Chelsea vs. Barça "Der schlechteste Schiedsrichter meiner Karriere"

Wut und Frust in London: Spieler und Trainer des FC Chelsea beschimpfen den Schiedsrichter - er sei verantwortlich für ihr Champions-League-Aus gegen Barcelona. Und Michael Ballack, kurz vor Abpfiff negativ aufgefallen, legte nach: "Ich weiß nicht, ob es Betrug war - ich hoffe nicht."


Hamburg - Der letzte Sprint Michael Ballacks in der Champions-League-Saison 2008/09 wird ihn über seine Karriere hinaus begleiten. Ein Sprint, nicht Richtung Ball, nicht Richtung Tor, auch nicht neben einem Gegner her. Nein, Ballack verfolgte den Schiedsrichter. Über das halbe Feld. Schreiend, gestikulierend, aufgebracht. Eine Szene, die eigentlich skandalös ist - emotional aber durchaus nachvollziehbar. Momente vorher war sein Linksschuss innerhalb des gegnerischen Strafraums von Barça-Stürmer Samuel Eto'o gestoppt worden. Mutmaßlich mit dem Arm, es war wohl eher der Schulteransatz des sich wegdrehenden Kameruners. Der Norweger Tom Henning Övrebö pfiff keinen Elfmeter. Wie so oft an diesem Abend an der Stamford Bridge.

"Ich würde nicht sagen, die Uefa wollte kein erneutes rein englisches Finale", so Chelsea-Coach Guus Hiddink in der "Times". "Ich bin aber sicher, dass man in großen Spielen wie diesem erstklassige Schiedsrichter braucht." Und Övrebö sei "der schlechteste Referee, den ich in meiner Karriere erlebt habe". Seine Akteure nahm er in Schutz: "Es gibt ein allgemeines Gefühl, beraubt worden zu sein. Deshalb waren die Spieler so aufgebracht und verärgert. Ich kann die Emotionen nachvollziehen."

Chelsea-Kapitän John Terry war irritiert über die seiner Meinung nach internationale Unerfahrenheit des Norwegers: "Warum haben wir für ein Halbfinale einen Schiedsrichter bekommen, der bislang erst zehn Spiele in der Champions League gepfiffen hat?" Sechs oder sieben potentielle Elfmeter seien von dem Norweger einfach weggewunken worden - und das wäre "nirgendwo anders auf der Welt so geschehen."

Kaum zu stoppen war nach Abpfiff Chelsea-Stürmer Didier Drogba, der an zwei Szenen direkt beteiligt war, in denen die Engländer gerne einen Strafstoß bekommen hätten. Auf dem Weg in den Kabinengang schrie er Övrebö mit weit aufgerissenen Augen an, bedrängte ihn und musste von mehreren Sicherheitsbeamten zurückgehalten werden. "Habt Ihr das gesehen? Es ist eine verdammte Schande" brüllte er in die Fenrsehkameras. Die "Sun" betitelte ihn als "Mad Drog". Zudem scheint dem Mann von der Elfenbeinküste eine Untersuchung der Uefa und eine daraus resultierende Sperre sicher.

Barças Weg nach Rom

GRUPPENPHASE
Sporting Lissabon 3:1/5:2
Schachtjor Donezk 2:1/2:3
FC Basel 5:0/1:1

ACHTELFINALE
Olympique Lyon 1:1/5:2

VIERTELFINALE
Bayern München 4:0/1:1

HALBFINALE
FC Chelsea 0:0/1:1

FINALE
Manchester United 27.05.
Övrebö soll nach der Partie gegenüber Verantwortlichen der Uefa "eigene schwere Fehler" eingeräumt haben. Mit diesen könnte er beispielsweise das Handspiel von Barcelonas Abwehrmann Gerard Piqué im eigenen Strafraum gemeint haben, das er in Minute 82 mit Elfmeter hätte ahnden müssen. Oder das Foul von Daniel Alves an Florent Malouda (24.), das er außerhalb des Strafraums sah - und mit dieser Bewertung ziemlich alleine stand.

Nach Informationen der Londoner Lokalzeitung "Evening Standard" soll es Morddrohungen gegen Övrebö gegeben haben. "Der Referee wurde unter Polizeischutz aus Großbritannien herausgeschmuggelt", schrieb das Blatt. Es habe "eine Serie von Todesdrohungen" gegeben. Nach dem Spiel sei Övrebö auf Anraten der Polizei unter anderem in ein anderes Hotel gebracht worden. Chelsea verurteilte die Drohungen gegen Övrebö in einer Mitteilung "auf das Schärfste".

Bereits bei der Europameisterschaft 2008 war Övrebö aufgefallen. In der zweiten von ihm geleiteten Partie (die erste war Deutschland gegen Polen) erkannte er ein Tor Italiens zu Unrecht wegen Abseits nicht an und pfiff einen umstrittenen Elfmeter gegen Italien. Danach wurde er im Turnier nicht mehr eingesetzt.

Ballack wird eine mögliche Entschuldigung des Schiedsrichters wenig Erleichterung bringen. Zwölf Kilometer hatte der Kapitän DFB-Auswahl auf dem Spielfeld zurückgelegt, mehr als jeder andere Akteur auf dem Platz. 80 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen, eine unauffällige aber gute Leistung geboten - doch im entscheidenden Moment den Schuss von Iniesta zum Ausgleich in der Nachspielzeit nicht abblocken können. "Wir sind enttäuscht darüber, dass wir es selber nicht gepackt haben - und über den Schiedsrichter. Ich weiß nicht, ob es Betrug war - ich hoffe nicht", so Ballack.

Der ersehnte internationale Erfolg bleibt ihm nun vorerst weiterhin verwehrt. Im Vorjahr verlor er das EM-Endspiel und das Champions-League-Finale. 2002 scheiterte er mit Bayer Leverkusen im Finale der Königsklasse am spanischen Rekordmeister Real Madrid und war anschließend im WM-Endspiel wegen einer Sperre zum Zuschauen verdammt.

Und doch klang am Ende des Abends Optimismus durch: "Ich spiele in einer super Mannschaft, da ist die Chance relativ hoch, jedes Jahr ins Finale zu kommen", so der 32-Jährige. "In den letzten Jahren waren es fast immer dieselben Mannschaften, die im Halbfinale standen, von daher hoffe ich, dass da in den nächsten ein, zwei Jahren noch etwas möglich ist."

Barcelona-Coach Josep Guardiola äußerte Verständnis für Chelseas Enttäuschung, sah seine Elf aber als würdigen Finalisten. "Wir sind verdientermaßen ins Finale eingezogen. Ich habe meinen Spielern zur Halbzeit gesagt: Wer nicht mehr an unseren Erfolg glaubt, soll in der Kabine bleiben." Und "Barca"-Star Lionel Messi freute schon auf das Duell in Rom: "Nun stehen die beiden besten Mannschaften der Welt im Endspiel."

Beide Finalteilnehmer könnten am 27. Mai in der italienischen Hauptstadt eine für sie großartige Saison krönen. Die nationalen Meistertitel scheinen ihnen sicher. United hat bereits den Welt- und Ligapokal gewonnen, Barcelona steht zudem im spanischen Pokalfinale.

Guardiola kündigte für die Begegnung mit Manchester United, das im ersten Halbfinale dem FC Arsenal keine Chance gelassen hatte, eine offensive Taktik an: "Wir werden unsere Herangehensweise nicht ändern. Den Ball erobern, ihn laufen lassen und Chancen herausspielen", so Guardiola und schickte eine selbstbewusste Kampfansage hinterher: "Manchester ist der Titelverteidiger und eine unglaubliche Mannschaft mit einem sehr erfahrenen Trainer. Aber wir sind Barcelona."

fsc/sid/AP/dpa

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