Hooligans in Chemnitz Kampf, Sport, Szene

Ein rechtsradikaler Mob zieht durch Chemnitz und macht Jagd auf Ausländer. Die Übergriffe waren schockierend, überraschend kamen sie nicht. Im Umfeld des Fußballvereins gibt es schon lange ein Hooligan-Problem.

Polizeieinsatz in Chemnitz am Sonntag
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Polizeieinsatz in Chemnitz am Sonntag

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Seit 875 Jahren gibt es Chemnitz, im Mai wäre der ehemalige Namensgeber der Stadt, Karl Marx, 200 Jahre alt geworden. Für die 250.000-Einwohnerstadt in Sachsen ausreichend Gründe, um 2018 "ausgelassen zu feiern". So heißt es jedenfalls auf der Internetseite der städtischen "Chemnitz Tourismus" in ihrer Ankündigung zum Stadtfest vom vergangenen Wochenende, welches die Macher als "größte Geburtstagsparty der Region" bezeichnet und für das sie sich auch gleich einen aus ihrer Sicht passenden Hashtag ausgedacht haben: #Einfachfeiern.

Doch so sehr man auch sucht, unter diesem Hashtag findet man in den sozialen Netzwerken keine Neuigkeiten aus Chemnitz. Obwohl das ehemalige Karl-Marx-Stadt seit Sonntag nicht nur bei Twitter eins der Hauptthemen ist. Statt über fröhliche Besucher, die einfach feiern, wird nun über einen rechtsradikalen Mob berichtet, der am helllichten Tag Jagd auf Menschen mit Migrationshintergrund machte und dabei auf eine offenbar völlig überrumpelte Polizei traf. Dies lassen jedenfalls die Videos erahnen, die seit dem gestrigen Sonntag in den sozialen Netzwerken veröffentlicht werden.

Auslöser für die gewalttätigen Ausschreitungen war ein Aufruf der rechtsradikalen Ultra-Gruppierung "Kaotic Chemnitz" auf Facebook. "Unsere Stadt - Unsere Regeln. Wir fordern Alle Chemnitz Fans und Sympathisanten auf sich mit uns heute den 26.08.2018 um 16.30 vorm Nischel zu treffen! Lasst uns zusammen zeigen wer in der Stadt das sagen hat! Ehre Treue Leidenschaft für Verein und HEIMATSTADT", (Originalschreibweise) war in dem gegen 10 Uhr am Sonntagmorgen ins Netz gestellten und mittlerweile gelöschten Eintrag der Ultra-Gruppierung zu lesen.

Stunden zuvor kam es auf dem Stadtfest zu einem Streit, der für einen der Teilnehmer tödlich endete und bei dem zwei weitere Personen lebensgefährlich verletzt wurden. Zwei Tatverdächtige wurden festgenommen. Dem Gerücht, die Männer hätten auf dem Stadtfest Frauen belästigt, widersprach die Polizei schnell.

"In der Stadt haben rechtsradikale Hooligangruppen Tradition"

Doch da waren die Ereignisse bereits außer Kontrolle geraten: Nachdem um 15 Uhr bereits rund 100 Teilnehmer bei einer von der AfD organisierten Veranstaltung protestierten, zog um 16.30 ein rechtsradikaler Mob los. Von dessen Dimension sind Experten und Beobachter der Chemnitzer Hooliganszene wenig überrascht. "Zum Umfeld von Kaotic Chemnitz gehören zwar nur rund 100 Personen, doch in der Stadt haben rechtsradikale Hooligangruppen Tradition", sagte Robert Claus, Autor des im vergangenen Jahr erschienen Buches "Hooligans", dem SPIEGEL.

Bereits in den 1990er Jahren entstand im Umfeld des Chemnitzer FC die Gruppierung HooNaRa, was für Hooligans-Nazis-Rassisten steht. Eine rechtsradikale Gruppierung, die sich nicht nur auf Kämpfe beschränkte. 1999 wurde der 17-jährige Patrick Thürmer auf dem Heimweg von einem Punkfestival in der Nähe von Chemnitz von drei Männern überfallen und ermordet. Einer der Täter gehörte der HooNaRa an. Diese löste sich zwar 2007 offiziell auf, doch die Strukturen blieben bestehen. "Eigentlich gibt es HooNaRa nicht mehr, andererseits sind wir in einer halben Stunde da", rühmte sich Thomas Haller, jahrelang eine der Führungsfiguren der Gruppierung, 2007 in einem Beitrag für das damals noch existierende Fußballmagazin "Rund". Wie die Ereignisse in Chemnitz zeigen, handelt es sich noch elf Jahre später um keine leere Drohung.

Zu den alten Strukturen von HooNaRa gehörte neben "Kaotic Chemnitz" mit den "NS-Boys" noch eine weitere rechtradikale Gruppierung, die 2004 als Nachwuchsgruppe der Ultras Chemnitz 99 entstanden war und aus ihren politischen Ansichten nie ein Geheimnis machte, auch wenn die Abkürzung "NS" offiziell für "New Society" steht. Als Logo verwenden die NS-Boys, denen rund 50 Personen zugerechnet werden, das Konterfei eines Hitlerjungen aus einem nationalsozialistischem Propagandaplakat.

"Im Bereich der Prävention zu wenig getan"

Doch nicht nur die in Chemnitz existierenden Strukturen haben dazu beigetragen, dass der "Kaotic"-Aufruf so viele rechtsradikale Hooligans mobilisieren konnte. "Die Chemnitzer Szene ist bestens vernetzt. Es werden zum Beispiel enge Kontakte nach Cottbus gepflegt, aber auch nach Zwickau und in andere sächsische Städte. Dadurch war es für die Chemnitzer Hooligans kein Problem, am Sonntag so viele Gleichgesinnte zu mobilisieren", sagt Claus.

Gutes Beispiel für die enge Vernetzung sind die Ausschreitungen im Leipziger Stadtteil Connewitz im Jahr 2016. "An denen waren auch rechtsradikale Hooligans aus anderen Städten beteiligt, darunter aus Chemnitz", so Claus, der als Mitarbeiter der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" (Kofas) neben der DFL und dem DFB auch mehrere Bundesligisten berät.

Dass im Umfeld des Chemnitzer FC diese rechtsradikalen Gruppierungen überhaupt so gut Fuß fassen konnten, liegt auch an alten Fehlern des heutigen Regionalligisten. "Gerade im Bereich der Prävention hat der Verein in der Vergangenheit zu wenig getan", erklärt Claus. Bestes Beispiel dafür ist der bereits erwähnte Haller. Zeitgleich zu HooNaRa, betrieb er den Ordnungsdienst CFC Security, der bei den Heimspielen des Klubs für die Sicherheit im Stadion verantwortlich war.

Heute distanziert sich der Verein zwar von Gruppen wie "Kaotic Chemnitz" und den "NS-Boys", indem er ihnen nicht nur verbietet, im Stadion öffentlich aufzutreten, sondern zum Beispiel auch deren Teilnahmen an Fan-Turnieren untersagt. Die Aktivitäten der Gruppen lassen sich aber nicht ganz verhindern. Trotz Auftrittsverbots kommen weiterhin viele Mitglieder der Gruppierungen zu den Heimspielen. Bei Auswärtspartien zeigen sie sogar offen ihre Fahnen.

Vernetzungen in die Kampfsportszene

Die Aktivitäten beschränken sich jedoch nicht nur auf den Fußball. Angeblich sollen rechtsradikale Hooligans während des am Wochenende stattgefundenen Stadtfests im Securitydienst eingesetzt worden sein. Gerüchte, die bisher nicht bestätigt werden konnten und zu denen sich die Stadt Chemnitz gegenüber dem SPIEGEL bisher nicht geäußert hat.

Experten beobachten nicht nur die bereits existierenden Strukturen mit großer Sorge. "Wenn man von rechtsradikalen Hooligan-Strukturen spricht, muss man auch über deren immer stärker werdenden Kontakte und Vernetzungen in die Kampfsportszene sprechen, in der sie sich professionalisieren", erklärt Claus und verweist unter anderem auf den Boxclub Chemnitz 94 oder Muay Thai in Thalheim. In den vergangenen Jahren trainierten dort wiederholt Mitglieder der HooNaRa und verbesserten so ihre Kampffähigkeiten.

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