SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. März 2012, 14:33 Uhr

Fan-Anleihen im Profifußball

So sicher wie Italien

Von Henning Eberhardt

Geld kann jeder Proficlub gebrauchen. Doch die klassischen Vermarktungs-Wege sind oft ausgeschöpft. Deshalb versuchen immer mehr Vereine, sich durch Fan-Anleihen Kapital zu beschaffen. Das Magazin "SPONSORS" durchleuchtet Chancen und Risiken des Modells.

Möglichkeiten, mit denen ein Fan seinen Club finanziell unterstützen kann, gibt es genug. Der Kauf von Tickets, der Abschluss einer Mitgliedschaft oder das Erwerben von Fanartikeln. Seit einiger Zeit werden auch Fan-Anleihen bei immer mehr Vereinen zur Option. Die Ausgabe von Wertpapieren ist als Instrument zur Kapitalbeschaffung in der Fußball-Bundesliga in Mode gekommen. So bekamen die Fans von Hertha BSC im Jahr 2005 erstmals die Möglichkeit, dem Club Geld zu leihen, später pumpten sich auch Traditionsclubs wie Schalke 04, 1860 München oder jüngst der FC St. Pauli Geld von ihren Anhängern.

Auf den ersten Blick muten Fan-Anleihen für die Anhänger von Bundesligisten äußerst attraktiv an. So prophezeite etwa Manfred Stoffers, damaliger 1860-München-Geschäftsführer, im Sommer 2010: "Er (der Anhänger, d. Red.) kassiert Zinsen, die sich sehen lassen können, und er kann dabei zusehen, wie seine Investition Früchte trägt."

Zumindest im ersten Punkt hatte Stoffers nicht ganz unrecht. Denn die bisher ausgegebenen Anleihen deutscher Proficlubs folgen einem durchschnittlichen Festzins von 5,9 Prozent. Ein Wert, der sich sonst auf dem Kapitalmarkt schwer erzielen lässt.

Finanzexperten raten von Fan-Anleihen ab

Der relativ hohe Zinssatz der Fan-Anleihen ist allerdings auch Ausdruck eines beträchtlichen Risikos, das mit einer Investition in solche Wertpapiere einhergeht. Ein Vergleich verdeutlicht dies: Knapp sechs Prozent sind nicht viel weniger, als derzeit der Kauf italienischer Staatsanleihen einbringt. Und die Südeuropäer zählen zweifelsohne zu den Wackelkandidaten in der aktuellen Euro-Schuldenkrise. Finanzexperten tun sich nicht zuletzt aufgrund des bestehenden Risikos nach wie vor schwer, Aktien oder Anleihen von Fußballvereinen als aussichtsreiche Anlageprodukte zu empfehlen.

Doch es gibt auch positive Beispiele: Der 1. FC Köln zahlte als einer der ersten Vereine seine Fan-Anleihe im vergangenen Jahr vollständig zurück. Sechs Jahre zuvor hatten die FC-Anhänger ihrem Lieblingsclub kurzfristig zu fünf Millionen Euro verholfen und hierfür einen Festzins von fünf Prozent pro Jahr kassiert.

Zweitligist FC St. Pauli wird seine Anleihe, wenn der Plan aufgeht, zwar erst 2018 an seine Fans zurückzahlen. Doch die Verantwortlichen des Clubs klingen schon heute regelrecht euphorisch, wenn sie über die Wertpapiere sprechen. Aus gutem Grund. Die Hamburger durften sich über ein gezeichnetes Gesamtvolumen von acht Millionen Euro freuen.

Die Emission startete zu einem "makroökonomisch günstigen Zeitpunkt, denn der Zinssatz der Banken war eher überschaubar", sagt Michael Meeske, Geschäftsführer des Clubs. Auch der Zeitpunkt der Ausgabe kurz vor Weihnachten habe die Resonanz positiv begünstigt.

Kompletter Verlust bei einer Insolvenz des Clubs

Der wirtschaftliche Erfolg eines Fußballclubs ist bekanntermaßen stark an den sportlichen gekoppelt. Es kann für den Fan durchaus gefährlich werden, wie ein Blick in den offiziellen Prospekt der St. Pauli-Anleihe zeigt: "Für den Fall einer möglichen Insolvenz der Emittentin besteht keine gesetzliche oder freiwillige Einlagensicherung."

Das heißt: Geht der Verein pleite, sieht der Fan sein Geld nicht wieder. Die Schuldverschreibungen sollten daher "nicht von Anlegern gekauft werden, die ein möglichst gutes Rendite-/Risikoverhältnis für ihr Kapital suchen", räumt der Club offen ein. Über die Ungewissheit, ob und in welcher Höhe das geliehene Geld nach Ende der Laufzeit an die Anhänger zurückgezahlt werden kann, sollte sich entsprechend jeder Zeichner im Klaren sein.

Wie risikoreich das Geschäft mit der Fan-Anleihe für den Anleger sein kann, bekamen etwa die Anhänger von Arminia Bielefeld im vergangenen Jahr zu spüren. Der damalige Zweitliga-Absteiger stand vor der Insolvenz, war finanziell und sportlich am Boden. Und ausgerechnet kurz nach dem Saisonstart 2011/2012 warteten die Arminia-Fans auf insgesamt 2,9 Millionen Euro, die sie dem Verein 2006 geliehen hatten. Der Alptraum für jeden Anleger, der sein Geld bei der mit 7,5 Prozent verzinsten Anleihe doch eigentlich vermehren wollte.

Die marode Arminia zahlte nach einigem Hin und Her die Leihgaben an ihre Fans zurück, legte aber unverzüglich eine neue Anleihe mit einem auf 6,5 Prozent reduzierten Festzins auf - schließlich galt es, die Insolvenz abzuwenden. Die sogenannte Zukunftsanleihe spülte zwei Millionen Euro in die leeren Bielefelder Club-Kassen.

Doch es gibt eine weitere Absicherung für die Zeichner: Im Fall von Alemannia Aachen sprang beispielsweise die Stadt ein, als die Rückzahlung der Fan-Kredite in Gefahr geriet. Beim FC St. Pauli klingt das allerdings wesentlich selbstsicherer: "Auf St. Pauli regeln wir das unter uns!", lautet der Werbe-Slogan für die Anleihen.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH