Brasilien im Confed-Cup-Finale: Scolaris Familienfest

Aus Belo Horizonte berichtet Frederik Schäfer

Brasiliens Sieg über Uruguay: Elfmetertöter Júlio César, Erlöser Paulinho Fotos
REUTERS

Brasiliens Fußball-Nationalmannschaft hat sich gegen Uruguay ins Confed-Cup-Finale gezittert. Verlassen kann sich die Seleção bei dem Turnier auf ihren Coach: Luiz Felipe Scolari führt die junge Mannschaft mit Ruhe, Gelassenheit und trockenem Humor von Sieg zu Sieg.

Die Spieler der Seleção sanken mit dem Schlusspfiff in Belo Horizonte vor Freude über den knappen 2:1-Sieg gegen Uruguay zu Boden, auf den Tribünen des Mineirão-Stadion tobten die Fans vor Begeisterung - und der brasilianische Trainerstab begann, hemmungslos zu hüpfen. Mittendrin: Coach Luiz Felipe Scolari.

Doch so ganz geheuer schien dem 64-Jährigen der Jubel nicht zu sein, nach wenigen Sekunden befreite er sich aus der innigen Umklammerung. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel hat er wieder sein Grummelgesicht aufgesetzt. "Ich weiß, dass wir nicht gut gespielt haben und die Spieler wissen das auch. Es waren die Fans, die uns heute zum Sieg getragen haben", sagt er.

In Wahrheit haben nicht nur die Anhänger die vier Siege aus vier Spielen und den Einzug ins Finale des Confed-Cup zu verantworten. Die Mannschaft trägt mittlerweile die Handschrift Scolaris. "Felipão" - der große Felipe - hat im vergangenen November ein Team übernommen, das zuvor häufig planlos wirkte. Scolari konnte bei Amtsantritt als Weltmeister-Trainer von 2002 mit einem gewissen Vertrauensvorschuss rechnen. Doch nach schwachen Testspielen geriet auch er bei Medien und Bevölkerung in die Kritik. Immer häufiger wurde daran erinnert, dass Scolari im September 2012 als Trainer vom Traditionsclub Palmeiras São Paulo nach einer Niederlagenserie entlassen wurde.

All das wirkt dieser Tage ganz weit weg. Der Trainer strahlt inzwischen eine enorme Gelassenheit aus. In einem Land, in dem eine Testspielniederlage der Seleção eine mittlere Katastrophe ist, ist Scolari ein Ruhepol. Zudem sorgt er mit trockenem Humor für gute Laune. Als brasilianische Journalisten ihn fragen, warum er plötzlich so gelöst sei, blitzt unter dem grauen Schnauzbart ein verschmitztes Lächeln auf. "Ich war schon immer so. Ihr wusstet das nur nicht", sagt er.

Viel beschworene "Familie Scolari"

"Ordem e Progresso" - Ordnung und Fortschritt - heißt es auf der brasilianischen Nationalflagge. Zwei Aspekte, auf die Scolari besonderen Wert legt. Er wird nicht müde zu betonen, dass die Seleção noch lange nicht da ist, wo sie im kommenden Jahr sein soll, aber dass dieses Ziel durch disziplinierte Arbeit in einem kontinuierlichen Prozess erreichbar sei.

Vor dem Confed-Cup sortierte der Trainer den ehemaligen Weltfußballer Ronaldinho aus, obwohl dieser momentan für Atlético Mineiro groß aufspielt. Doch Ronaldinho benahm sich auch gerne mal daneben. Scolari ist die mannschaftliche Geschlossenheit, die viel beschworene "Familie Scolari", wichtiger als große Namen. Bei seinen Spielern besitzt er eine unantastbare Autorität. Keiner der Akteure würde sich anmaßen, "Felipão" zu kritisieren. Auf der anderen Seite hat der Coach viel Vertrauen in junge Spieler, hält auch in schwierigen Momenten an ihnen fest und ist stolz auf ihre Leistungen.

Scolari ist seit mehr als 30 Jahren Trainer und hat bereits in Brasilien, Saudi-Arabien, Kuwait, Japan, Portugal, England und Usbekistan gearbeitet. Doch so cool er auch bei den öffentlichen Auftritten ist, während des Spiels brodelt es in ihm. Keine zehn Minuten hielt es ihn gegen Uruguay auf der Bank. Wild gestikulierend bewegte er sich durch die Coaching-Zone.

"Lasst uns gemeinsam das Finale gewinnen"

In einem nicht hochklassigen, aber hitzigen Spiel mit Fouls und Provokationen auf beiden Seiten wurde deutlich, dass der Confed-Cup für alle Beteiligten nicht bloß ein Vorbereitungsturnier ist. Scolari aber blieb ruhig, in den Schlussminuten wechselte er den in einige Wortgefechte verwickelten Neymar gegen Bayern-Verteidiger Dante aus.

Dieser lobte nach der Partie seinen Trainer. "Er sagt uns immer, dass wir gut sind und auf uns vertrauen können, aber auch, dass wir hart arbeiten müssen. Er macht wirklich einen tollen Job."

Im Finale trifft Brasilien nun auf den Sieger der Partie Spanien gegen Italien (Donnerstag, 21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Am Sonntag sind 70.000 Fans im Maracanã, 69.000 davon werden Brasilien anfeuern. Lasst uns gemeinsam das Finale gewinnen", stimmte Scolari Fans und Mannschaft auf das Endspiel ein. "Zweimal soll es nach Rio gehen. Jetzt und für das WM-Finale im nächsten Jahr."

Brasilien - Uruguay 2:1 (1:0)
1:0 Fred (41.)
1:1 Cavani (48.)
2:1 Paulinho (86.)
Brasilien: Júlio César - Dani Alves, David Luiz, Thiago Silva, Marcelo - Paulinho, Luiz Gustavo - Hulk (64. Bernard), Oscar (73. Hernanes), Neymar (90.+1 Dante) - Fred
Uruguay: Muslera - Maxi Pereira, Lugano, Godin, Cáceres - Arévalo, González (83. Gargano), Rodríguez - Forlán - Suárez, Cavani
Schiedsrichter: Enrique Osses (Chile)
Zuschauer: 57.483 (in Belo Horizonte)
Gelbe Karten: David Luiz, Luiz Gustavo, Marcelo - Cavani, González
Besonderes Vorkommnis: Júlio César (Brasilien) hält Foulelfmeter von Forlán (15.)

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Urus Kapitän...
littleella 27.06.2013
... hat Recht!!! Einen Schauspieler und Schnellfaller wie Neymar hab ich lange nicht mehr gesehen... Ein peinlicher Jungspund in einer kollektiven Truppe.
2.
Attila2009 27.06.2013
Zitat von littleella... hat Recht!!! Einen Schauspieler und Schnellfaller wie Neymar hab ich lange nicht mehr gesehen... Ein peinlicher Jungspund in einer kollektiven Truppe.
Das ist mir auch aufgefallen. So gut wie der Kerl spielt ,so unmöglich sind seine Schauspieleinlagen. Ein pubertierender abgehobener Jungmillionär mit dem jeder Trainer noch viel Arbeit vor sich hat. Allerdings wiegt der wohl auch nicht allzuviel ( ich las was von 64 kg) ,da fällt sich halt schneller aber der macht noch aus der Not eine Tugend. Aber interessant dass Scolari selbstkritisch sagt "Wir haben nicht gut gespielt". Das kann anderen nicht passieren.....
3. Uruguay
JerryFletcher 27.06.2013
Uruguay ist eine ganz schwer zu bespielende Mannschaft. Das ist keine Laufkundschaft. Mit Suarez (Top-Torjäger der Premier League), Cavani (Torschützenkönig in Italien) und Forlan (wenn auch ein bisschen langsamer geworden) ist der Sturm exzellent besetzt. Dazu ein giftiges Mittelfeld, harte Verteidiger und ein sehr gut Torwart, alles auf technisch hohem Niveau. Natürlich gibt es wieder Stimmen, die sagen, die europäischen Mannschaften seien überlegen(siehe anderer Thread). Aber welche europäische Mannschaft außer Spanien und vielleicht Deutschland würde diese Urus klar besiegen können? Zudem war es ein 'Derby'. Ich fand das Spiel sehr spannend und hätte Uruguay den Sieg gegönnt. Aber die waren am Ende platt. Bester Spieler gestern: Cavani. Wahnsinn dieser Mann. Ein Tier. Neymar: Absoluter Schauspieler. Hätte er gar nicht nötig. Entweder er ist noch nicht reif und ändert sich schleunigst oder aber er wird als eines der zahlreichen ewigen Talente Brasiliens eingehen. Bin gespannt, ob er sich in Europa durchsetzen kann. Freue mich schon wenn Pepe und Ramos im Classico auf ihn treffen. Lol.
4. Schlaegertruppen unter sich
c218605 27.06.2013
Im Endspiel (wohl gegen Spanien) wie schon im Spiel gegen Italien schnell mal zwei Spieler spieluenfaehig treten um danach auf dicke Hose machen zu koennen. Ein armseeliger Trainer der weiche Antworten zu den Demonstrationen hat, sich bei Dante "knallhart" durchsetzt um ihn dann doch erstmal auf der Bank zu belassen. Wechselt der eigentlich auch mal sein T-Shirt?
5.
cipo 27.06.2013
Zitat von sysop"Felipão" - der große Felipe - hat im vergangenen November ein Team übernommen, das zuvor häufig planlos wirkte.
Und genau so wirkte es auch gestern: planlos, sehr ängstlich und sehr verwundbar. Im ersten Spiel profitierte Brasilien davon, daß die Japaner völlig von der Rolle waren. Gegen Mexiko hat Brasilien mit Glück und nicht sonderlich verdient geworden. Und das Spiel gegen Italien war für beide Mannschaft ohne jeglichen Wert, da sie bereits für die Halbfinale qualifiziert waren. Ich kann nach all dem nicht einschätzen, wo Brasilien derzeit wirklich steht. Überzeugt hat mich das Tam in keinem der bisherigen Spiele.
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Zeitplan Confed-Cup K.o.-Runde
Mittwoch, 26. Juni
21.00 Uhr: Brasilien - Uruguay 2:1
Donnerstag, 27. Juni
21.00 Uhr: Spanien - Italien 7:6 n.E.
Sonntag, 30. Juni
18.00 Uhr: Italien - Uruguay
Montag, 1. Juli
00.00 Uhr: Brasilien - Spanien
Confed-Cup-Sieger
Jahr Nation (Finalergebnis)
2013 ???
2009 Brasilien (3:2 gegen die USA)
2005 Brasilien (4:1 gegen Argentinien)
2003 Frankreich (1:0 n.G.G. gegen Kamerun)
2001 Frankreich (1:0 gegen Japan)
1999 Mexiko (4:3 gegen Brasilien)
1997 Brasilien (6:0 gegen Australien)
1995 Dänemark (2:0 gegen Argentinien)
1992 Argentinien (3:1 gegen Saudi-Arabien)