DFB-Gegner Chile Willkommen in Kasantiago

Südamerikameister Chile reist selbstbewusst zum Confed Cup an - und mit den meisten Fans im Rücken. Dass das Turnier in Deutschland nicht hoch angesehen ist, können die Chilenen nicht verstehen.

REUTERS

Aus Kasan berichten und


In diesem Juni müssen die Patienten ohne Javier Bustamante auskommen. Normalerweise arbeitet er um diese Zeit als Arzt in der chilenischen Hafenstadt Iquique, aber jetzt müssen sich eben die Kollegen um die Krankheitsfälle kümmern. Bustamante hat sich in ein Flugzeug gesetzt und ist die 14.000 Flugkilometer von Südamerika nach Russland gereist, um seine Nationalmannschaft beim Confed Cup vor Ort zu unterstützen.

Und er ist beileibe kein Einzelfall. Mehr als 10.000 Chilenen, so heißt es, haben sich aus ihrer Heimat aufgemacht. Chile bringt die größte Fan-Unterstützung dieses Turniers mit ins Land. Am Donnerstag geht es in Kasan gegen Deutschland (20 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD), "und das wird wohl ein Heimspiel für uns werden", sagt Rafael Cajer.

Auch Cajer ist über den Atlantik angereist. Dass in Deutschland eher naserümpfend über den Confed Cup gesprochen wird, kann er überhaupt nicht nachvollziehen. "Für uns ist dies hier ein sehr wichtiges Turnier, Chile ist allerdings auch zum ersten Mal bei so etwas dabei, es war klar, dass wir hinfahren."

Teilnahme ist für die Stars Ehrensache

Während Joachim Löw fast alle seine Weltmeister zu Hause gelassen hat, war es für die Chilenen Ehrensache, mit der besten Formation anzureisen. Bayerns "Aggressive Leader" Arturo Vidal, Arsenals Top-Stürmer Alexis Sanchez, Leverkusens Mittelfeldspieler Charles Aránguiz - da gab es kein Überlegen, auf die Teilnahme zu verzichten. Die Chilenen wollen hier nicht nur mitmachen, sie wollen das Turnier gewinnen.

"Wir sind mittlerweile so weit, dass wir wichtige Dinge gewinnen können, den Confed Cup, aber auch die Weltmeisterschaft", sagt Vidal vor dem Spiel. Nur seinem Trainer gefällt das mit der Favoritenrolle nicht so recht. "Deutschland hat auch jetzt noch eine Top-Mannschaft. Löws Spieler haben die DNA des deutschen Fußballs", sagt Juan Antonio Pizzi. Und erklärt auch gleich, was er damit meint: "vielseitig, physisch stark, taktisch flexibel." Dass ihm gegen Deutschland sein Stammkeeper Claudio Bravo verletzt fehlt, schmerzt zusätzlich: "Er ist für mich unverzichtbar."

"Auch ein deutsches B-Team ist noch besser als die meisten anderen Mannschaften", pflichtet auch Cajer bei. Vom Turnierfavoriten Chile will er lieber daher nichts wissen: "Das Spiel steht für mich auf Fifty-Fifty", sagt er. "Alemania es Alemania." Das muss man nicht übersetzen.

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Chile beim Confed Cup: Stars an Bord, Fans im Rücken

Dass Joachim Löw die Chilenen "als eine der derzeit besten Mannschaften der Welt" bezeichnet hat, macht die Anhänger aber doch ein kleines bisschen stolz. Chile ist bei WM-Turnieren nie über das Viertelfinale hinausgekommen, und jetzt fürchtet sich sogar der aktuelle Weltmeister ein bisschen vor ihnen.

Die Nationaltrikots sind überall zu sehen

Die roten Trikots der Fans sind in der Innenstadt von Kasan allgegenwärtig und verwandeln die tatarische Hauptstadt dieser Tage in Kasantiago. Die Vorbehalte, die in Deutschland auch gegen den Turniergastgeber Russland gepflegt werden, stören Bustamante nicht. "Die Leute hier sind freundlich, sie helfen, das zählt für mich. Wir sind glücklich, hier zu sein." Dass die Gäste aus Südamerika mit ihrem Spanisch hier noch weniger zurechtkommen als die Touristen, die es mit Englisch probieren, kostet ihn nur ein Achselzucken.

Derweil sitzt Pizzi im Innenraum der Kazan Arena vor der Presse und sagt: "Diese Mannschaft spielt seit 2014 auf höchstem Niveau." Und dass dies nicht nur für spielerische Mittel gilt, sondern auch für den kämpferischen Einsatz, dafür stehen Vidal oder sein Teamkollege Gary Medel, der Verteidiger von Inter Mailand. Medel eisenhart zu nennen, wäre eine Höflichkeit. "Ich weiß nicht, ob Chile unfair spielt", sagt Löw und nennt es lieber "hart". Der Bundestrainer ist ein höflicher Mensch.

2014 bei der WM in Brasilien hat Chile in der Gruppenphase Spanien 2:0 besiegt und damit das frühe Aus für den damals amtierenden Weltmeister besorgt. Das würden sie hier gern wiederholen.

Vidal will ohnehin "jedes Spiel gewinnen", wie er am Mittwochabend vor den Journalisten noch einmal glaubhaft versicherte. Und verknüpfte dies gleich mit einer Drohung für alle Gegenspieler: "Ich will noch mit 40 Jahren spielen." Vidal ist jetzt 30.

Mit 31 würde er dann sehr gern Weltmeister werden. Javier Bustamante ist sich jedenfalls jetzt bereits sicher: Im nächsten Sommer müssen die Patienten in Iquique wieder zu einem anderen Arzt gehen.



insgesamt 6 Beiträge
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erolst64 22.06.2017
1. "Bei WM-Turnieren nie über das Viertelfinale hinausgekommen"
Außer 1962 im eigenen Land, als man im Halbfinale am späteren Weltmeister Brasilien scheiterte und gegen Jugoslawien Dritter wurde. Könnte man als Fußball-Fachmann eigentlich wissen, muss man aber anscheinend nicht.
sirraucheinviel 22.06.2017
2. Bin der Meinung ....
.... daß Deutschland heute auf die Nuss kriegt. Hoffe darauf, daß die Offensive zumindest ein Tor schafft. Tippe auf 1:3 für Chile.
stoffi 22.06.2017
3.
Zitat von sirraucheinviel.... daß Deutschland heute auf die Nuss kriegt. Hoffe darauf, daß die Offensive zumindest ein Tor schafft. Tippe auf 1:3 für Chile.
Wir haben heute einen sehr guten Torhüter und das gibt Sicherheit. Das neue Team hat bisher seinen Job gut gemacht und deshalb würde ich nicht so schwarz sehen
team_frusciante 22.06.2017
4.
"Dass das Turnier in Deutschland nicht hoch angesehen ist, können die Chilenen nicht verstehen." Ich auch nicht.
ackergold 22.06.2017
5.
Zitat von stoffiWir haben heute einen sehr guten Torhüter und das gibt Sicherheit. Das neue Team hat bisher seinen Job gut gemacht und deshalb würde ich nicht so schwarz sehen
Das derzeitige Problemkind ist die Innenverteidigung. Die schwimmt leider des öfteren. Da kann dann auch ein Weltklasse-Keeper kaum noch etwas machen, wenn es gegen gute Stürmer klare Chancen gibt. Es wird heute auf jeden Fall schwer und knapp. Könnte mir ein 2:2 vorstellen.
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