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Confed Cup in Brasilien: Gummigeschosse gegen Sozial-Protest

Aus Brasília berichtet

Der Confederations Cup in Brasilien soll ein Testlauf für die WM 2014 sein. Die Reaktion der Behörden auf Demonstrationen im Umfeld der Spiele verheißt Ungutes: In Brasília schießt die Polizei mit Gummigeschossen auf Protestierende.

Zu viel Geld für den Sport: Demonstrationen zum Confed Cup Fotos
REUTERS

Brasiliens Politiker schätzen ihre sterile Hauptstadt: Sie sind hier unter sich, nur selten versammeln sich mehr als einige hundert Demonstranten auf der kahlen Meile der Ministerien, um gegen Machtmissbrauch und Korruption zu protestieren.

Wenn es in dem Riesenland überhaupt zu Massendemonstrationen kommt, dann in den Megametropolen Rio oder São Paulo. Brasília ist eine Hauptstadt ohne Volk; die Abgeordneten und Senatoren gehen isoliert vom wahren Leben ihren Geschäften nach - oft nicht zum Wohle des Volkes sondern ihrer eigenen Kaste.

Gestern bekamen die Herrschenden des größten lateinamerikanischen Landes einen kleinen Vorgeschmack, was womöglich in den kommenden Wochen auf sie zu kommt - direkt vor ihrer Haustür, vor der architektonisch gelungenen, filigranen Schüssel des Stadions Mané Garrincha.

Proteste gegen die Kleptokraten im Kongress

Kurz bevor Neymar und Konsorten zum glorreichen Sieg über Japan antraten, zogen Tränengasschwaden über den Vorplatz, einige gelbgrün gekleidete Fußballfans kotzten sich auf dem Rasen aus, die berittene Polizei schoss mit Gummikugeln, ihre Pferde scheuten wegen der Knallerei. "Keine Sorge, das Tränengas hinterlässt keine bleibenden Schäden", beruhigte ein Ansager via Lautsprecher die Fußballfans, die in Panik über den Platz irrten. "Der Effekt geht schnell vorbei."

Das trifft vielleicht für das körperliche Unwohlsein zu, aber nicht für das politische Unbehagen. Das hatte sich vergangene Woche zunächst in São Paulo entladen: Dort wurden Demonstranten brutal von der Polizei zusammengeknüppelt, weil sie gegen Fahrpreiserhöhungen auf die Straße gingen, auch mehrere Journalisten wurden schwer verletzt.

Nach dem Showdown in der größten Stadt des Landes ist die Protestwelle zu einer Flut angewachsen; sie springt von Stadt zu Stadt, wie der Confederations Cup. Längst geht es nicht mehr nur um die 20 Centavos teureren Busfahrkarten, der Protest richtet sich auch gegen die überteuerten Stadien, die Kungelei zwischen Regierenden und Fifa, die Kleptokraten in Kongress und Senat. Präsidentin Dilma Rousseff und Fifa-Präsident Sepp Blatter wurden ausgepfiffen, als sie im Stadion von Brasília den Confederations Cup eröffneten.

"Die WM repräsentiert uns nicht"

"Die WM repräsentiert uns nicht", stand auf einem Schild, das eine Studentin vor dem Eingang zum Stadion in die Höhe reckte, sie trug eine rote Clownsnase. "Ihr beschmutzt das Ansehen Brasiliens!", wurde sie von einer Dame im gelb-grünen Dress der Seleção angegiftet.

"Das Stadion ist doppelt so teuer geworden wie geplant", konterte ein junger Mann namens Lucas. "Dabei haben wir in Brasília nicht mal einen Erstligaverein, nach der WM steht das Ding leer." Er gehöre nicht der Protestbewegung an, aber er sympathisiere mit ihr. "Zwei Kilometer von hier verfallen die Krankenhäuser und Schulen, während die Politiker beim Stadionbau abkassieren."

Etwa 700 Demonstranten hatten sich außerhalb des Sicherheitsradius um das Stadion versammelt. Etwa 200 war es gelungen, die Blockade der Polizei zu durchbrechen, sie flankierten die auf Einlass Wartenden. Die Polizei schickte ihre Kavallerie mit Tränengas und Gummigeschossen. "Ein Polizist ist direkt auf mich losgeritten und hat versucht, mich niederzuknüppeln", erzählt Illy Uscha, Studentin an der Universität von Brasília, mit ihrem Handy hat sie alles gefilmt.

Spontaner Protest von Spontis, Studenten, Schülern

Es braut sich etwas zusammen in Brasilien. Die Proteste sind spontan, sie werden von jungen Leuten aller politischen Couleur organisiert, die Teilnehmer verabreden sich zumeist über Facebook. Landlose sind dabei, linke Spontis, Studenten, Schüler, Indianer, auch die Jugendorganisation der regierenden Arbeiterpartei PT. Es gibt keine zentrale Organisation, das macht es für die Polizei und die Regierenden schwer: Sie wissen nicht, wer die Verantwortlichen sind.

Sicher ist nur, dass die Proteste wie ein Flächenbrand um sich greifen. Heute wollen die Demonstranten vor dem Maracanã-Stadion in Rio auflaufen, bevor Italien gegen Mexiko antritt, die Fifa macht sich Sorgen. Für Montag ist eine Riesendemo in São Paulo geplant, die Polizei rechnet mit Zehntausenden Teilnehmern.

Die Stadt ist zwar kein Austragungsort beim Confederations Cup. Aber was in São Paulo geschieht, hat Auswirkungen im ganzen Land. Wenn es zu einer neuen Explosion der Gewalt kommt, wird sich das auch in den Protesten vor den Stadien niederschlagen.

Vielleicht sollten die Getränkeverkäufer bei den nächsten Spielen neben Coca-Cola und Budweiser auch Essig bereithalten: Demonstranten empfehlen ihn als Hausmittel gegen Tränengas.

Lesen Sie mehr über den Confederations Cup in Brasilien: Favoriten, Exoten und der unbekannte Dante +++ Straßenschlachten wegen sieben Cent +++ Große Stadien, große Probleme

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Sport
dieteroffergeld 16.06.2013
Tja, wenn die FIFA und die Großsponsoren die Kicker der Welt zum Wettkampf rufen, dann brauchts's Ordnung. Und wenn's Organisatoren, FIFA-Protagonisten und all den anderen Profiteuren zu bunt werden sollte, nun dann bleibt vermutlich keine Auge und Kleidungsstück trocken, wegen Tränengas und Wasserwerfer halt. Wäre doch gelacht, wenn ein aufstrebendes Land es nicht schafft, solch ein Fußballfest durchzuziehen. Auch wenn die sozialen Probleme in diesem Land himmelschreiend sind. Hauptsache: Der Ball ist rund und 22 Männer in kurzen Hosen rennen demselben nach. Es lebe der Sport und ein besserl auch der Profit.
2. optional
chavezding 16.06.2013
Ja, sowas passiert wenn man ein Land für kurze Zeit auf Hochglanz polieren will und sich selber in die Tasche lügt mit der angeblichen Gewissheit, das würde das Land auf Dauer verändern. Das hat in Südafrika schon nicht geklappt. In Deutschland ist sowas möglich, weil die Stadien davor genutzt wurden und danach von der verbesserten Infrastruktur profitieren. Man muss die WM an das Land anpassen, nicht das Land an die WM. Wenn eine Stadion saniert werden muss sollte das nicht das Problem sein, aber eine komplett neue Arena zu bauen für Unmengen an Geld ist absolut dämlich.
3. Klüngel
ComLark 16.06.2013
Big Data war der Titel einer der letzten SPIEGEL, wenn man sich einmal anschaut, dass in ALLEN Ländern der politische/wirtschaftliche(/religiöse) Klüngel absahnt sollten wir uns dann nicht doch fragen ob es nicht besser sei wenn Algorithmen die Entscheidungen für uns abnehmen sollten?
4. Aha
atakan54 16.06.2013
In den USA wird diese Methode schön seit Jahren angewendet. Auch einige EU Länder machen dies. Ich verstehe nicht warum die Deutsche Presse so aggressiv ist z.B. (Taksim platz). S21 wurde in keinem anderen Land so groß berichtet. Obwohl hier ja im Lande auch so einiges passierte.Ihr zieht die Aufmerksamkeit auf euch. Nicht das dann die anderen Pressen anfangen über euch im großen Stile zu berichten und nach Fehlern zu suchen.
5. Schöne neue Welt
fatfrank 16.06.2013
Es ist unübersehbar: Brot und Spiele allein reichen nicht mehr aus, um die Massen ruhig zu halten und von der unfassbar großen Korruption der Reichen abzulenken. Man kann nur hoffen, dass noch mehr ganz normale Menschen gegen diese Ungerechtigkeiten weltweit auf die Straße gehen, in der Türkei, in Brasilien, in Schweden, in Russland und anderswo.
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Fotostrecke
Confed-Cup: Von Weltmeistern und Underdogs

Zeitplan Confed-Cup Gruppe A
  • DPA
    Samstag, 15. Juni
    21.00 Uhr: Brasilien - Japan 3:0
    Sonntag, 16. Juni
    21.00 Uhr: Mexiko - Italien 1:2
    Mittwoch, 19. Juni
    21.00 Uhr: Brasilien - Mexiko 2:0
    Donnerstag, 20. Juni
    00.00 Uhr: Italien - Japan 4:3
    Samstag, 22. Juni
    21.00 Uhr: Italien - Brasilien 2:4
    21.00 Uhr: Japan - Mexiko 1:2

Zeitplan Confed-Cup Gruppe B
  • AFP
    Montag, 17. Juni
    00.00 Uhr: Spanien - Uruguay 2:0
    21.00 Uhr: Tahiti - Nigeria 1:6
    Donnerstag, 20. Juni
    21.00 Uhr: Spanien - Tahiti 10:0
    Freitag, 21. Juni
    00.00 Uhr: Nigeria - Uruguay 1:2
    Sonntag, 23. Juni
    21.00 Uhr: Nigeria - Spanien 0:3
    21.00 Uhr: Uruguay - Tahiti 8:0
Confed-Cup-Sieger
Jahr Nation (Finalergebnis)
2013 ???
2009 Brasilien (3:2 gegen die USA)
2005 Brasilien (4:1 gegen Argentinien)
2003 Frankreich (1:0 n.G.G. gegen Kamerun)
2001 Frankreich (1:0 gegen Japan)
1999 Mexiko (4:3 gegen Brasilien)
1997 Brasilien (6:0 gegen Australien)
1995 Dänemark (2:0 gegen Argentinien)
1992 Argentinien (3:1 gegen Saudi-Arabien)


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