Gladbach-Newcomer Kramer Sieg gegen Bayern? "Kann passieren"

Die Bundesliga startet mit dem Knaller Gladbach gegen Bayern in die Rückrunde. In der Startelf beim Tabellendritten: Der 22-jährige Christoph Kramer. Hier spricht er über Traumtrainer Lucien Favre, die Ziele seines Teams - und sein Vorbild Stefan Effenberg.

Ein Interview von

DPA

Zur Person
  • Christoph Kramer, Jahrgang 1991, tauchte vor genau einer halben Saison wie aus dem Nichts auf der Bundesliga-Bühne auf. Zwei Jahre hatte er beim VfL Bochum in der zweiten Liga gespielt, dann debütierte er im Saisoneröffnungsspiel des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach in der Startelf der Gäste. Seitdem ist der 1,91 Meter große 22-Jährige ein fester Bestandteil der Borussia - und der Bundesliga-Spieler, der in der ersten Saisonhälfte die meisten Kilometer zurückgelegt hat.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kramer, das Hinspiel gegen den FC Bayern werden Sie vermutlich nie vergessen. Es war Ihre erste Bundesliga-Partie, kaum jemand kannte Sie, und Sie waren gleich einer der Auffälligsten. Eine halbe Saison später sind Sie eine feste Größe. Gehen Sie gelassener in dieses Rückspiel?

Kramer: So ein Spiel gegen Bayern, das in vielen Ländern im Fernsehen übertragen wird, bleibt ein großes Erlebnis. Aber vor meinem ersten Bundesliga-Spiel war das eine noch speziellere Situation, weil ich keine Ahnung hatte, ob ich den Schritt von der zweiten in die erste Liga drauf habe. Ich denke, das habe ich in den 17 Partien der Hinrunde bewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden sogar mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht, weil Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan verletzt oder angeschlagen sind. Träumen Sie manchmal insgeheim von einer WM-Teilnahme?

Kramer: Es ehrt mich sehr, dass ich diese Frage im Moment öfter mal gestellt bekomme. Aber ich muss schon sagen, dass das bei aller Liebe nicht realistisch ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Leistungssprung ist dennoch gewaltig, andere Spieler benötigen viele Monate, bis sie verstehen, was Lucien Favre will. Haben Sie einen besonderen Draht zu diesem Trainer?

Kramer: Ich glaube nicht, dass Lucien Favre eine besondere Beziehung zu bestimmten Spielern hat. Er versucht uns alle weiterzuentwickeln, allerdings schaut er dabei sehr intensiv auf die jungen Spieler. Man muss ihm nur gut zuhören, dann wird man besser. Es ist einfach Gold wert, unter so einem Coach zu trainieren.

SPIEGEL ONLINE: Der Schritt von Peter Neururer, dem Prototypen aus der "Alte-Schule-Schublade", unter dem Sie im vorigen Jahr in Bochum den Klassenerhalt schafften, zu Favre, dem Trainer der Stunde, muss ein Kulturschock gewesen sein.

Kramer: Das war schon ein Schritt. Neururer hatte ja eigentlich nur die Aufgabe, eine individuell relativ gut besetzte Mannschaft, die wir in Bochum waren, mit Leben zu füllen, und das hat er hervorragend gemacht. Ich bin überzeugt, dass es in dieser Situation keinen Besseren für uns gab. Aber trainingstechnisch liegen keine Welten zwischen Favre und Neururer, da liegt ein ganzes Universum dazwischen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn so besonders an Favre?

Kramer: Sein Auge für die ganz kleinen Dinge. Der Unterschied zwischen einem Raffael und einem Lionel Messi besteht schlicht darin, dass Messi in den winzigen Details alles richtig macht. Und an diesen Details arbeiten wir. In der Bundesliga ist die Leistungsdichte so hoch, dass es entscheidend ist, ob ein Pass so in den Lauf gespielt wird, dass der Mitspieler sein Tempo ein klein wenig verringern muss, oder ob er sein Tempo halten kann und im Bewegungsfluss bleibt. Es gibt viele solcher Dinge, die auf den ersten Blick kaum auffallen, aber wenn man diese Kleinigkeiten richtig macht, dann gewinnt man ein Bundesliga-Spiel.

SPIEGEL ONLINE: War diese Sichtweise neu für Sie?

Kramer: Ich hatte das Glück, dass ich in der Jugend bei Bayer Leverkusen unter Sascha Lewandowski trainiert habe, der ist ein ganz ähnlicher Typ wie Favre. Aber vielleicht ist Favre noch detailversessener. Ich kann nur immer wieder sagen: Als junger Spieler unter diesem Mann zu trainieren, ist ein großer Glücksfall.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen geradezu schwärmerisch. Schmerzt der Gedanke, dass Sie eigentlich bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stehen und vermutlich im Sommer 2015, wenn das Leihgeschäft endet, zum Werksclub wechseln müssen?

Kramer: Das ist noch viel zu weit weg, darüber denke ich nicht nach. Und so wie ich mich im Moment entwickle, ist es gut für alle Seiten. Ich freue mich, Gladbach freut sich und Leverkusen auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um Ihre Sympathien für Leverkusen, immerhin der Club Ihrer Jugend?

Kramer: Das ist mein Heimatverein, ich stehe jetzt meine 16. Saison dort unter Vertrag. Ich weiß nicht, ob es in Europa eine bessere Nachwuchsakademie gibt, da fällt mir höchstens noch Amsterdam ein. Und als Kind war ich natürlich auch Fan von Bayer 04, das ist ja klar, wenn man da immer Balljunge ist und so.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt wollen Sie aber Bayer Leverkusen den Champions-League-Platz streitig machen, oder?

Kramer: Ich tue mich schwer mit diesen Zielen, die Rückrunde wird extrem anspruchsvoll. Wolfsburg hat mit dem De-Bruyne-Wechsel unheimlich aufgeholt, und ich weiß nicht, ob Schalke noch mal so eine durchwachsene Runde spielen wird. Dortmund auf Distanz zu halten wird so richtig schwer, und die Teams vor uns, Leverkusen und Bayern, sind so konstant, dass die ersten vier, fünf Plätze eigentlich schon vergeben sind. Unser Ziel muss sein, europäisch zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Das kann man auch anders sehen: Schalke hängt in einer Art Dauerkrise fest, Dortmund plagt sich mit Verletzten, Transferdebatten und schlechter Stimmung, und Leverkusen hat viele Spiele nur mit sehr viel Glück gewonnen. Das sagt sogar deren Trainer Sami Hyypiä.

Kramer: Dennoch werden diese Mannschaften viele Punkte erspielen, aber es stimmt schon: Was die Attraktivität des Fußballs angeht, kann man sich am besten eine Dauerkarte in Mönchengladbach kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber eine Dauerkarte für die Fankurve des VfL Bochum, mischen Sie sich da wirklich unter die Anhänger?

Kramer: Ja, das macht einfach Spaß. Da singe ich dann ein bisschen mit, trinke ein Bierchen und gehe wieder nach Hause. Ich hatte in Bochum einfach eine großartige Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Neuerdings werden Sie als Teil einer wiedergeborenen Fohlen-Elf gefeiert, die in den 70er Jahren angeblich den schönsten Fußball Deutschlands spielte. Sie wurden 1991 geboren, wissen Sie überhaupt, was sich hinter diesem Wortpaar verbirgt?

Kramer: Mir war das tatsächlich nicht so klar, aber ich habe das gegoogelt. Die historischen Grundlagen des Clubs, für den man spielt, sollte man ja schon kennen. Jetzt weiß ich so ungefähr, was gemeint war, aber ich bin der Meinung, dass der Vergleich allenfalls passt, weil wir auch eine junge Mannschaft sind. Der Fußball ist nicht vergleichbar, der hat sich viel zu sehr verändert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn aus der jüngeren Vergangenheit einen Spieler, dem Sie nacheifern?

Kramer: Für mich sind Steven Gerrard und Stefan Effenberg Vorbilder. Vor allem Effenberg fand ich immer geil, so von der Art her, und der konnte auch richtig kicken. Der war auch ungefähr so groß wie ich und sehr dünn, der hatte echt dünne Beine. Aber beide haben einen richtig guten Schuss, der fehlt mir.

SPIEGEL ONLINE: Dafür haben Sie eine Pferdelunge. Mit 204,6 Kilometern sind Sie in der Hinrunde mehr gelaufen als alle anderen Spieler in der Liga.

Kramer: Ich versuche jeden Ball zu erobern, um jeden Meter zu kämpfen, das sind einfach meine Stärken.

SPIEGEL ONLINE: Mit Max Kruse haben Sie sich angefreundet. Gab es bisher in jedem Ihrer Teams so einen besten Kumpel?

Kramer: Nein, so habe ich das noch nie erlebt. Ich war jetzt über Silvester das erste Mal mit jemandem aus meiner Mannschaft zusammen im Urlaub, wir sind in Sydney gewesen. Nachdem wir uns im Sommertrainingslager ein Zimmer geteilt haben, hat sich diese Freundschaft so ergeben. Wir haben immer viel zu lachen und es ist natürlich kein Nachteil, jemanden in der eigenen Mannschaft zu haben, den man wirklich zu seinen engen Freunden zählt.

SPIEGEL ONLINE: Kruse wirkt immer ein wenig exzentrisch mit seinen Klamotten und seinem Camouflage-Maserati, Sie dagegen machen einen sehr bodenständigen Eindruck. Wie passt das?

Kramer: Nach außen hin ist Max gewöhnungsbedürftig, aber er ist sehr ehrlich und direkt, das schätze ich an ihm, sein wahres Gesicht ist nicht das, das die Öffentlichkeit wahrnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen ein Glückskind zu sein, jubeln Sie manchmal innerlich, dass Ihnen die Dinge so zufliegen?

Kramer: Das denke ich auch manchmal. Das Jahr 2013 war für mich absolut überragend - nicht nur von der Entwicklung her, sondern auch von dem Glück, das ich hatte.

SPIEGEL ONLINE: Und 2014 beginnt mit einem Sieg gegen die Bayern?

Kramer: Das kann schon passieren.



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