Winterspielanlagen von Sotschi Olympische Disziplin Schulden machen

Nach den Olympischen Winterspielen 2014 hat die Region Sotschi mit den Schulden für das Projekt zu kämpfen. Mehrere Sportanlagen werden zwar weitergenutzt, das kostet allerdings Unsummen.

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Aus Sotschi berichtet


Bei 30 Grad Sommerhitze denkt man nicht sofort an Olympische Winterspiele. Selbst hier nicht, hoch über Sotschi im Skicenter Laura, in dem vor drei Jahren die olympischen Biathlon- und Langlaufwettbewerbe ausgetragen wurden. Die Uhr an der Anzeigetafel im Zieleinlauf tickt noch, ansonsten dreht nur ein Hobbyathlet auf Sommer-Ski träge seine Runden. Ein paar Familien vertreten sich die Beine, machen Fotos von der Anlage und verziehen sich dann wieder auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen und einem Bierstand.

Der olympische Winter ist weit weg in der Sommerfrische am Schwarzen Meer, aber das hat nicht nur mit der Jahreszeit zu tun. Geschätzt 30 Milliarden Euro wurden für die Spiele von 2014 in der Region Sotschi verbaut. Nie zuvor gab es so teure Winterspiele: Eishallen, Sprungschanzen, Pisten und Eiskanäle wurden in die Gegend verpflanzt, es musste nahezu alles komplett neu gebaut werden. Heute ächzt die Region Krasnodar, zu der Sotschi gehört, nicht nur unter der Schuldenlast, auch mit der Weiternutzung der Anlagen tut man sich schwer.

Am besten funktioniert es dort, wo im Vorfeld die größte Skepsis herrschte. Im Skigebiet Rosa Khutor. Sotschi war vor 2014 nur als Badeort beliebt, Skifahren war etwas für Exoten. Für die Spiele wurde die Bergregion um den Ort Krasnaja Poljana vollständig umgekrempelt, Skigebiete implantiert - und tatsächlich, sie wurden angenommen.

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Sotschis Winterspielsportstätten 2014: Was von Olympia übrig blieb

Im Winter sind täglich, so die Tourismuswerber, 10.000 Skiurlauber auf den Pisten von Rosa Khutor unterwegs, viele internationale Hotelketten haben hier Dependancen eröffnet. Der Energieriese Gazprom betreibt ein riesiges Hotel- und Skiresort, im Februar fanden hier noch die Militärweltspiele statt. Auch durch den Skitourismus meldet Sotschi Besucherrekorde: 6,5 Millionen Urlauber waren im Vorjahr am Schwarzen Meer.

Das überdeckt die teilweise dramatischen Defizite bei anderen Anlagen. Die Skischanzen von Gorki Gorod sind seit 2014 nur noch für kleine regionale Wettbewerbe und Trainingssprünge genutzt worden, seit den Olympia-Sprüngen von Severin Freund und Co. hat auf der 50 Millionen Euro teuren Anlage kein international renommiertes Springen mehr stattgefunden. Zurzeit ist die Sportstätte für Besucher abgesperrt und bewacht, "wegen aktueller Arbeiten".

Kein Zutritt auch bei der Bob- und Rodelbahn Sanki oberhalb von Krasnaja Poljana, hier ist Sotschi jedoch noch Bestandteil des internationalen Wettkalenders: In diesem Jahr sollte hier eigentlich die Bob-WM stattfinden. Wegen der Dopingvorwürfe gegen den russischen Sport wurde die Veranstaltung aber nach Königssee verlegt.

Fußballverein spielt in der dritten Liga

Im Olympiapark an der Küste liegen die pompösen Hallenbauten da wie gestrandete Wale an der Küste. Das Fisht-Stadion, gebaut für 680 Millionen Euro allein für die Eröffnungs- und Schlussfeier der Spiele, wurde für den Confed Cup und die WM fußballgerecht für noch einmal 40 Millionen Euro umgestaltet. Das Dach des Stadions, in dem Deutschland am Donnerstag sein Halbfinale gegen Mexiko bestreitet (20 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), musste weg, das war Auflage der Fifa. Was nach der WM mit Fisht passiert, ist völlig ungeklärt. Der Fußballverein von Sotschi spielt in der dritten Liga in seinem eigenen kleinen Stadion vor normalerweise nicht einmal 1.000 Zuschauern.

Fisht-Stadion im Fußballeinsatz
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Fisht-Stadion im Fußballeinsatz

Das Bolschoi-Eisstadion ist dagegen tatsächlich die Heimat des regionalen Eishockey-Klubs, der 2014 extra gegründet wurde, um eine Weiternutzung der Halle zu garantieren. In die Adler-Arena, 2014 Heimat der Eisschnelllaufwettbewerbe, ist eine Tennis-Akademie eingezogen, auch Spiele des Federation Cups wurden hier ausgetragen. Im Eisbergpalast und im Curling-Würfel werden ein paar kleinere Wettbewerbe ausgetragen, es wird trainiert, dem Anspruch einer Olympiaanlage genügt das jedoch nicht.

Unterhaltungskosten von 350 Millionen Euro jährlich

Im Grunde wird der Olympiapark nur einmal im Jahr noch einmal so richtig wachgeküsst: Immer dann, wenn die Formel 1 ihre Autos zwischen den Wettkampfstätten hindurch jagen lässt. Confed Cup und WM sorgen jetzt noch einmal dafür, dass auch außerhalb des Formel-1-Wochenendes internationaler Rummel herrscht.

Einer Studie des Instituts für Humangeografie an der Universität Zürich zufolge verschlingen die Olympiaanlagen jährliche Unterhaltungskosten von mehr als 350 Millionen Euro, die Kosten für die Spiele sind mittlerweile weitgehend auf die Steuerzahler umgelegt, Schätzungen sprechen von einer Milliarde Euro Defizit - pro Jahr. Viele private Investoren, die vor 2014 mithilfe von Bankkrediten in Vorlage gegangen sind, haben ihre Immobilien dem Staat verkauft, der jetzt sehen muss, wie er sie refinanziert. Die Wirtschaft des Landes leidet ohnehin unter den internationalen Sanktionen.

Vor Eröffnung des Confed Cups hat Präsident Wladimir Putin im Fernsehen stolz verkündet: "In Sotschi werden so gut wie alle Sporteinrichtungen effizient weiterbetrieben." So gut wie alle.



insgesamt 11 Beiträge
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hansulrich47 28.06.2017
1. Warum soll es in Sotschi anders sein, als überall?
Diese Großereignisse haben sich überlebt. Deshalb findet sich in Ländern mit ein wenig Erfahrung auch keine Stadt mehr, die so etwas am Hals haben will. Nur meschuggene Politiker bauen, weil sie den Aufwand erstens nicht selbst bezahlen (siehe Elbphilharmonie) und zweitens, weil sie sich als der feiern lassen können, der das "Ereignis" in die Stadt geholt hat. Was der Steuerzahler darüber denkt, ist egal. Siehe Rio.
ludwig49 28.06.2017
2. Es ist kein Geheimnis mehr...
...dass die Austragungsorte Olympischer Spiele letztlich ernüchtert feststellen, dass nach drei Wochen Halleluja das Desaster folgt. Weshalb die Spiele nicht immer an einem Ort stattfinden können, wobei jeweilige Länder die Patenschaft oder Organisation übernehmen könnten, bleibt ein Rätsel-
Sibylle1969 28.06.2017
3.
Gerade bei olympischen Winterspielen wäre es sinnvoll, sie nur noch an Orte zu vergeben, wo ein Großteil der Sportstätten schon existiert. Während bei Eishallen oft noch eine sinnvolle Anschlussnutzung möglich ist, sieht es bei Bobbahn und Skisprungschanze schlecht aus. Zudem sollte es dem IOC zu denken geben, dass nur Städte in autoritären Staaten die Winterspiele noch haben wollen. Für 2022 waren am Ende nur noch Peking und Almaty im Rennen. Es hat sich unter bisherigen Kandidaten die Einsicht durchgesetzt, dass die Ausrichtung olympischer Winterspiele finanziell für die Ausrichterstädte meist kein Gewinn war.
Waldemar Peschel 28.06.2017
4. ...wer fordert denn...
...diesen ganzen Primborium? Das IOC. Und dann kommt die Fifa und wieder muss umgebaut werden. Die spinnen doch fiese Verbände. Was läuft eigentlich noch so in Albertville, Turin, Rio...Südafrika...wo haben diese Herren überall abkassiert?
PeaceNow 28.06.2017
5. @Herr Ahrens
dem Bericht nach zu urteilen könnte man meinen Sie waren selbst dort? Den Bewertungen der Lage vor Ort nach aber eher nicht. Die Region boomt seit den Winterspielen, Winter- wie Sommertourismus. Natürlich werden die überdimensionierten Anlagen kaum mehr genutzt, trotz vieler Urlauber, denn die Masse will ja Urlaub machen und keinen Hochleistungssport. Dafür sind die Hotels, Bars, Strände und Restaurants voll, im Winter die Pisten und Skihütten. Tausende neue Arbeitsplätze sind hier entstanden, wo vorher nichts war. Auch ist offenbar nicht bekannt das von den rd. 30 Mrd. USD Baukosten gut die Hälfte in die Infrastruktur geflossen ist, wie neue Bahnstrecken, Tunnels, Autobahnen, Strassen, Brücken usw. und somit die Region um Sotchi nun sehr gut angebunden ist mit dem Rest Russlands. Unter dem Strich ist Russland somit hier ganz gut weggekommen, im Gegensatz zu den WM und Olympiaruinen in Griechenland oder Brasilien.
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