DFB-Elf vor Start des Confed Cup Geschenkt

Jetzt startet auch Deutschland in den Confed Cup - ein ungeliebtes Turnier. Doch Bundestrainer Löw spricht von einem "Geschenk für mich". Und da ist was dran.

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Aus Sotschi berichten und


Der Bundestrainer hatte sich über die Jahre daran gewöhnt: Wann immer ein Turnier anstand, wurde Geburtstag gefeiert. Lukas Podolski wurde im Juni ein Jahr älter, Miroslav Klose auch. Podolski ist nicht mehr da, Klose ist nur noch Praktikant im Trainerstab, aber ein Geschenk hat Joachim Löw auch diesmal parat. Es ist, und das verwundert schon sehr, der doch so ungeliebte Confed Cup, den Löw am Tag vor dem ersten deutschen Eingreifen ins Turnier als "ein Geschenk für mich" bezeichnet hat.

Bisher hatte der Bundestrainer keinen großen Hehl daraus gemacht, dass es Turniere gibt, die bei ihm einen weit höheren Stellenwert genießen als dieses russische Vorspiel zur Weltmeisterschaft in einem Jahr. Vor dem Auftaktspiel gegen die wackeren Australier (17 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) hat bei Joachim Löw offenbar ein Umdenken eingesetzt. Plötzlich kann er die 14 Tage in Sotschi, Kasan, Moskau und Sankt Petersburg nicht hoch genug schätzen. Je näher das Turnier rückt, desto lobender die Worte. Und neben dem üblichen DFB-Marketing ist da wohl auch ein Körnchen Wahrheit dran.

Denn: Noch nie hat Löw ein Turnier mit so wenig Druck angehen können. Zwar betonen alle Verantwortlichen, Trainer, Spieler und Funktionäre pflichtgemäß, dass man diesen Confed Cup furchtbar gern gewinnen möchte. Aber wenn es nicht dazu kommt, ist es, ehrlich gesagt, auch vollkommen egal. Niemand erwartet von Niklas Süle, Bernd Leno oder Lars Stindl ernsthaft, dass sie am Ende über Teams mit den sportlichen Zwölfendern Cristiano Ronaldo oder Arturo Vidal triumphieren. Und dem Bundestrainer würde im Falle eines Scheiterns wohl noch positiv ausgelegt, dass er seine Stars zur Schonung daheim gelassen hat, während sich die Jungspunde mal auf internationalem Terrain austoben konnten.

Löw als besserer U21-Coach

Löw kann zudem nach nunmehr sechs Turnieren in der sportlichen Verantwortung auch mal wieder etwas anderes machen. Er kann unerfahrenere Spieler heranführen, er kann ihnen den Turniergeist näherbringen, er kann Pädagoge sein, wenn er will. Er ist diesmal ein besserer U21-Coach, und das wird Löw als durchaus erfrischend empfinden. Löw ist der Herbergsvater, und das hatte er lange nicht.

DFB-Kader für den Confed-Cup
  • DPA
    Tor: Bernd Leno (Leverkusen), Marc-André ter Stegen (Barcelona), Kevin Trapp (Paris)

    Abwehr: Matthias Ginter (Dortmund), Jonas Hector (Köln), Benjamin Henrichs (Leverkusen), Joshua Kimmich (FC Bayern), Shkodran Mustafi (Arsenal), Marvin Plattenhardt (Hertha BSC), Antonio Rüdiger (AS Rom), Niklas Süle (Hoffenheim)

    Mittelfeld/Angriff: Julian Brandt (Leverkusen), Emre Can (Liverpool), Kerem Demirbay (Hoffenheim), Diego Demme (Leipzig), Julian Draxler (Paris), Leon Goretzka (Schalke), Sebastian Rudy (Hoffenheim), Lars Stindl (Mönchengladbach), Sandro Wagner (Hoffenheim), Timo Werner (Leipzig), Amin Younes (Amsterdam)

Und die Spieler? Die meisten von ihnen werden die WM in einem Jahr ohnehin wieder als Zuschauer verfolgen, da muss man sich nichts vormachen, so sehr es die Offiziellen auch probieren. Wenn Löw und seine Leute um Manager Oliver Bierhoff davon reden, wie wichtig die sportliche Erfahrung Confed Cup für die Entwicklung der teilnehmenden Spieler sei, wie entscheidend es sein könne, das Turnier zu nutzen, um sich für 2018 zu empfehlen - das kann man alles getrost als verbale Folklore abtun.

Natürlich wird die WM stattdessen wieder mit all den bekannten Gesichtern bestritten, mit den Müllers, Özils und Khediras, den Boatengs, Kroos' und Hummels'. Ein paar Plätze in der zweiten Reihe werden im Sommer 2018 frei sein, vielleicht vier oder höchstens fünf, der des dritten Torwarts, des fünften Innenverteidigers. Nur um diese Plätze geht es. Um mehr nicht.

Das weiß natürlich auch Löw, aber es schadet ja nichts, dem Kader ein bisschen Hoffnung zu machen. Motiviert sind die Spieler ohnehin, das hört man aus allen ihren Äußerungen der vergangenen Tage heraus. Löw hat einen Kader zusammengestellt von Spielern, die auch nach einer langen Saison noch Lust haben. Für die es noch etwas Besonderes ist, gegen Australien oder Kamerun zu spielen und nicht immer nur Jahr für Jahr gegen Eintracht Frankfurt. Allein deswegen hat Löw mit seiner Entscheidung, mit einer B-Elf nach Russland zu reisen, schon vieles richtig gemacht.

Wenn jetzt dieses Team auch noch gewinnt, dann erst recht. Und wenn nicht - wen kümmerts?



insgesamt 6 Beiträge
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PeterPan95 19.06.2017
1. Emotionen? Erfolgsfans!
Ich lese: Wenn Deutschland gewinnt freuen "wir" uns. Wenn Deutschland aber verliert ist "das Turnier unwichtig" und die Mannschaft eine "B-Elf" mit der man nur testet. So kann man sich das natürlich auch schön reden. Vor allem kann man dann schön emotionslos Fußball gucken, denn jedes Ergebnis ist ja "gut". Und wir haben Blumenkränze um und uns alle lieb. Lasst uns singen, tanzen. Und das alles in Russland, diesem freundlichen, aufgeschlossenen, toleranten Gastgeber! Wer singt denn in der Halbzeitpause? Danke für diesen Artikel, der wunderbar zusammenfasst, warum ich den Confed-Cup getrost ignorieren kann. Emotionsloser Fußball mag zwar zum DFB passen, aber nicht zu mir.
phboerker 19.06.2017
2. "mit den Boatengs, Kroos'"
WM mit den Boatengd und Kroos? Ghana mag sich ja qualifizieren, aber Felix Kroos, der bei Union zum Leistungsträger geworden ist, wird wohl eher nicht bei der WM spielen. Insofern wird es wohl bei einem Kroos bleiben müssen... :o)
Leuchtturm 19.06.2017
3. höchstens Platz für 5?
Und was ist mit kurzfristigen verletzungsbedingten Ausfällen... davon gab es vor den großen Turnieren ja wohl häufiger schon Grund sich Gedanken zu machen. Um so besser, wenn JL dann auf Basis guter Erkenntnisse aus dem Confed Cup den richtigen nachnominieren kann. Von meiner Seit aus , ist die Entscheidung mit dieser Truppe dort teilzunehmen goldrichtig!
lift_off 19.06.2017
4. Eintracht Frankfurt?
Was ist das denn für ein merkwürdiger Satz? "Für die es noch etwas Besonderes ist, gegen Australien oder Kamerun zu spielen und nicht immer nur Jahr für Jahr gegen Eintracht Frankfurt." Schöne Grüße aus Frankfurt.
DerDifferenzierteBlick 19.06.2017
5. Und was ist jetzt das besondere Geschenk?
Dass Löw noch ein paar Spieler für die hinteren Bankplätze scouten kann? Dass die Zuschauer sich hinterher die Niederlage schönreden können, da ja die "richtigen" Spieler nicht dabei waren? Was hilft es eigentlich, wenn 21 mehr oder weniger Länderspiel-unerfahrene Spieler zusammenspielen, wenn es so gut wie KEINEN Erfahrenen gibt, von dem sie lernen können? Und was hat der Zuschauer davon, dass fast alle Identifikationsfiguren, fast alle Top-Spieler zu Hause bleiben? Wenn fußballerisch voraussichtlich deutlich weniger geboten wird und die Chancen zu gewinnen deutlich niedriger sind? Natürlich kann/soll ein Bundestrainer auch solche Spiele nutzen, um junge Spieler oder ältere Talente (?) an die Mannschaft heranzuführen. Da kann man dann in jedem Spiel einige gestandene Spieler und ein paar Talente aufstellen. Dann haben auch die Zuschauer was davon. Wenn allerdings "die Mannschaft" gar nicht vorhanden ist, dann frag ich mich doch, an wen die Talente jetzt herangeführt werden...
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