdings hätte der Schiedsrichter das 3:3 durch Joelinton auch wegen einer knappen Abseitsstellung aberkennen können. Insofern musste die TSG am Ende eines tollen Abends fast noch zufrieden sein mit dem einen Punkt, der ihr immerhin Minimalchancen lässt, die Vorrunde doch noch irgendwie zu überstehen.

Den letzten Tabellenplatz hat Hoffenheim schon mal an Donezk abgegeben, doch es sind immer noch drei Punkte Rückstand auf Lyon - und vier auf Manchester City. "Wir haben noch eine Chance, wenn wir die Auswärtsspiele gewinnen", rechnete Baumann vor. "In Manchester wird es schwer. Aber wir wollen in Lyon gewinnen und zu Hause gegen Donezk. Das ist das Ziel."

Mindestens die Hoffnung auf einen weiteren spektakulären Fußballabend besteht mit Blick auf das Spiel in Frankreich am 7. November allemal.

TSG Hoffenheim - Olympique Lyon 3:3 (1:1)
0:1 Traoré (26.)
1:1 Kramaric (32.)
2:1 Kramaric (47.)
2:2 Ndombele (59.)
2:3 Depay (67.)
3:3 Joelinton (90.+2)
Hoffenheim: Baumann - Bicakcic (73. Nelson), Vogt, Akpoguma - Schulz, Demirbay, Grillitsch, Kaderabek - Belfodil (81. Zuber), Kramaric, Szalai (60. Joelinton)
Lyon: Lopes - Mendy, Denayer, Marcelo, Tete - Aouar, Tousart, Ndombele - Terrier (82. Ferri), Depay (81. Dembélé), Traoré (90.+1 Cheikh)
Zuschauer: 24.500
Schiedsrichter: Alberto Undiano Mallenco
Gelbe Karten: Demirbay / Tete



insgesamt 4 Beiträge
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Pudi 24.10.2018
1. Schade
3 Beiträge zu diesem Grottenkick der Bayern und erst jetzt was zu dem Auftritt der TSG. Dabei war das ein irres Spiel. Mit irren individuellen Fehlern von Vogt (0-1), Baumann (2-2) und Akpoguma (2-3). Mit irren Großchancen für die TSG, die nicht genutzt wurden und das in einer Vielzahl, wie man es selten sieht. Aber auch mit einer irren Moral der Hoffenheimer, denen kurz vor Ende beim Stand von 2-3 auch noch ein klarer 11er verwehrt wurde. Für den neutralen Zuschauer ein Hammerspiel, für einen TSG-Anhänger ein wahres Herzinfarkt-Match. Und Nagelsmann hat mal wieder gezeigt, was Coaching ist. Bin mal gespannt wie es mit ihm bei RBL laufen wird, wenn er mal nicht jede Saison ein neues Team zusammenstellen muss, weil ihm jedes Jahr die Leistungsträger weggekauft werden.
mantrid 24.10.2018
2. Das war Werbung für den Fußball
Ein tolles Spiel, was beiden Mannschaften zu verdanken war. Klar, solche Fehler dürfen auf dem Niveau nicht passieren, aber das Spiel war Unterhaltung pur. So sollte Fußball sein.
skeptikerjörg 24.10.2018
3. Schade
Schade, dass Hoffenheim sich immer selbst um die Früchte der Arbeit bringt! 2 Punkte in der Ukraine, 1 Punkt gegen ManCity und gestern 2 Punkte gegen Lyon liegen lassen. Was nützt das tolle Spiel nach vorne, wenn defensiv die Stabilität fehlt, um auch mal als Sieger über die Ziellinie zu gehen?
spon1899 25.10.2018
4.
Das sagt alles. 3 Kommentare zu einem mitreißenden Spiel bisher. Hoffenheim geht den Fans also am A...vorbei. Harte Realität für 1899.
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