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Erfolg bei der Copa América: Bedingungslos und besinnungslos auf Sieg gespielt

Von , Santiago de Chile

Jubelnde Chilenen: "Hey, das ist kein Traum, das ist Wirklichkeit" Zur Großansicht
AFP

Jubelnde Chilenen: "Hey, das ist kein Traum, das ist Wirklichkeit"

Chile tobt, tanzt und trinkt: Den historischen Erfolg im Endspiel der Copa América gegen Argentinien feiert das Land wie auf Droge. Das Turnier - südamerikanisches Pendant zur Europameisterschaft - verschafft selbst der Politik unerwartet Aufschwung.

Es war irgendwann um Mitternacht. Nahe der Plaza Italia in Santiago stieß ein Fan, gekleidet in feinen Zwirn, seinen Nebenmann im rot-weiß-blauen Getümmel an und sagte: "Hey, das ist kein Traum, das ist Wirklichkeit." Der Nebenmann, eingehüllt in eine chilenische Flagge, antwortete nichts, sondern fiel dem anderen um den Hals. Dann ließ er ein paar Tränen freien Lauf.

Das Thermometer näherte sich dem Gefrierpunkt, aber der Platz im Herzen Santiagos kochte. Immer wenn es einen sportlichen Erfolg zu feiern gibt, versammeln sich die Chilenen um den Platz mit der großen Figur von Schlachten-General Manuel Baquedano. "Wir haben die Copa", "Viva Chile", "Es lebe Chile", riefen die Menschen in die kalte Nacht.

Aber immer wieder mischte sich in die Siegesschreie Ungläubigkeit. Chile konnte irgendwie noch nicht so richtig fassen, was wenige Stunden zuvor im Nationalstadion passiert war. Kleines Chile gegen großes Argentinien: 4:1 im Elfmeterschießen. Jahrzehntelang gehegte Träume wurden wahr.

Und nicht nur freudetrunkene Fußballfans fielen sich in Santiago in die Arme. Ganz Chile, von Arica an der Grenze zu Peru bis Punta Arenas, kurz vor Feuerland, tobt, tanzt und trinkt. 4000 Kilometer Glückseligkeit haben das schmale Land erfasst und werden es bis mindestens Montag nicht mehr loslassen, wenn die Menschen ihre Routine mit einem dicken Kater wieder aufnehmen.

Wie Krieger in einer Schlacht

Chile war fast vier Wochen auf Fußball-Droge. Und die Dosis wurde in 13 Toren, 5 Siegen, einem Unentschieden und der unhandlichen Copa-América verabreicht. Nun haben sie den Pokal zum ersten Mal gewonnen. 99 Jahre und 43 Ausgaben des ältesten Nationenturniers der Welt mussten sie darauf warten.

Chiles Alexis Sanchez: Entscheidender Treffer im Elfmeterschießen Zur Großansicht
REUTERS

Chiles Alexis Sanchez: Entscheidender Treffer im Elfmeterschießen

17 Millionen Chilenen haben in den vergangenen knapp vier Wochen mit ihrer "Roja" gefiebert und begeistert zugesehen, wenn die elf Spieler in Rot bei jeder Partie wie Krieger in eine Schlacht zogen und im Hochgeschwindigkeitstempo ihren vertikalen Überfallfußball durchsetzten. Auch Vize-Weltmeister Argentinien, das zum zweiten Mal in einem Jahr das Endspiel eines großen Turniers verlor, konnte Chile sein Spiel aufzwingen. Die gefürchteten argentinischen Offensivkräfte Lionel Messi, Sergio Agüero oder Javier Pastore blieben wirkungslos, Ángel Di María verletzte sich früh.

Der Turniersieg Chiles ist verdient. Die Mannschaft um Torhüter Claudio Bravo (FC Barcelona), Verteidiger Gary Medel (Inter Mailand) sowie Alexis Sánchez (FC Arsenal) und Arturo Vidal (Juventus Turin) war die überzeugendste und offensivste der Copa, die immer bedingungslos, manchmal gar besinnungslos auf Sieg gespielt hat. "Ob diese goldene auch die beste Fußballer-Generation unseres Landes wird, bemisst sich daran, ob sie Titel holen können", sagte Leonardo Véliz, Ex-Nationalspieler und WM-Teilnehmer Chiles 1974 vor dem Spiel. "Wenn sie eine der besten Mannschaften der Welt mit dem besten Spieler der Welt schlagen, dann verneigen wir uns vor ihnen."

Schonfrist für die Präsidentin

Stürmer Eduardo Vargas war einer der wenigen Spieler, die im ersten Jubel etwas sagen wollten: "Wir haben Geschichte geschrieben, das muss man sich erst mal klar machen. Wir schenken diesen Sieg dem chilenischen Volk", sagte er und stieg wie seine Kollegen im Trikot und ungeduscht in einen Doppeldecker-Bus, mit dem der Copa-América-Sieger zunächst in den Präsidentenpalast Moneda fuhr.

Dort wartete genau drei Stunden nach dem erlösenden Elfmeter von Alexis Sánchez Präsidentin Michelle Bachelet in dunklem Kostüm und rotem Schal und wirkte unter den ausgelassenen Fußballern in ihrem eigenen Palast etwas deplatziert.

Chiles Gary Medel (l.), Alexis Sanchez: "Dieser Sieg ist unbezahlbar" Zur Großansicht
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Chiles Gary Medel (l.), Alexis Sanchez: "Dieser Sieg ist unbezahlbar"

Für Bachelet ist dieser Sieg so wichtig, wie er für die "Roja" historisch ist. "Der Sieg gibt ihr noch ein paar Wochen Schonfrist und Luft zum Atmen," sagt Fußball-Autor Juan Pablo Meneses. Denn in diesem sonst so kühlen und kalkulierten lateinamerikanischen Land haben der Fußball und die Euphorie in den vergangenen vier Wochen über Politik und Protest gesiegt.

In der Freude steckte der Wunsch, den Alltag und die Probleme und vor allem die Politik zu vergessen, sagt Meneses. "Der Fußball bekommt in Chile gerade eine Last aufgebürdet, die er eigentlich nicht zu tragen hat". Seit mehr als einem Jahr dominiert das sonst so stabile und skandalfreie Chile eine chronische politische Krise. Und dabei geht es wieder einmal um Studentenproteste, Bildungsreformen und neuerdings auch um verbotene Wahlkampffinanzierung und sogar Korruption in der Familie von Präsidentin Bachelet.

So kamen der Präsidentin die Erfolge der Nationalmannschaft in diesen Tagen gerade recht. "Chile braucht Freude", sagte die 63-Jährige, verfolgte jedes Spiel im Stadion und ließ sich bei jeder Gelegenheit mit den Spielern ablichten. In den nächsten Wochen wird es in Chile erst einmal kein anderes Thema geben als diesen Triumph. Trainer Jorge Sampaoli sagte: "Dieser Sieg ist unbezahlbar, unvergesslich und soll sehr lange anhalten."

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insgesamt 8 Beiträge
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1. ach Chile, mi amor
El pato clavado 05.07.2015
und das im dem Stadium,wo 1973... na wer es wissen will, weiss es sicher. Die vom Fussball-Irrsinn tobende Menge hat es vergessen. Vielleicht gut so ?
2. Gründe...
donvito85 05.07.2015
Chile ist (in Santiago) bevölkert von einer kranken Gesellschaft; Klassismus par excellence, ungleich verteilte Vermögen wie es sie in so manch 3. Welt-Land nicht gibt... dieses Land ist sozial so gestresst, dass es immer wieder verwunderlich ist, wie die seit Jahren andauernden Studentenproteste und Lehrerproteste so wenig Nachklang beim Spiegel fassten. Denn sonst wird Chile immer als "stabiles Land" beschrieben. angesichts der zahllosen aufeinandergereihten Naturkatastrophen der letzten Jahre ein bisschen zynisch die Beschreibung.... Chile hat noch ein weiten Weg um als fortschrittliches Land bezeichnet werden zu können... den ersten koennte Bachelet durch kostenlose Bildung ebenen.... aber da scheinen einige Interessen Steine in den Weg zu stellen... Dieser Copa-Sieg wird sicherlich bei vielen alle Probleme vergessen machen.... sobald Sie aber merken, dass trotz CopaSieg sich im nachhinein für sie nichts bessert, geht es wieder zurudck zum Luftverpesteten Alltag in Santiago. (wenn Ihr Chile besucht, geht raus aus Santiago,dort faellt das atmen erheblich leichter...)
3. Schade,
verdreckter_ermittler 05.07.2015
dass so ein wichtiges Sportereignis nirgendwo übertragen wurde.
4.
chr.reinhard 05.07.2015
genauso manipuliert wie jeder andere Profifußball...Profi=andauernde Tätigkeit mit Gewinnerzielungsabsicht..wo kommt der Gewinn her? Von dem der am Sport verdient...die Buchmacher...alles Farce...Gibraltar Liga, Em Quali Teilnehmer usw usf alles n witz...umverteilung von arm nach reich
5. Messi
Tirpitz1900 05.07.2015
Der von unseren Medien hochgelobte, hat mal wieder verloren. Wie hieß es vor einem Jahr: Zeig dass Du besser bist als Messi und dann hat sich Mario Götze in die Unsterblichkeit geschossen!
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