DFB-Bilanz zum Confed Cup So viel Qualität, so wenig Platz

Die Turniersiege der beiden DFB-Teams haben die Aufgabe für Joachim Löw nicht leichter gemacht. Die Auswahl an Klassespielern ist so groß wie wohl noch nie, der Bundestrainer wird vor der WM viele enttäuschen müssen.

Aus Sankt Petersburg berichtet


Für Joachim Löw wird 2018 das härteste Jahr seiner Trainerlaufbahn beim DFB werden. Nicht in dem Sinne, dass es das schwierigste oder meistbelastende Jahr für ihn wird. Im Gegenteil, die Aussichten sind so rosig wie selten. Aber es wird das Jahr sein, in dem er die größte Härte zeigen muss.

Nie hatte Löw in seinen elf Jahren eine solch große Auswahl an WM-fähigen Spielern, und dennoch wird er so vielen wie nie zuvor absagen müssen, ihre Hoffnungen auf einen WM-Einsatz zerstören. Die Gefahr, schon bei der Nominierung die ersten entscheidenden Fehler zu machen, ist groß.

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Vor diesem Sommer schien das alles noch überschaubar zu sein. Der Bundestrainer hat seinen Stamm an Weltmeistern zur Verfügung. All jene, die statt des Confed Cups Urlaub gemacht haben, stehen bereit, für die WM in die Mannschaft zurückzukehren. Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Toni Kroos, Sami Khedira, Mesut Özil, Thomas Müller, André Schürrle, damit wäre fast die Hälfte des 23er-Kaders schon einmal besetzt.

Und dann gibt es auch noch die Verletzten

Das ist das Gerüst des WM- und EM-Teams, im Grunde das Gerüst der Mannschaft seit fünf Jahren, gestützt von den U21-Europameistern des Jahres 2009. Keine Experimente.

Aber auch 2017 ist jetzt ein junges deutsches Team wieder U21-Europameister geworden, und gleichzeitig ist der Siegeszug des Confed-Cup-Kaders bis zum Schluss weitergegangen. Löw hat also quasi drei Kader zur Verfügung, aus denen er auswählen darf, auswählen muss. Dazu kommen die unsicheren Kantonisten, da krank oder verletzt: Mario Götze, Ilkay Gündogan, Marco Reus, Julian Weigl. Alle vier spielen normalerweise in Löws Plänen eine feste Rolle.

Die vermeintlich sichere Variante ist die, einfach alle seine arrivierten Stars mitzunehmen und aus ihr auch in Russland 2018 seine Stammelf zu bauen, dosiert erweitert mit ein paar Nachrückern. Das hieße dann, bei den Titelkämpfen ein erfahrenes Team zur Verfügung zu haben, gestählt in Turnieren, aber es wäre dann wohl auch eine der ältesten Mannschaften unter den Favoriten - mit einer ganzen Anzahl von Spielern um die 30.

Das Risiko, ob und wie diese Mannschaft ein extrem anstrengendes Turnier noch auf dem Zenit ihrer Physis bestreiten kann, würde der Bundestrainer dann mit ins Turnier nehmen. Und die Frage, ob Thomas Müller zu seiner Torgarantie zurückfindet.

Jetzt werden Ansprüche laut

Der Confed Cup und die U21 haben dem Bundestrainer ein ganzes Füllhorn weiterer Optionen eröffnet. Spieler wie Leon Goretzka, Niklas Süle, Emre Can oder Timo Werner werden sich in der kommenden Spielzeit wahrscheinlich noch weiterentwickeln und wirken doch jetzt schon so stark. Julian Draxler und Jonas Hector werden auf ihre Ansprüche pochen, Joshua Kimmich sowieso.

Lars Stindl hat sich empfohlen, sogar Sandro Wagner für bestimmte Spielsituationen, in denen man den Brecher braucht. Dass Löw ihn zuletzt nicht mehr berücksichtigte, könnte allerdings auch ein Fingerzeig sein. Jeder weiß, wie wenig Löw den Typus des klassischen Mittelstürmers mag.

Dazu kommen in der Defensive Antonio Rüdiger und Mathias Ginter, die zwar sportlich in der Nationalmannschaft bisher nicht immer überzeugt haben, aber die hohe Wertschätzung des Bundestrainers genießen. Löw hatte immer ein paar Lieblinge - wie fast jeder Trainer. Rüdiger und Ginter gehören in jedem Fall dazu.

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Löw wird es sich zudem kaum erlauben können, die neuen Publikumslieblinge aus der U21 vollständig bei der Kaderwahl zu ignorieren. Insgesamt kommt er damit locker auf 40 Namen, die in die engere Auswahl kommen. Die Fifa wird dem DFB dennoch nicht den Gefallen tun, den Kader aufzustocken. Es bleibt bei 23 Spielern, davon sind drei Torleute.

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff hat vor dem Finale davon gesprochen, es gebe im Kader für die WM "nur wenig Unantastbare", das klingt nach einer Warnung, ist aber letztlich keine. Löw wird seine bewährten Weltmeister mitnehmen, das ist sicher. Ob das richtig ist, ist eine sehr andere Frage.

Nur 20 Feldspieler dürfen mit, und noch einmal so viele werden zu Hause bleiben müssen. Der Confed Cup, dieses vermeintlich so bedeutungslose und überflüssige Turnier im Sommer 2017, hat mit seinem Erfolg für die DFB-Auswahl die Aufgabe des Bundestrainers nicht erleichtert, es hat sie erschwert. Jeder andere Nationaltrainer der Welt wäre neidisch auf solche Probleme.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
jujo 03.07.2017
1. ...
Ich hoffe doch sehr,das Löw die Härte aufbringt einige der arrivierten Spieler die Ende zwanzig sind nicht zu berücksichtigen, da diese Leistungsmäßig überholt wurden, da sind zu nennen Gomez , Schürrle, Müller und auch Götze, Reus ist ein Risiko, da zu Verletzungsanfällig. Löw hat ein absolutes Luxusproblem und ist nicht zu beneiden. Einiges wird und muss sich in der kommenden BL Saison klären.
ge1234 03.07.2017
2. Gut so!
Lieber zu viele gleichwertige Alternativen als zu wenig! Hatten wir ja alles schon mal! Und die U19 - Europameister, die 2018 nicht mit zur WM dürfen, die fahren halt dann 2022 mit. Was Thomas Müller betrifft: Vielleicht sollte man mal aufhören, ihn nur immer an Toren zu messen. Immerhin ist er offensiver Mittelfeldspieler und kein Stürmer und war letzte Saison nach Forsberg der zweitbeste Vorlagengeber der Liga.
DerGeneral 03.07.2017
3. @jujo
Das hoffe ich auch, wobei Müller für mich nicht dazu gehört. Eine Seuchensaison hat jeder (Stürmer) mal, für mich ist und bleibt er eine der Säulen des Teams. Zur Diskussion stehen sollten aber andere, die Özils, Schürrles, Reus, Gomez, Götzes. Aber so habe ich, wie 60 Mio Bundestrainer, meine Ideen. Am Ende lag der Jogi doch meistens ganz richtig, auch wenn ich geschimpft habe ;-)
adal_ 03.07.2017
4. Probleme, die sich jeder wünscht
sysop: ....Nie hatte Löw in seinen elf Jahren eine solch große Auswahl an WM-fähigen Spielern, und dennoch wird er so vielen wie nie zuvor absagen müssen... Wieso "dennoch"? Deswegen... So etwas nennt man bekanntlich ein "Luxusproblem"
briancornway 03.07.2017
5. Verschiebung
Zitat von jujoIch hoffe doch sehr,das Löw die Härte aufbringt einige der arrivierten Spieler die Ende zwanzig sind nicht zu berücksichtigen, da diese Leistungsmäßig überholt wurden, da sind zu nennen Gomez , Schürrle, Müller und auch Götze, Reus ist ein Risiko, da zu Verletzungsanfällig. Löw hat ein absolutes Luxusproblem und ist nicht zu beneiden. Einiges wird und muss sich in der kommenden BL Saison klären.
Götze ist gerade mal 25 geworden ... und ich denke, der kann noch ein paar Jahre lang viel leisten, nachdem er ganz gesund wird. Aber es wird nicht nötig sein, an Spielern über 30 festzuhalten, aus der Sorge oder Not, dass von den Jüngeren niemand die entsprechende Leistung bringen könne. Sieht aus, als spiele man in nächster Zeit nicht mehr von 23 bis 32 in der A-Elf, sondern von 19 bis 28 ...
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