DFB-Sieg gegen Kamerun Hundertfacher Jubel

Mit dem Erfolg über Kamerun feiert Joachim Löw ein besonderes Jubiläum. Wichtiger aber ist, dass der Coach mit dieser Mannschaft großen Spaß hat. Sogar am Confed Cup findet er Gefallen.

Aus Sotschi berichten und


Mit Statistiken hat es Joachim Löw normalerweise nicht so. Wenn er darauf angesprochen wird, lächelt er sie gerne weg mit dem Hinweis, auf solches Zahlenwerk gebe er nicht viel. Diesmal aber war ihm anzumerken, dass er geschmeichelt war, als ein Pressevertreter nach dem 3:1-Erfolg gegen Kamerun beim Confed Cup mit einer Statistik um die Ecke kam.

Was es ihm bedeute, dass er nun der erste und einzige Trainer auf der Welt sei, der mit einer Nationalmannschaft hundert Siege feiern durfte, wurde er von einem brasilianischen Journalisten gefragt. Löw holte aus, bedankte sich bei allen Mitstreitern aus elf Cheftrainerjahren, bei den Spielern, "bei allen Leuten, die mir Motivation und Inspiration gewesen sind". Es hörte sich fast wie eine Abschiedsrede an, aber von Abschied ist derzeit bei Löw wirklich keine Rede. Nicht vom Traineramt beim DFB, aber auch nicht vom naheliegenden Projekt Confed Cup. Deutschland steht als Gruppensieger im Halbfinale, und jetzt will Löw das Turnier, das er so lange nicht gemocht hat, auch unbedingt gewinnen.

"Wir sind bestimmt nicht hier, um Zweiter, Dritter oder Vierter zu werden", übernahm Stürmer Timo Werner die Abteilung Attacke. Der Leipziger hatte zuvor zwei Treffer erzielt, war zum Man of the Match geworden und dachte an diesem Abend wohl das erste Mal nicht mehr daran, dass er bei der Nationalelf bislang der Buhmann der Fans war. Es hat auch Vorteile, so fern der Heimat seiner Arbeit erfolgreich nachzugehen.

Aufstellung wird auf den Gegner neu zugeschnitten

Werner durfte gegen Kamerun zum ersten Mal von Beginn an spielen, so, wie auch der Herthaner Marvin Plattenhardt sein Startelf-Debüt beim DFB feiern konnte. Zum dritten Mal im dritten Spiel hatte Löw seine Mannschaft personell deutlich umgebaut, auf die Bedürfnisse einer Partie gegen den robusten Afrikameister zugeschnitten. Ein schneller Konterspieler wie Werner stellte sich gegen die langen Kerls in der gegnerischen Abwehr als richtiges Mittel heraus. Der Leipziger hätte sogar noch zwei Tore mehr erzielen können, fast müssen.

Fotostrecke

14  Bilder
DFB-Elf in der Einzelkritik: Kimmich, der unauffällige Leader

Löw macht das sowieso gerne bei Turnieren, dass er Spieler von Partie zu Partie wechselt. Aber mit dieser jungen Mannschaft ohne die Platzhirsche von der WM 2014 kann er sein Team so richtig nach Herzenslust gestalten. Stars wie Toni Kroos, Mesut Özil, Thomas Müller oder Mats Hummels und die anderen Top-Spieler, die allesamt in Russland nicht mit von der Partie sind, sind erfahren genug, sich selbst auf dem Platz zu organisieren. Ohne all die Arrivierten jedoch darf Löw noch viel mehr Trainer sein als sonst. Er bestimmt, wer wo spielt, und die Profis folgen ihm.

"Wir haben wirklich einen tollen Teamgeist, alle können gut miteinander", sagt Joshua Kimmich, so etwas wie der heimliche Chef auf dem Platz. Und Shkodran Mustafi, der nach Patzern gegen Chile diesmal draußen bleiben musste, sieht eine "Mannschaft, die hungrig ist und gewinnen will". Und "jeder, der von der Bank kommt, macht Druck und reißt die anderen mit". Mit diesem Spirit hat es das B-Team schon einmal als Gruppenerster unter die besten Vier geschafft, "etwas, das man vorher wirklich nicht erwarten durfte", so Löw.

Gegen Kamerun lief dennoch nicht alles glatt, die erste Halbzeit war sogar richtig schwach, und das DFB-Team konnte sich bei Torwart Marc-André ter Stegen und der Unzulänglichkeit des Gegners in der Offensive bedanken, dass es zur Pause noch torlos stand. "In der zweiten Halbzeit stand dann ein ganz anderes Tram auf dem Platz", sagte Plattenhardt. Das schnelle 1:0 durch Kerem Demirbay verlieh Flügel, den Rest erledigte das Schiedsrichtergespann im Videoraum. Ein Foul an Emre Can befand das Gremium vor dem Fernseher für rotwürdig, nach dem Videobeweis waren die Kameruner letztlich chancenlos.

Fotostrecke

13  Bilder
Confed Cup: Debüttore bringen Deutschland ins Halbfinale

Während Kameruns Trainer Hugo Broos "überhaupt nicht verstanden" hatte, wie es zu dieser Entscheidung kommen konnte, hatte Löw zumindest "Verständnis, dass der Schiedsrichter dann so entschieden hat". Aber selbst für ihn war es "kein bösartiges Foul, ein Zweikampf, kein Vorsatz". Die Diskussion um den Videobeweis darf weitergehen.

Plötzlich mag der DFB den Confed Cup

Die Diskussion um den Wert des Confed Cups dagegen rückt beim DFB mehr und mehr in den Hintergrund. Mehr oder weniger lustlos war man im Verband das Projekt Russland 2017 angegangen. Jetzt, vor dem Halbfinale gegen Mexiko am Donnerstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), gibt es ganz andere Töne. "Wenn man als Weltmeister anreist, egal, mit welcher Mannschaft, hat man den Anspruch, wenigstens das Halbfinale zu erreichen", sagte Kimmich. Löw gibt jetzt den Turniererfolg als klares Ziel aus.

Vier Tage Zeit zum Regenerieren am Schwarzen Meer bleiben dem Team, ein angenehmer Nebeneffekt des Gruppensiegs. Gruppenrivale Chile muss dagegen zum zweiten Halbfinale am Mittwoch gegen Europameister Portugal in Kasan antreten.

Gegen die unangenehm zu spielenden Mexikaner wird es wie gegen Chile eine schwere Aufgabe werden. Löw wird höchstwahrscheinlich wieder mit einer anderen Mannschaft planen. Es ist die Mission: Sieg 101.

Deutschland - Kamerun 3:1 (0:0) 1:0 Demirbay (48.) 2:0 Werner (66.) 2:1 Aboubakar (78.) 3:1 Werner (81.)
Deutschland: ter Stegen - Ginter, Süle, Rüdiger - Kimmich, Rudy (74. Henrichs), Can, Plattenhardt - Demirbay (77. Brandt), Draxler (80. Younes) - Werner
Kamerun: Ondoa - Mabouka, Ngadeu-Ngadjui, Teikeu, Fai - Djoum (58. Moumi Ngamaleu), Zambo, Siani - Bassogog (82. Toko-Ekambi), Aboubakar, Moukandjo (70. Guihoata)
Schiedsrichter: Wilmar Roldán Pérez (Kolumbien)
Gelbe Karte: Plattenhardt
Rote Karten: Mabouka (64., grobes Foulspiel)
Zuschauer: 30.230

insgesamt 192 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sal.Paradies 26.06.2017
1. Für Löw und das DFB-Team war es optimal
Schon jetzt kann man sagen, dass der CC für Löw und das Team optimal war. Er hat allen potenziellen Gegnern eine gute Ladung Respekt verpasst, weil die sich jetzt fragen, was denn erst 2018 geschieht, wenn alle Top-Spieler zusätzlich dabei sind, wenn jetzt schon die B-Elf das Turnier rockt? Er hat den Kader so weit als nur möglich erweitert, was ihm für das Turnier 2018 zusätzliche taktische Möglichkeiten gibt. Und er hat den Arrivierten gezeigt, dass sie sich für nächstes Jahr anstrengen müssen, weil hinter ihnen jede Menge guter, talentierter und motivierter Spieler stehen, die er problemlos auf den Platz schicken kann und die funktionieren. Schöner Nebeneffekt ist/war, dass auch Löw ganz sichtbar lockerer und doch emotionaler geworden ist. Man merkt ihm an, dass ihm die jungen motivierten Spieler Spaß bringen, weil sie sich und ihn mit guter Leistung belohnen. Egal was ab jetzt geschieht, der CC hat sich für den deutschen Fussball definitiv gelohnt. Wenn man jetzt noch hinzu nimmt, dass Spieler wie Sane/Gündoga/Reus/Waigl, etc..hinzu kommen, bekommt man fast schon wieder Mitleid mit Löw, weil er vielen guten Spielern absagen muss, obwohl sie eigentlich dazu gehören. Immerhin kann sich der eine oder andere dann damit trösten, dass er dann für das EM_Team_2020 gute Chancen hat, weil er in der NM integriert ist. Alles gut gemacht Hr.Löw. Yogi scheint einer der Trainer zu sein die im Alter immer besser werden, unabhängig, ob jetzt beim CC oder nächstes Jahr ein Titel dabei raus kommt. Hier und jetzt ging es auch um die Weichenstellung der deutschen Nationalmannschaft und was das anging, eingedenk dessen was die ganz Jungen gerade in Polen machen, könnte es nicht besser laufen.
Red_Indian 26.06.2017
2. Na und
100 Siege ... bekanntlich sitzen die besten Fußball-Nationaltrainer nicht am Spielfeldrand, sondern auf der Couch! Bin gespannt, welche Anwürfe aus diesen Centers of Expertise gegen Joachim Löw hier bald zu lesen sein werden: warum hat Sandro Wagner nicht gespielt, warum musste Lars Stindl auf die Bank, warum wurde der Weltklassestürmer Lassoga gar nicht erst mitgenommen? Merke: Erfolg ist nicht genug, es muss mindestens immer Weltklasse sein!
doctoronsen 26.06.2017
3. Wohl ein Missverständnis
Dass Jogi Löw nun mitteilt, man wolle das Turnier gewinnen, beweist wohl weniger eine frische erblühte Liebe zum Confed Cup, als psychologisches Geschick: Erstens wertet er so die bestehenden Erfolge auf. Zweitens - noch wichtiger - testet er damit, ob sein "Nachwuchs-Team" echtem Erfolgsdruck standhält.
stoffi 26.06.2017
4.
Zitat von Red_Indian100 Siege ... bekanntlich sitzen die besten Fußball-Nationaltrainer nicht am Spielfeldrand, sondern auf der Couch! Bin gespannt, welche Anwürfe aus diesen Centers of Expertise gegen Joachim Löw hier bald zu lesen sein werden: warum hat Sandro Wagner nicht gespielt, warum musste Lars Stindl auf die Bank, warum wurde der Weltklassestürmer Lassoga gar nicht erst mitgenommen? Merke: Erfolg ist nicht genug, es muss mindestens immer Weltklasse sein!
Löw weiss genau was tut. Es wählt seine Spieler nach Leistung und danach aus, wie sie ins Team passen. Der WM titel zeigt, das er bisher alles richtig gemacht hat, was die Berufung der Spieler betrifft, obwohl seine Aufstellungen oftmals skeptisch zu sehen sind. Da hat er das eine oder andere Mal schon total daneben gegriffen.
frank_w._abagnale 26.06.2017
5. Timo Werner - Fußballgott.
Gut, dass mit Timo Werner ein fantastischer deutscher Stürmer nachwächst. Ein echter Knipser, Vollblutfußballer und tadelloser Charakter. Danke RB Leipzig für diesen Stürmer. Er wird noch eine wichtige Rolle im DFB-Team spielen und hat alle Anlagen für einen Superstar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.