Claudio Pizarro Liebe in Zeiten der Transfercholera

Pizarro, oho! Das Schlitzohr aus Peru ist zurück in Bremen. Wieder einmal. Egal, was Kritiker jetzt meckern: Für den Senior-Stürmer und für die Werderaner ist es eine Herzensangelegenheit. Ein Liebesbrief.

Claudio Pizarro
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Claudio Pizarro


Lieber Claudio,

kurz bevor ich in die zehnte Klasse komme, platzt eine andere Nummer 10 in mein Leben. Als Du 1999 im Spätsommer von Alianza Lima nach Bremen umsattelst, durchlaufe ich gerade die Hochphase meiner Pubertät. Das Wechselbad meiner halbwüchsig-romantischen Gefühle ist eine ähnliche Achterbahnfahrt wie die vorangegangenen Saisons meines Lieblingsvereins unter Trainern wie Aad de Mos, Dixie Dörner oder Wolfgang Sidka.

Doch Du, lieber Claudio, das spüre ich schnell, kannst mir Ekstase und Sicherheit zugleich bieten. Das ist Zuneigung auf den ersten Blick. Reiner und tugendsamer als die unsichere Schwärmerei für Anne aus der 8c. Und so einfach springt der Funke über: Flanke Dieter Eilts auf den zweiten Pfosten, Rade Bogdanovic legt direkt ab, Du per Kopf. Bumm. 1:0. Mein Herz tanzt.

Claudio Pizarro (Archivbild 1999, Uefa-Cup gegen Viking Stavanger)
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Claudio Pizarro (Archivbild 1999, Uefa-Cup gegen Viking Stavanger)

In diesem Spätsommer wirst du meine erste Liebe. Statt Claudio Pizarro heißt Du jetzt 'Piza'. Zusammen mit einem Kugelblitz namens Ailton mischst Du die Liga auf, "Pizza Toni" liefert Tore am Fließband aus. Der SVW erstrahlt wieder. Endlich.

In den kommenden Saisons erhellst Du, Piza, Tor um Tor meine grün-weiße Gefühlswelt, bis dann 2001, ach, der bittere Wechsel zu Bayern München. Doch ich verzeihe Dir. Zu verschmitzt lächelst Du meinen Herzschmerz weg, zu charmant Deine Art in den Interviews. Du wirst zum einzigen Bayern-Spieler, dessen Tore auch ich feiere. Besonders wenn es so schöne sind wie die gegen den HSV, einmal per Hacke und einmal per Fallrückzieher.

Und irgendwie weiß ich, Du kehrst schon wieder heim.

2008 ist es zum ersten Mal soweit. Ein wenig später retten allein Deine Tore den SVW vor dem Abstieg. Dann kommst Du 2015 erneut zurück nach Hause. Pizarro, oho, Pizarro, oho-ho-ho. Du hast es natürlich immer noch drauf: Im März 2016, beim 4:1-Sieg gegen Bayer Leverkusen, machst Du einfach mal drei Buden. Als bislang ältester Bundesligaspieler jemals.

In der nächsten Saison läuft es zwar nicht mehr so, aber egal. Auch Deine kurze Irrfahrt beim FC Köln in der Saison 2017/18 sei dir erlaubt: Du spielst nur einmal durch, und zwar gegen Werder, und vergibst gegen uns eine Hundertprozentige. Danke.

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Claudio Pizarro: Immer wieder Werder

Jetzt bist Du wieder da. So wie es sein soll. Und gewiss, Du kamst ablösefrei, Deinen wohlverdienten Ruhestand verschiebst Du gerne. Dein Vertrag? Natürlich leistungsbezogen. Von gerade einmal 300.000 Euro ist die Rede. In Zeiten der Mal-eben-200-Millionen-Euro-Transfers bist Du Balsam für meine Fußballromantiker-Seele.

Mensch Claudio, gerade einmal drei Millionen Mark kostest Du damals im Spätsommer 1999. Der Kicker bezeichnet dich sogar blasphemisch als "Santa Cruz für Arme". Unterschätzt wirst Du dann aber bald nicht mehr. Sondern geschätzt, auf und neben dem Platz. Immer Dein ansteckendes Grinsen, immer ein Witzchen auf Lager.

Thomas Schaaf nennt Dich ein "Schlitzohr". Das passt, sagst Du. Ein "Slitzohr", so hört es sich aus Deinem Mund an, ist erfahren, raffiniert, gerissen und schlau. Diese Eigenschaften kann der junge Bremer Sturm gut gebrauchen.

Du wirst zwar nicht mehr viel spielen, sondern eher Kurzeinsätze wie nun gegen Hannover bekommen. Aber Werders junge Wilde werden von deiner Erfahrung und deiner Professionalität profitieren, das hat man bereits gegen 96 sehen können. Du bist und bleibst ein abgezockter Stürmer. So großartig wie Du kann es wohl auch keiner formulieren: "Ich will nicht verschweigen, dass ich auch zurückkomme, um Tore zu schießen". Ich grinse.

Claudio Pizarro gegen Tevin Erich vom VfR Wormatia Worms
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Claudio Pizarro gegen Tevin Erich vom VfR Wormatia Worms

Hach Piza, auch für Dich ist es eine Herzensangelegenheit, nicht wahr? Die Bremer Fans sind deine Familie. "Ich fühle mich hier wie Zuhause", sagst Du nach Deinem erneuten Umzug an die Weser. Da können wir, die wir für Dich schwärmen, nun ja nur sentimental werden. Mit Dir kommt eben auch ein Stück Bayern-Konkurrent Nummer 1 zurück an die Weser, ein wenig Ailton und ein bisschen Diego.

Mein Blick geht aber durchaus auch nach vorn, in die Bundesligasaison 2018/2019. In 447 Bundesligaeinsätzen hast Du jetzt schon 192 Tore geschossen. Ein paar, da bin ich mir sicher, werden noch hinzukommen. Du bangtest mal in der "Süddeutschen Zeitung", Dein Torkonto nicht erhöhen zu können, und philosophiertest: "So ist sie halt, die Zeit. Sie geht vorbei."

Das, lieber Claudio, stimmt aber nur bedingt. Deine Zeit bei Werder wird nie vollständig enden. Und meine Liebe zu Dir schon gar nicht. Wer weiß, vielleicht hängst Du ja nächsten Sommer doch noch ein Jahr dran. Dann als Sturmspitze vor dem frischgebackenen Premier-League -Sieger-Mesut Özil.

Piza, schön, dass es Dich gibt.

Dein David



insgesamt 7 Beiträge
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cpl.jerry 25.08.2018
1. Alle Daumen hoch!
auch als nicht Bremer kann ich nur sagen: Volle Zustimmung! Piza und der SVW! Damit bin ich aufgewachsen. Sätze wie:" Der Pizza-Express stellt auch in Mailand zu" (Werder beim letzten CL Auftritt) werde ich nie vergessen. Wünsche den Werderanern viel Erfolg dieses Jahr. Grüße aus Köpenick :)
widower+2 25.08.2018
2. Einfach schön
Als Pizarro heute mit den anderen Reservisten in die Westkurve kam, um sich warm zu machen, gab es Sprechchöre und Applaus für ihn. als er von der Westkurve zur Trainerbank lief, um eingewechselt zu werden, ging ein Raunen durchs ganze Stadion. Als er dann eingewechselt wurde, gab es Standing Ovations und Sprechchöre des gesamten Stadions. Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen. Danke, Claudio!
andreasm.bn 25.08.2018
3. egal, ob Werder-Fan oder nicht,...
diesen Mann muss man einfach mögen. Ich wünsche Piza und dem SVW viele Tore in dieser Saison und hoffentlich eine Anschlussverwendung in Bremen.
pansenhans75 26.08.2018
4. Danke für ein Jahr in Köln
Als Fc Fan kann ich nur sagen, Danke für ein Jahr in Köln! Pizza ist eine unumstrittene Macht im Fußball der heutigen Zeit, menschlich einfach eine Wucht.... der Nutzen für die Mannschaft war mir egal, er war da und hat mit seiner Art die Mannschaft extrem aufgewertet! Vielen Dank und alles gute
lionffm 26.08.2018
5. Ein Geiler Typ
Werder ohne Piza ist garnicht vorstellbar. Einfach ein Geiler Typ unser Claudio.
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