Europapokal Warum die Auswärtstorregel nicht mehr zeitgemäß ist

Chancengleichheit für Gästeteams - die Idee der 1965 eingeführten Auswärtstorregel geht heute nicht mehr auf, zeigt eine SPIEGEL-Analyse. Toptrainer wie Julian Nagelsmann sagen: weg damit.

Tor ist Tor? Von wegen
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Tor ist Tor? Von wegen

Von und Alexander Kruse (Grafik)


Die Auswärtstorregel hat großen Anteil daran, dass Pep Guardiolas Zeit beim FC Bayern immer als unvollständig gelten wird. Anfang Mai 2016 stand fest: Er bleibt ohne den Gewinn der Champions League. Nach dem Halbfinal-Aus 2014 gegen Real und 2015 gegen Barcelona scheiterte Guardiola mit seiner Mannschaft diesmal an Atlético - und an der Auswärtstorregel.

Die Bayern hatten damals das Hinspiel in Madrid 0:1 verloren, das Rückspiel 2:1 gewonnen. In der Summe ein 2:2 - Unentschieden also. Verlängerung wäre die logische Folge, aber jeder, der sich für Fußball interessiert, weiß: Auswärtstore zählen in den Wettbewerben der Europäischen Fußball-Union (Uefa) mehr und, weil Atlético damals ein Auswärtstor erzielt hatte, zog das Team ins Finale ein - und die Bayern flogen raus, übrigens, ohne sich über die Regel zu beklagen. Karl-Heinz Rummenigge sagte nur: "Atlético hat ein Auswärtstor geschossen. Wir nicht."

Pep Guardiola im CL-Rückspiel 2016
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Pep Guardiola im CL-Rückspiel 2016

Die Auswärtsregel wurde lange kaum infrage gestellt. Dabei führte die Uefa sie bereits im Jahr 1965 ein, wenn man so will: In der Antike des Fußballs, als Auswärtsteams in internationalen Wettbewerben noch großen Reisestrapazen ausgesetzt und Plätze und Bälle nicht genormt waren. Die Auswärtstorregel sollte diese Nachteile der Gästeteams ausgleichen. Stichwort: Chancengleichheit.

Heute sind der Fußball und seine Spieler viel professioneller. Schiedsrichter lassen sich von der Heimkulisse weniger beeindrucken. Fast jedes Detail des kommenden Gegners ist durch viel besser entwickeltes Scouting bekannt. Gästeteams reisen mit Chartermaschinen an, mindestens am Vorabend eines Champions-League-Spiels muss der Verein angekommen sein, das verlangt die Uefa in ihrem über 100 Seiten langen Regelbuch zur Königsklasse. Kaum etwas bleibt darin dem Zufall überlassen, auch der Einsatz der Auswärtstorregel ist klar geregelt. Nur erscheint ihre Anwendung in der Zeit des modernen Fußballs überflüssig.

Genau diese Auffassung vertreten nun einige internationale Toptrainer. Auf einer Uefa-Tagung in Nyon regten Anfang September unter anderem José Mourinho (Manchester United) und Thomas Tuchel (Paris Saint-Germain) eine Reform an. "Sie denken, dass das Erzielen von Auswärtstoren nicht mehr so schwierig ist wie in der Vergangenheit", sagte Uefa-Wettbewerbsdirektor Giorgio Marchetti nach dem Meeting und kündigte eine Überprüfung der Regel an.

Thomas Tuchel (rechts) auf der Uefa-Sitzung in Nyon
SALVATORE DI NOLFI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Thomas Tuchel (rechts) auf der Uefa-Sitzung in Nyon

Auch Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann kann sich eine Abschaffung der Regel vorstellen. Für ihn bestehe "kein wesentlicher Unterschied mehr zwischen dem Auftreten bei einem Heim- beziehungsweise Auswärtsspiel", sagte Nagelsmann dem SPIEGEL vor dem Start seiner Mannschaft in der Champions League bei Schachtjor Donezk (Mittwoch, 18:55 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE): "Ich stelle meine Mannschaft gleich ein."

Der Eindruck von Nagelsmann deckt sich mit einer Analyse des SPIEGEL - Heim- und Auswärtsteam gleichen sich im Schnitt in ihrer Torgefahr immer stärker an. Betrachtet man alle Europapokalpartien seit Einführung der Auswärtstorregel, erzielen Heimteams heute weniger Treffer als vor 50 Jahren. Gleichzeitig ist der Torschnitt von Auswärtsmannschaften in diesem Zeitraum gestiegen und nähert sich zunehmend der durchschnittlich erzielten Toranzahl von Heimteams im Europapokal.

Einige Toptrainer der europäischen Spitzenklubs haben dafür eine Erklärung: Die Auswärtstorregel verhindere attraktiven Offensivfußball, sagten sie in Nyon. Die Regel führe dazu, dass Heimteams häufig defensiv spielen, um ein Gegentor zu vermeiden. Es überrascht daher nicht, dass Schalkes Domenico Tedesco in der "Sport Bild" die Auswärtstorregel als "reizvoll" bezeichnet. "Einfach das Gefühl zu haben, dass ein Auswärtstor am Ende wertvoller sein kann als ein Heimtor, finde ich spannend", sagte Tedesco, der für seinen strikten Defensivfußball bekannt ist.

So nachvollziehbar die Meinung von Tedesco auch ist, so überflüssig scheint die Auswärtstorregel mit Blick auf ihr eigentliches Ziel: den Auswärtsnachteil auszugleichen. Studien belegen, dass der Heimvorteil schrumpft. Nach einer Untersuchung der University of Liverpool Management School gewannen zwischen 1965 und 1981 etwa 65 Prozent der Heimteams ihre Hinspiele im Europapokal. Zwischen 1997 und 2013 waren es nur noch 46 Prozent. Auch eine Analyse des SPIEGEL zeigt: Der Anteil von Heimsiegen im Europapokal ist über die Jahre auf unter 50 Prozent gesunken.

Was dieser Chart nicht zeigt: Der Anteil von Auswärtssiegen und Unentschieden ist zeitgleich gestiegen. Und bei allen Europapokalduellen, die trotz Auswärtstorregel in die Verlängerung gegangen sind, erreichte häufiger das Gästeteam die nächste Runde der K.-o.-Phase.

Ein Grund hierfür liegt auf der Hand: Trifft die Auswärtsmannschaft in der Verlängerung, muss das Heimteam zwei Tore nachlegen. Dafür hat sie jedoch weniger als 30 Minuten Zeit, bei zugleich nachlassenden Kräften der Spieler. Prominentes Beispiel für den Erfolg eines Gästeteams in der Verlängerung: Bayerns dramatisches Weiterkommen im Viertelfinal-Rückspiel der Europa League beim FC Getafe. Damals, im Jahr 2008, trafen Getafe und der FC Bayern in der Verlängerung je zweimal, die Münchner zogen ins Halbfinale ein. Dank der Auswärtstorregel.

In der vergangenen Saison jubelte die AS Roma über die Regel, und das gleich zweimal. Im Achtelfinale gegen Schachtjor Donezk (1:2 im Hinspiel verloren, 1:0 im Rückspiel gewonnen) und im Viertelfinale gegen den FC Barcelona (1:4, 3:0) kamen die Italiener nur dank mehr erzielter Auswärtstreffer weiter. Keine Seltenheit: Seit Bestehen des Achtelfinals in der Champions League (Saison: 2003/2004) hat es 210 K.-o.-Duelle gegeben, und in insgesamt 23 Rückspielen entschied die Auswärtstorregel über das Weiterkommen, das sind knapp elf Prozent.

Sollte eine altbackene Regel so viele Partien entscheiden?

Es gibt gute Argumente für eine Abschaffung der Auswärtstorregel. Sollte die Uefa diesen folgen, würden künftig mehr Spiele in der Verlängerung entschieden. Klar, mehr Belastung für die Profis - aber mehr Spektakel für Fans und mehr TV-Geld für den Veranstalter. Das müsste eigentlich auch der Uefa gefallen. Ein Ende der Auswärtstorregel wäre eine logische Reaktion auf die heutigen Verhältnisse im Profifußball.

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Seite 1
zauberer2112 17.09.2018
1. Widerspricht sich selbst
Wenn es so einfach ist, auswärts Tore zu machen, warum schießt Bayern sie dann Zuhause? Sollen sie sich doch lieber darauf konzentrieren, die Buden in Madrid zu machen, zählt doppelt. (Ironie aus) Es kann alles so bleiben - und das sage ich als Bayernmitglied. Es ist zwar ärgerlich, aber hat sich ewig bewährt. Und wenn es nach mir ginge: Keine Endspiele in was weiß ich wo und Rückkehr zum Europapokal der Landesmeister, der Pokalsieger und zum UEFA-Cup - mit K.o.-Spielen ab der 1. Runde und ohne verschiedene Lostöpfe. Ist garantiert spannender (und fairer) als jedes Jahr mindestens die 6 gleichen Teams im Viertelfinale.
extra330sc 17.09.2018
2. Als Trainer von Hoffenheim
muss man auch gegen die bestehende Regel sein, denn in Hoffenheim gibt es mangels Fans keinen Heimvorteil.
Faustpfand 17.09.2018
3. Unfair
Das Beispiel Getafe-Bayern zeigt doch am besten, warum die Auswärtstorregel unfair ist, nämlich weil bei Verlängerung das Gästeteam im Rückspiel 30 Minuten länger die Möglichkeit hat, ein "wertvolleres" Tor (Auswärtstor) zu erzielen. Zumindest für die Verlängerung müsste diese Regelung also aufgehoben werden.
trackingerror 17.09.2018
4.
Die Auswärtstore Regel ist völlig ok! Das Einzige was man ändern sollte, ist deren Gültigkeit in der Verlängerung. Das ist wirklich ungerecht!
sischwiesisch 17.09.2018
5. Hoffentlich
Diese Regel war schon immer ein Witz und deren Begründung die reine Willkür. Was soll daran gerecht sein, daß ein auswärts geschossenes Tor höher bewertet wird ? Die gleiche Berechtigung hat es zu sagen, daß die Mannschaft rausfliegt die auswärts mehr Tore kassiert. Beides ist gleichermaßen ungerecht. Denn Tor ist Tor. Punkt. Danach wird es im höchsten Maße subjektiv.
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