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Chinesische Fußball-Liga: Kaufrausch im Namen des Volkes

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DPA

Ramires, Martínez, Teixeira: Die Chinese Super League hat in diesem Winter mehr Geld für Spieler ausgegeben als die englische Premier League. Was will China mit den Stars? Und wer steckt hinter den Klubs?

Im Fußball gibt es ein schönes Bild für den Zeitraum, in dem Klubs neue Spieler verpflichten können: das Transferfenster. Es lassen sich herrliche Analogien damit bilden, so kann man zum Beispiel sagen, dass das Fenster wichtig ist in der Architektur des Hauses Fußball. Denn wann immer es aufgeht, weht ein frischer Wind durch die weltweiten Ligen.

Oder im Fall der Chinese Super League: ein Sturm.

In China scheint man nämlich in diesem Winter nur darauf gewartet zu haben, dass dieses Transferfenster endlich aufgeht. Seit es offen ist, hat die chinesische Fußball-Liga fast 260 Millionen Euro für Ablösesummen ausgegeben, das ist mehr als die ganz und gar nicht knausrige englische Premier League (250 Millionen). Und um endgültig zu verdeutlichen, von welchen Dimensionen wir reden: Die zweite chinesische Liga, die China League One, hat mehr Geld in die Hand genommen als die Bundesliga. 200 Millionen Euro.

In den vergangenen Tagen jagte ein chinesischer Rekord den nächsten. Noch Ende Januar hatte der Wechsel des Brasilianers Elkeson zu Shanghai SIPG (18,5 Millionen Euro) einen neuen Höchstwert markiert. Dann ging der Brasilianer Alex Teixeira zu Jiangsu Suning - 50 Millionen Euro zahlten die Chinesen für den 26-jährigen Mittelfeldspieler. Zwischenzeitlich waren der Brasilianer Ramires (ebenfalls zu Jiangsu Suning, 33 Millionen) und Jackson Martínez (für 42 Millionen zu Guangzhou Evergrande) nach China gewechselt.

260 Millionen für Spieler aus Europa. Warum dieser Shopping-Wahnsinn?

Die Chinesen verbindet mit Fußball eine Hassliebe. Sie lieben den Sport, abgöttisch sogar. Etwa 100 Millionen Chinesen sahen vor zwei Jahren den WM-Sieg Deutschlands gegen Argentinien, obwohl das Spiel nach chinesischer Zeit um drei Uhr morgens angepfiffen wurde. Und beim FC Bayern erzählt man sich die Anekdote, dass der Verein bei seiner ersten China-Reise 2012 von Tausenden Fans mit der Vereinshymne "Stern des Südens" empfangen wurde. Auf Deutsch.

Aber die Chinesen verachten die eigene Nationalmannschaft. Sie sind tief enttäuscht von ihr, weil diese es erst einmal, im Jahr 2002, zu einer Weltmeisterschaft schaffte, nur um in Japan und Südkorea sang- und klanglos unterzugehen, ohne nur ein Tor geschossen zu haben. Derzeit rangiert sie auf Platz 93 der Fifa-Weltrangliste. Der Zorn auf die eigene Mannschaft wird in China offen gepflegt. Nachdem die Nationalelf 2013 in einem Qualifikationsspiel des Asien-Cups Saudi-Arabien unterlegen war, nannte eine Zeitung den Trainer: "Sha bi" ("Dumme Fotze").

Präsident Xi köpft einen Fußball Zur Großansicht
AFP

Präsident Xi köpft einen Fußball

Das soll jetzt anders werden. China, das bevölkerungsreichste Land der Erde, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und die Supermacht des 21. Jahrhunderts, schickt sich an, auch auf dem Fußballplatz aufzuholen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte deswegen die "Zentrale Führungsgruppe zur umfassenden Vertiefung der Reformen" einen Aktionsplan mit dem Namen "Umfassender Plan der Reform und Entwicklung des chinesischen Fußballs". Darin heißt es: "Die Wiederbelebung des Fußballs ist die aufrichtige Hoffnung des Volkes". Vorsitzender der zentralen Führungsgruppe ist Xi Jinping, der chinesische Staats- und Parteichef.

Präsident Xi bekommt ein Argentinien-Trikot Zur Großansicht
AFP

Präsident Xi bekommt ein Argentinien-Trikot

Die Fußballförderung genießt in China seither den Segen von ganz oben. Xi lässt keine Gelegenheit aus, sich Bälle in die Landschaft kickend fotografieren zu lassen. Schon vor seinem Amtsantritt erklärte er: China soll die Qualifikation zu einer Fußball-WM schaffen. Und die WM ins eigene Land holen. Und irgendwann Weltmeister werden. Seitdem werden Fußballschwerpunktschulen gebaut und Trainer ausgebildet. Die Ausbildungsstätte von Guangzhou Evergrande, dem amtierenden chinesischen Meister, gilt mit etwa 3000 Schülern und mehr als 50 Plätzen schon heute als größte Fußballschule der Welt.

Präsident Xi bekommt ein Beckham- und ein Bryant-Trikot Zur Großansicht
Corbis

Präsident Xi bekommt ein Beckham- und ein Bryant-Trikot

Die Einkaufstour der chinesischen Liga, die noch vor wenigen Jahren immer wieder durch Wettskandale erschüttert wurde, ist nur der nächste logische Schritt. Aber kann das funktionieren?

Der Verein Guangzhou Evergrande gehört jeweils zur Hälfte dem E-Commerce-Giganten Alibaba und Evergrande Real, einer der größten Immobilienfirmen Chinas. Man kann den Verein deswegen als Muster betrachten: Immobilienfirmen sind an mehr als der Hälfte der 16 Liga-Klubs beteiligt, es scheint eine profitable Klüngelei zwischen dem Bau- und dem Fußballgewerbe zu geben. Die Chefs der Immobilienfirmen sind die schillerndsten Figuren des chinesischen Wirtschaftswunders: Der Chef von Evergrande etwa, der Milliardär Xu Jiayin, ist einer der reichsten Männer Chinas - und Mitglied der Kommunistischen Partei (KP) und der Konsultativkonferenz der KP.

Bei Jiangsu Suning, dem Verein, der jetzt für 50 Millionen den Brasilianer Teixeira verpflichtet hat, liegen die Dinge nur insofern anders, als kein Immobilienunternehmen die Mehrheit an dem Klub besitzt, sondern das Einzelhandelsunternehmen Suning. Aber auch der Chef von Suning - hier das andere Muster - gehört zu den reichsten Männern des Landes und ist Mitglied der KP-Konsultativkonferenz.

Geld war noch nie ein Problem für die Klub-Bosse, aber offenbar hat es ein Umdenken gegeben bei der Frage, wie die Milliarden ausgegeben werden sollen. Die Chinese Super League, so viel ist klar, will kein Rentnerparadies mehr sein. Als vor wenigen Jahren die Stars Nicolas Anelka und Didier Drogba nach China wechselten, waren beide über 30 Jahre alt, sie schoben in China noch eine ruhige Kugel und genossen ihren Vorruhestand. Aber Alex Teixeira ist 26, Jackson Martínez 29 und Ramires 28. Top-Profis im besten Fußballeralter. Die chinesischen Klubs versprechen sich von ihnen nicht nur einen Imagegewinn, sondern Erfolg auf dem Platz.

Für die europäischen Klubs sind die steigenden Preise auf dem Transfermarkt natürlich eine schlechte Nachricht. Die noch schlechtere aber ist: Das chinesische Transferfenster schließt erst am 26. Februar. Bis dahin darf gnadenlos weitergeshoppt werden.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. 260 Mio - davon 200 Mio für 2. Liga
Hartmut Schwensen 09.02.2016
Irgendwie stimmen da die Proportionen nicht. Warum soll die 2. Liga 3/4 der gesamten Ablösesummen ausmachen?
2.
Soordhin 09.02.2016
Wenn in China etwas aufgebaut werden soll dann spielt Geld überhaupt keine Rolle. Fussballer sind da sicher die sichtbare Spitze des Eisbergs, aber auch andere Fachkräfte werden begeistert aus Europa oder den USA abgeworben. Und da man nicht mit überragender Lebensqualität werben kann muss man halt mit Geld locken. In meinem Bereich werden Teilzeitverträge zwischen 170.000 bis deutlich über 300.000$ pro Jahr nach Steuern je nach Teilzeit-Modell angeboten.
3. Loddars chance
Mano15 09.02.2016
Das wäre echt was für uneren Fußballgott, ehm sorry, ich meinte Fußballexperten Loddar, und das bisschen chinesich kann er auch. Kennt er ja von seinem Chinesen, von an der Ecke, von der Speisekarte.
4. Wetten
goethestrasse 09.02.2016
Wetten, Glücksspiel, Schiebung ??!!
5. 50+1 muss weg!
maynard_k. 09.02.2016
Spätestens jetzt muss doch auch dem letzten Nostalgiker klar werden, dass die Entwicklung hin zu Investoren nicht aufzuhalten ist! Kommerzialisierung oder Dorfplatzfussball (was nichts schlechtes ist). Dazwischen wird es langfristig nichts geben. Macht man sich darüber hinaus klar, dass die Kommerzialisierung längst Einzug erhalten hat (letzter deutscher Vereinsmeister war der VfB Stuttgart) wird es Zeit diese europarechtswidrige 50+1 Regel endlich über Bord zu werfen! Andernfalls werden wir den Anschluss verlieren!
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