Deutschland gegen Chile Erfolgreich zur Wehr gesetzt

Erst wurden sie überrannt, dann reagierten sie souverän. Joachim Löws junge Elf hat sich gegen Chile ins Spiel zurückgekämpft. Alles Wichtige zum Spiel.

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Die Frage des Spiels: Würde Joachim Löws B-Auswahl gegen die im Vorfeld der Partie zu schierer Unschlagbarkeit hochgejazzte chilenische Elf bestehen können? "Taktisch sind sie eine der flexibelsten Mannschaften der Welt", lobte der Bundestrainer den amtierenden Südamerikameister großzügig. Seinem jungen Team verpasste er gegen die mit noch mehr internationaler Erfahrung als Tattoos gesegneten Arturo Vidal, Alexis Sánchez und Charles Aránguiz eine defensivere Grundordnung. Er wolle sich nicht nach Chile richten, verkündete Löw vor der Partie. Tat er dann aber doch. Wird Löw im zwölften Jahr als Bundestrainer etwa noch zum Verwirrungsstifter?

Ergebnis: 1:1 (1:1). Deutschland hält nach dem Remis die Chance aufs Halbfinale in eigenen Händen. Dafür genügt am Sonntag (17 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE)ein Unentschieden gegen Kamerun. Hier geht's zum Spielbericht.

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Confed Cup: Torjäger Stindl

Die Startaufstellung: Den Einsatz seiner Gerüstspieler Jonas Hector, Joshua Kimmich, Shkodran Mustafi und Julian Draxler hatte der Bundestrainer vorab ebenso angekündigt wie bis zu vier Wechsel gegenüber dem Australien-Spiel. So viele wurden es dann auch: Marc-André ter Stegen, Emre Can, Niklas Süle und Matthias Ginter ersetzten Bernd Leno, Antonio Rüdiger, Julian Brandt und Sandro Wagner.

Die erste Hälfte: Begann mit einem schludrigen Pass im Aufbau von Mustafi, der mit einem Foul noch das Schlimmste zu verhindern suchte, doch Sánchez machte das, was Torjäger eben machen: Geschenke annehmen. Sein Schuss ins kurze Eck bot ter Stegen keine Chance. Das frühe 1:0 in der 6. Minute ließ die deutsche Dreierkette noch wackliger werden. Ein Patzer von Ginter eröffnete dem Ex-HSVer Marcelo Díaz eine gute Schusschance, in der 20. Minute jagte Eduardo Vargas den Ball an die Unterkannte der Latte. Der einzige gute Angriff der deutschen Manschaft in den ersten 45 Minuten führte zum Ausgleich in der 41. Minute: Can spielte den Ball schön links in die Schnittstelle der Abwehr, Hector passte schnell und exakt auf den durchstartenden Lars Stindl, der Johnny Herrera aus kurzer Entfernung keine Abwehrchance ließ.

Wer wollte es mehr? "Immer edel und standhaft, nie feige", heißt es in der chilenischen Nationalhymne, deren Text die Mannschaft von Juan Antonio Pizzi vor dem Anpfiff mit bemerkenswerter Inbrunst zum Besten gab. Wie sie sangen, so begannen sie auch: mit aggressivem Pressing, giftig in den Zweikämpfen, schnell im Umschaltspiel. Lange sah es so aus, als ob das deutsche Team diesem dominanten Auftreten nichts entgegenzusetzen hätte. Doch dann kristallisierte sich bei diesem Turnier des Testens eine Eigenschaft heraus, die dem Bundestrainer auch zukünftig von Nutzen sein dürfte: die des guten alten Dagegenhaltens. Wuschelte Vidal seinem Bayern-Kollegen Kimmich in der 29. Minute noch wie einem Schulbub lachend durchs Haar, gewann dieser in den Folgeminuten gereizt auch jene Zweikämpfe, die ARD-Experte Mehmet Scholl raunend als "besondere Zweikämpfe" einordnete.

Die zweite Hälfte: Von Zweikämpfen und dem unbedingten Willen geprägt, bloß kein Gegentor zu kassieren. Die Chilenen mussten dem furiosen Tempo der ersten Halbzeit Tribut zollen, die deutsche Mannschaft kontrollierte das Spielgeschehen, ohne eigene Offensivkraft zu entwickeln. Kurzum: Wenn man den Spannungsfaktor abzieht, ziemlich langweilig. Löw schien von den Neutralisierungsbemühungen auf dem Platz derart fasziniert zu sein, dass er das sanfte Hin- und Hergeschaukel nicht durch einen Wechsel stören wollte.

Das deutsche Torwartproblem: War wie immer in den vergangenen 109 Jahren deutscher Länderspielgeschichte nur ein kurzfristiges. Nach dem unglücklichen Auftritt des Leverkuseners Bernd Leno gegen Australien zeigte sich sein Mitbewerber ter Stegen gegen Chile fehlerlos.

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DFB-Elf in der Einzelkritik: Emre Cans bestes Länderspiel

Erkenntnis des Abends (1): Junge Spieler machen Fehler, altgediente Bundestrainer allerdings auch. Gegen das pressingstarke Angriffstrio der Chilenen war die Dreierkette das falsche Mittel. Der Verdacht, dass bei einem Spiel auf Konter der Verzicht auf einen sprintstarken Mann wie Timo Werner der zweite große Fehler sein könnte, erwies sich als falsch: Lars Stindl zeigte in vorderster Linie eine überzeugende Partie, machte viele Bälle fest und traf auch noch, genau wie gegen Australien. Vom Innbegriff des Confed-Cup-Fahrers ohne WM-Perspektive hat sich der Mönchengladbacher in den ersten zwei Spielen zu einer ernsthaften Alternative gemausert.

Erkenntnis des Abends (2): Löw kann sich auch in schwierigen Situationen auf seine zweite Reihe verlassen, jeder möchte sich auf die ersten Seiten seines Notizbuches kämpfen und spielen. Vom geringen sportlichen Wert des Turniers ist viel gesprochen worden, die in Russland vertretenen Mitglieder des Nationalmannschaftskaders scheinen diese Einschätzung aus ganz persönlichen Motiven heraus nicht teilen zu wollen.



insgesamt 11 Beiträge
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shoper34 22.06.2017
1. Luschen
An Shkodran Mustafi lief zunächst alles vorbei. Matthias Ginter wirkte vielfach überfordert. Lars Stindl machte erneut seinen Job schlecht. Zuviele Luschen in dieser Mannschaft, Jogi. Es gibt dringenden Handlungsbedarf.
gandhiforever 23.06.2017
2. Souveraen?
Das einzige, was in den ersten 30 Minuten klappte, war das Spiel nach hinten. dies, gepaart mit den Fehlpaessen, liess die Chilenen das spiel beherrschen. Spaeter wurde es besser, aber 'souveraen' sieht anders aus.
shoper34 23.06.2017
3.
An Shkrodran Mustafi lief aber auch alles vorbei. Matthias Ginter wirkte vielfach totalüberfordert. Lars Stindl machte erneut seinen Job unentschieden und schlecht. Doch der Chef gegen Chile war eindeutig der Bayern-Spieler Vitalez . Auch in der Schlussphase wollte die Partie nicht mehr was an Fahrt aufnehmen. Beide Seiten agierten langweilig in der Defensive und gingen kaum noch Risiken ein. Mehr vom Spiel hatte nach wie vor La Roja, doch Schland hielt die Konzentration aufrecht, verteidigte gegen den Ball im 7-3-1-System und ließ kaum Gefahr aufkeimen. Es blieb beim traurigen 1:1.
Furchensumpf 23.06.2017
4.
Zitat von shoper34An Shkodran Mustafi lief zunächst alles vorbei. Matthias Ginter wirkte vielfach überfordert. Lars Stindl machte erneut seinen Job schlecht. Zuviele Luschen in dieser Mannschaft, Jogi. Es gibt dringenden Handlungsbedarf.
Stimmt. Ich werde dem Bundes-Jogi vorschlagen, sich direkt mit Ihnen in Verbindung zu setzen - anscheinend haben Sie viel mehr Ahnung als unser Bundestrainer. Obwohl - wer den Sinn der Teilnahme an dem Turnier nicht versteht, sollte lieber nicht so große Töne von sich geben...
kloppskalli 23.06.2017
5. "Inbegriff des Confed-Cup-Fahrers ohne WM-Perspektive"
... Sindle = Inbegriff des Confed-Cup-Fahrers ohne WM-Perspektive? ... hab ich nie so gesehen. Besser als Poldi ist er allemal. Und wer Weiss ob Mario Goetze jemals wieder auf hohem Niveau Fussball spielen wird. Dass er den Vorzug vor Werner erhalten hat ist wohl schon ein Fingerzeig - ich hoffe er ist 2018 mit dabei
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