CL-Finale in Dortmund: Der Pott trauert um den Pott

Von , Dortmund

REUTERS

Der Traum platzte in der 89. Minute: In Dortmund hatten Tausende Fans auf einen Überraschungssieg gegen Bayern gehofft, nach der knappen Niederlage blieben ihnen nur Trauer und erschöpfte Wut. Das Wetter sorgte für die passende Kulisse.

In Wembley sind 68 Minuten gespielt, als die Dortmunder Innenstadt bebt. Auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus fliegen Hektoliter Bier durch die Luft, und die ohrenbetäubende Geräuschkulisse vermischt sich zu einem einzigen langgezogenen "Jaaaaa!". In der Ekstase wird jeder umarmt, den man zu fassen kriegt. Soeben hat Ilkay Gündogan im Finale der Champions League einen Elfmeter verwandelt und Borussia Dortmund die Führung des FC Bayern ausgeglichen (das Minutenprotokoll hier).

Eine magische Nacht kündigt sich an. Doch dieses Versprechen erfüllt sich nicht - der Jubel beim 1:1 sollte das einzige menschliche Beben der Nacht in Dortmund bleiben. Das Finale endet für die Zehntausenden BVB-Fans nicht mit dem erhofften, ersehnten Knall - sondern leise und betrüblich. Nachdem sie stundenlang gestanden, gezittert, gejubelt und gesungen haben, bleibt nur die große Leere (Fan-Liveticker hier).

Betrunkene müssen noch Betrunkenere trösten, bei vielen Fans ist nicht auszumachen, ob Regentropfen oder Tränen die Brille beschlagen. Ein BVB-Anhänger kniet auf dem mit leeren Bierdosen und kaputten Papierpokalen übersäten Boden, der Blick leer, die Augen glasig. Selbst die Bayern zu beschimpfen vermag seine Laune nicht mehr zu heben. "So eine Scheiße, gegen jeden hätten wir verlieren können, nur nicht gegen die", sagt er. So denken wohl alle hier.

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CL-Finale: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt
Einige tausend BVB-Anhänger harrten auch nach dem Schlusspfiff auf dem Friedensplatz aus, reckten noch einmal ihre Schals und Fahnen in die Höhe, als ihre geschlagenen Helden in Wembley auf die Tribüne kletterten, um sich für ein großartiges Spiel gratulieren zu lassen. Die Fans sangen "Wir sind alle Dortmunder Jungs", applaudierten, aber man wusste nicht so recht, ob das Klatschen den Spielern oder ihnen selbst galt.

In den wenigen Minuten zwischen der erneuten Bayern-Führung durch den verhassten Arjen Robben und dem Abpfiff hatten sie gehofft - auf ein neuerliches Dortmunder Wunder, so wie gegen Málaga, als man in der Nachspielzeit aus einem Rückstand einen Sieg gemacht hatte.

Aber der Glaube an eine Wende war wohl nicht einmal bei den eingefleischten Dortmunder Fans noch groß. Als ein letzter Verzweiflungsball des BVB Richtung Bayern-Tor flog, rief einer: "Komm, pfeif ab, dann ist die Scheiße wenigstens vorbei."

"Selbst Gott ist Dortmund-Fan"

Dabei hatte der Tag alles andere als schlecht angefangen. In Dortmund schien die Sonne. Im Gegensatz zu den Vortagen war zu spüren, dass etwas Besonderes, Großes in der Luft lag. Auf der zentralen Einkaufsmeile Westenhellweg trugen Hunde gelb-schwarze Halsbänder, ältere Damen quetschten sich in gelbe Strumpfhosen und schwarzen Minirock, und schon zur Mittagszeit zogen Hunderte Fangruppen singend durch die Straßen: "Hurra, hurra, der BVB ist da!"

Zu früh waren sie keineswegs. Wer überhaupt einen Platz beim gemeinsamen Gucken wollte, musste Zeit mitbringen. Die Westfalenhallen 1 und 4 waren komplett mit Fans gefüllt, und der Friedensplatz wurde bereits um 18 Uhr - knapp drei Stunden vor Anpfiff - wegen des riesigen Andrangs geschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Fans noch optimistisch, einer meinte sogar: "Selbst Gott ist Dortmund-Fan." Wenn es nach ihren Tipps gegangen wäre, hätten der BVB mindestens mit drei Toren Unterschied gewonnen. In Erwartung solch eines Spektakels ließen sie sich auch nicht von den Terrorwarnungen beeindrucken, die im Vorfeld des Finals bekannt geworden waren. "Wenn ich den Abpfiff erlebe und Dortmund gewinnt, ist mir alles scheißegal", sagte ein Zuschauer. "Wenn wir dat Ding gewinnen, ist heute Nacht jede Kneipe in Dortmund trocken."

Und der Optimismus schien berechtigt. Als Dortmund zu Beginn des Spiels die Bayern unter Druck setzte, träumten manche schon von einem 4:0 zur Pause, oder wenigstens von einer Neuauflage des vergangenen Pokalendspiels, als Dortmund die Bayern 5:2 abfertigte. "Zieht den Bayern die Lederhosen aus", hallte es über den Friedensplatz, und viele, die sangen, trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Who the fuck is Bayern?"

Doch je ausgeglichener das Spiel wurde, umso mehr wich die kollektive Zuversicht. Tausende Mittelfinger gingen in die Höhe, wenn Uli Hoeneß, Franck Ribéry, Bastian Schweinsteiger oder Jupp Heynckes auf der Großleinwand zu sehen waren. Für den früheren BVB-Trainer Matthias Sammer, jetzt bei Bayern Funktionär, oder Mario Götze, der zu den Münchnern wechselt, hatten die Fans im besten Fall nur das Wort "Judas" übrig.

Wie in einem schlechten Hollywood-Film

Und wie in einem schlechten Hollywood-Film setzte der Regen wieder ein, als die Bayern erstmals in Führung gingen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis aus dem Entsetzen das Beben vom Friedensplatz geworden war. Die Hoffnung war zurückgekehrt, nur um von Robben kurz vor Spielende zunichtegemacht zu werden.

Laut Polizei blieb es von wenigen kleinen Zwischenfällen bis kurz nach dem Abpfiff ruhig. "Nicht mehr als bei einem normalen Bundesliga-Spiel", sagt ein Beamter. "Es ist ja kein Gegner da."

Am Ende zogen Zehntausende Fans vom Public Viewing mit gesenkten Köpfen in die regnerisch-trübselige Dortmunder Nacht. Das ist letzte Erlebnis, das sie von dieser Saison in Erinnerung behalten werden. Jetzt beginnt für den BVB die Sommerpause - viel Zeit, um zu trauern.

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1. Lieber Autor
kalif1978 26.05.2013
Ich bin auch BVBler und bin nicht ein Stück gekränkt. Diese Saison haben wir fünfmal gegen den Fc Hollywood gespielt und sind nicht einmal so unter die Räder gekommen, wie z.B Barca. Die Bayern haben dieses Jahr wirklich Überirdisch gespielt, aber zu was für einen Preis? Manche Kommunen in Deutschland, haben nichtmals den Jahresetat, den die im Monat an Gehältern zahlen. Das Spiel war doch auch Super, eine Bestätigung, warum Fußball so beliebt ist. Und wir haben eine junge Mannschaft die noch hungrig ist, im Gegensatz zu Bonzenbayern. Dennoch danke, an beide Mannschaften, für einen tollen Fußballabend.
2. Warum TRAUER
duenswe 26.05.2013
Dortmund hat über die Verhältnisse gespielt - die ganze Saison. Wenn nicht Bayern überragend gewesen wäre, hätten sie wieder die Meisterschaft gewonnen... - also eine bessere Mannschaft anerkennen und ein fairer Verlierer sein...
3. BVB ,ihr seid die Gewinner der Herzen
thomy02 26.05.2013
CL-Zweiter, das ist nur ein Trostpflaster,aber dennoch sollen die Spieler des BVB wissen, daß sie im Grunde, die wirklichen gewinner sind. Die Bayern waren wieder am Beissen und Kratzen. Da wurde mit den Ellenbogen gearbeitet,als die Technik nicht mehr gereicht hat. Das haben die Spieler des BVB nicht nötig. Mir hat es mal wieder auf´s Neue gezeigt, was die Bayern für schlechte Verlierer sind. Nur keine Niederlage. dafür wird dann auch kräftig auf´s Schienbein der Gegner getreten. Die Arroganz der Bayern ist grenzenlos. Fairness sieht anders aus. Es tut echt weh, wenn man an einen solchen Gegner den Pokal abgeben muss, wenn man weiss, daß man der eigentliche Sieger ist. Danke an den BVB.
4. Kein Grund zur Trauer
kaiserbubu1 26.05.2013
Die Fans können erhobenen Hauptes in die nächste Saison einsteigen. Der BVB hat Klasse gespielt im Finale. Das war ein Fight auf Augenhöhe mit den Bayern. Aber Bayern hat es einfach verdient. Sie waren in dieser Saison die beste Vereinsmannschaft der Welt. Wenn das Triple jetzt gelingen sollte hat es auch der Sebior Jupp Heynkes geschafft zur Trainer Legende zu werden. Das ist ihm zu gönnen. Und Arjen Robben hat es allemal verdient das goldenen Tor zu schießen nach seinen traumatischen Endspiel Phobien in den letzten Jahren. Bayern muss in der Zukunft mit neuem Startrainer beweisen ob es nur einen Sommer zum Tanz gereicht hat. Aber Kloppo gehört mit seinem Team ganz sicher auch die Zukunft.
5. kein grund zur Trauer
minimax9 26.05.2013
Der BVB hat sich teuer verkauft. Wir haben eines der besten Fußballspiele gesehen und sollten stolz auf die fairen Verlierer sein. Beide Mannschaften sind als Gewinner vom Platz gegangen. Mein Respekt!
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