Vergabe der WM 2006 Geschichte eines Skandals

Die Chronologie der vom SPIEGEL enthüllten Affäre um die Vergabe der WM 2006.

Franz Beckenbauer
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Franz Beckenbauer


16. Oktober 2015: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa ein.

16. Oktober: Der SPIEGEL berichtet über die Existenz einer schwarzen Kasse beim deutschen Bewerbungskomitees für die WM 2006 und legt den Verdacht nahe, dass damit mutmaßlich vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee gekauft worden sein könnten. Das Geld kam vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus. Der DFB weist den SPIEGEL-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober: Erstmals äußert sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu den Vorwürfen: "Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen weder beim DFB noch dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat."

18. Oktober: Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den SPIEGEL-Bericht: "Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat."

19. Oktober: Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals "den einen offenen Punkt" ein: "Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden."

21. Oktober: Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober: Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006. Er wisse von nichts, könne sich an einige Dinge nicht erinnern, aber Korruption vonseiten des DFB schließe er aus. Auch seine eigene Unschuld beteuert er.

23. Oktober: Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber "strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird".

23. Oktober: Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und spricht im SPIEGEL von der Existenz einer schwarzen Kasse "in der deutschen WM-Bewerbung". Es sei "ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005".

26. Oktober: Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen "Fehler" ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der Fifa-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

28. Oktober: Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer aus: "Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert."

3. November: Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt eine Steuerrazzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und des ehemaligen DFB-Generalsekretärs Horst R. Schmidt. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit der 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November: Der SPIEGEL veröffentlicht ein Faksimile mit mutmaßlich von Niersbach stammender handschriftlicher Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die Fifa aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass der heutige DFB-Präsident nicht erst in diesem Jahr von den umstrittenen Vorgängen Kenntnis hatte.

9. November: Wolfgang Niersbach zieht die "politischen Konsequenzen" und tritt von seinem Amt als DFB-Präsident zurück. Reinhard Rauball und Rainer Koch übernehmen die Geschäfte kommissarisch.

11. November: Franz Beckenbauer rückt ins Zentrum der Affäre. In einem von Beckenbauer unterschriebenen Vertrag werden dem mittlerweile lebenslang gesperrten früheren Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner "diverse Leistungen" zugesagt. Der DFB wertet das als möglichen Bestechungsversuch.

12. November: Eine persönliche Verfehlung Niersbachs könnte die Ursache für seinen Rücktritt gewesen sein. Der ehemalige DFB-Präsident soll schon länger von dem dubiosen Vertrag mit Warner gewusst und ihn verdeckt gehalten haben.

19. November: Die dubiosen 6,7 Millionen Euro, der Auslöser für den DFB-Skandal, könnten nach Angaben des SPIEGEL in die Karibik, auf die British Virgin Islands, geflossen sein.

20. November: "Ja, wo samma denn?" In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" kritisiert Franz Beckenbauer die DFB-Führung. Er habe ein persönliches Gespräch mit Reinhard Rauball und Rainer Koch angeboten, um alle Ungereimtheiten zu klären, aber keine Antwort erhalten. Die Interimspräsidenten erklärten indes den Wunsch, dass Beckenbauer ein zweites Mal vor den externen Ermittlern der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer spricht.

24. November: Beckenbauer kehrt zurück in die Öffentlichkeit. Seit der Veröffentlichung des von ihm unterzeichneten brisanten WM-Vertrags war der 70-Jährige nicht mehr als Sky-Experte aufgetreten. Im Rahmen der Champions-League-Partie des FC Bayern München gegen Olympiakos Piräus kommt Beckenbauer wieder bei dem Pay-TV-Sender zum Einsatz.

4. März 2016: Anfang März veröffentlichen die Ermittler dann ihre Ergebnisse, der SPIEGEL berichtet vorab über das "Konto in Sarnen". Der Freshfields-Bericht enthüllt, dass Beckenbauer direkt in die Affäre verstrickt ist. Demnach flossen ab Ende Mai 2002 sechs Millionen Schweizer Franken von einem Konto, das Beckenbauer und seinen damaligen Manager Robert Schwan als Inhaber auswies, auf ein Kanzleikonto in der Schweiz. Von dort aus soll es auf ein Konto der Firmengruppe des früheren Fifa-Exekutivkomitee-Mitglieds Mohamed Bin Hammam weitergeleitet worden sein. Anfang September erhielt Beckenbauer die Summe von Louis-Dreyfus zurück. Ob das Geld in Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2006 steht, ist unklar.

16. März: Der SPIEGEL berichtet vorab vom Ende der Zusammenarbeit von Beckenbauer und Sky. "Wir bedauern die Entscheidung sehr", äußerte sich der TV-Sender. Beckenbauers Vertrag wäre bis in die nächste Saison gelaufen, er selbst soll aber um die Beendigung der Geschäftsbeziehung gebeten haben. Dem Vernehmen nach sollen Beckenbauer auch private Gründe wie der Tod seines Sohns Stephan im vergangenen Jahr bewogen haben, sein Engagement zu überdenken.

22. März: Die Fifa-Ethikkommission eröffnet ein Verfahren gegen Niersbach und Beckenbauer. Auch gegen Zwanziger, die Ex-Generalsekretäre Helmut Sandrock und Horst R. Schmidt sowie Ex-DFB-Mitarbeiter Stefan Hans wird ermittelt. Die sechs, alle ehemals Mitglieder des Organisationskomitees für die WM, werden jeweils verdächtigt, den Fifa-Ethikcode verletzt zu haben.

25. Juli: Die Fifa-Ethikkommission sperrt Niersbach im Zuge der Affäre für ein Jahr für alle Fußballaktivitäten auf nationaler und internationaler Ebene. Ihm werden mehrere Verstöße gegen den Ethik-Code vorgeworfen. Niersbach legt später Berufung gegen die Sperre ein.

1. September: Beckenbauer drohen erstmals strafrechtliche Konsequenzen. Nach Informationen des SPIEGEL hat die Bundesanwaltschaft der Schweiz ein Ermittlungsverfahren gegen Beckenbauer wegen des Verdachts auf Untreue und Geldwäsche eingeleitet.

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