Chiles Nationalstadion Fußballarena, Folterstätte

Chile steht im Finale der Copa América. Im Nationalstadion, wo sich heute Zehntausende Fußballfans heiser schreien, wurden während der Militärdiktatur Gefangene gefoltert. Einer ist Alejandro Cantillana - er wünscht seinem Land eine Niederlage.

AFP

Von , Santiago de Chile


Alejandro Cantillana geht durch Tor 8 des Nationalstadions, schiebt die Hände tief in die Hosentaschen und zieht die Schultern hoch. Lässt ihn die Kälte des chilenischen Winters schaudern oder der Ort, an den er sich an diesem Samstagmorgen erstmals nach Jahrzehnten wieder traut?

"Weiß nicht, beides wahrscheinlich", sagt Cantillana.

"Escotilla 8". Das Tor 8 ist kein gewöhnlicher Eingang, durch den man auf die Tribünen des Stadions gelangt. Wer hier durchgeht, macht auch eine Reise in die dunkle Vergangenheit des Estadio Nacional von Santiago de Chile.

An den Wänden hängen Fotos, die so gar nichts mit Fußball zu tun haben: Schwarzweißbilder aus einer fernen Zeit, auf denen Soldaten mit Kindergesichtern ihre Maschinengewehre auf Menschen richten, die hinter dem Zaun auf den Tribünen stehen. Fast alle haben diese typischen Haarschnitte der Siebzigerjahre: hinten lang, vorne kurz.

Alejandro Cantillana schaut die Fotos nicht an, er kennt sie, er trägt sie ja seit über 40 Jahren in sich. Es sind Bilder aus einer Zeit, als das demokratische Chile über Nacht von einer blutigen Diktatur weggeputscht und das Nationalstadion weltweit zum Synonym für Folter wurde. Und nicht mehr für Fußball.

Mit raschen Schritten geht Cantillana zum Tribünenaufgang, nimmt die zwölf Stufen und steht plötzlich an einem Ort, an dem sich Gestern und Heute, Politik und Fußball zu einem Stück Geschichte verbinden.

Im Stadion erinnert eine Holztribüne an die Vergangenheit

Es ist eine kleine Tribüne, 14 Reihen nur, wie aus der Zeit gefallen. Keine bunten Sitzschalen, sondern lange, leicht durchgebogene Holzbänke. Sie haben jeder Modernisierung des Stadions getrotzt und sind nun Gedenkstätte. Mitten in der größten Sportstätte Santiagos, dem Hauptschauplatz der Südamerika-Fußballmeisterschaft Copa América.

Oberhalb der Holzbänke prangt ein Spruch, der eine Aufforderung ist: "Un pueblo sin memoria es un pueblo sin futuro". Ein Volk ohne Erinnerung ist ein Volk ohne Zukunft. Cantillana, ein schlanker Mann von 60 Jahren, graumelierte Haare, unrasiert, liest den Spruch laut vor und nickt dabei.

Von den Holzbänken blickt er auf den Rasen, die Tribünen mit den roten Plastiksitzen, die Spruchbänder "Copa América Chile 2015". Vor zwölf Stunden feierten hier noch 45.000 Menschen den Sieg Chiles über Bolivien in der Gruppenphase: 5:0 hieß es am Ende. Und der Sieg trug mit dazu bei, dass das ganze Land mit der "Roja" fiebert, der roten Nationalmannschaft, die jetzt im Finale der Copa steht.

Nur Alejandro Cantillana kann sich dem Hype nicht anschließen: "Ich bin vermutlich der einzige Chilene, der sich freut, wenn Chile verliert".

Denn für Cantillana ist das Nationalstadion kein Ort der Freude und Feier, sondern der Folter und Furcht. Er kennt es aus der Zeit, als hier nicht die Tor-, sondern die Schmerzensschreie hallten. 1973 war das. Gleich nach dem Putsch von General Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende am 11. September.

Nach dem Putsch wurde das Stadion zum Internierungslager

Einen Monat war Cantillana damals im Stadion inhaftiert, gerade 17 Jahre alt, Schüler und Aktivist des "Movimiento de Izquierda Revolucionaria" (MIR), einer linksextremen Bewegung. Er sei der jüngste Gefangene im Estadio Nacional gewesen, sagt Cantillana. Nun ist er zum ersten Mal wieder hierher zurückgekehrt und hat seine Frau, seinen Sohn und seine Enkelin mitgebracht. "Es ist schwer, es kommt alles wieder hoch, aber ich will, dass meine Familie sieht, wo ich damals war."

Nach dem Staatsstreich verwandelte die Diktatur das Stadion in das größte Internierungslager Chiles. 20.000 Menschen wurden hier festgehalten, misshandelt, gedemütigt. 41 Oppositionelle wurden nach offiziellen Angaben innerhalb von nur zwei Monaten ermordet. Tagsüber durften die Gefangenen auf die Tribünen, nachts wurden sie in den Umkleidekabinen eingepfercht. Cantillana war mit bis zu 200 Anderen im "Camarín 19".

Die Häftlinge schliefen im Stehen, im Hocken, schnallten sich in Gürteln auf den Bänken und Ablagen fest, damit sie nicht runterfielen. Am meisten fürchteten Cantillana und die anderen, wenn über die scheppernden Stadionlautsprecher Namen aufgerufen wurden. "Wenn du dran warst, gab es nur drei Möglichkeiten: Folter, Tod oder Freiheit".

Viele, die gerufen wurden, kamen mit gebrochenen Gliedmaßen oder verstümmelt zurück, andere gar nicht. Alejandro wurde im Nationalstadion fünf Mal gefoltert: Elektroschocks, Waterboarding, Prügel mit Schlagstöcken. Immer ging es um Namen von vermeintlichen Genossen: "Der Körper hält das aus, aber die Seele nicht."

"Das ist unsere Rache"

Und nun wird wieder Fußball gespielt, wo einst die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Kaum jemand im Stadion nimmt Notiz von dieser kleinen Tribüne, die immer leer bleibt bei den Spielen. Sie ist der einzige weiße Fleck in einer bei den Spielen der Chilenen vollständig in Rot getauchten Arena. "Aber ich finde es großartig, dass man diese Tribünen im Fernsehen immer sieht bei den Übertragungen. Das ist unsere Rache", sagt Cantillana und klingt hart. Denn ansonsten haben in Chile Politik und Fußball alles versucht, die Erinnerung an die dunkle Geschichte der Spielstätte zu unterdrücken oder vergessen zu machen.

Kein Brief an die Sportverbände sei beantwortet worden, keiner Petition an die Regierung entsprochen worden, sagt auch Wally Kunstmann verbittert. Sie leitet den Verein "Estadio Nacional - Memoria Nacional" und hat zehn Jahre für diese "Tribüne der Würde" gekämpft, wie sie das Areal nennt. Nicht mal eine Schweigeminute zu Beginn der Copa habe es gegeben. "Wir haben bis zuletzt auf eine Geste gehofft", sagt Kunstmann. Aber Präsidentin Michelle Bachelet, selbst Opfer der Pinochet-Schergen und Häftling in einem anderen Lager, hat kein Wort gesagt. Auch finanzielle Hilfe vom Staat kam erst kurz vor und nur anlässlich der Copa.

Chile tut sich auch 25 Jahre nach Rückkehr zur Demokratie schwer damit, die Verbrechen der Gewaltherrschaft aufzuarbeiten. Tausende Aktivisten und Andersdenkende wurden während der 17 Jahre dauernden bleiernen Zeit in Chile verschleppt, in Lager gesteckt, aus Flugzeugen ins Meer geworfen, exekutiert und in Massengräbern verscharrt. Abertausende flohen ins Exil oder wurden verbannt.

Chile wählte 1990 die Diktatur zwar ab, aber die Demokratie war und ist in gewisser Weise von den Militärs geduldet. Sie beugten sich dem Willen des Volkes, aber sie verlangten von den Demokraten, mit der Aufarbeitung nicht zu weit zu gehen. So hat Chile - anders als Argentinien - seine Täter kaum juristisch zur Verantwortung gezogen. Auch Diktator Pinochet durfte vor neun Jahren in Ruhe in seiner Heimat sterben, ohne sich für nur eines seiner Verbrechen verantworten zu müssen.

Gefangene wurden für das "Spiel der Schande" weggebracht

Zwei Monate nach dem Putsch brauchten der Fußball und die Diktatur das Stadion wieder, denn Chile wollte ja zur WM 1974 nach Deutschland. Das Lager im Nationalstadion wurde am 9. November aufgelöst, die Gefangenen auf andere Haftanstalten in ganz Chile verteilt. Alejandro Cantillana wurde für ein Jahr in einem Lager in der Atacama-Wüste wegesperrt.

Für den 21. November war das zweite der beiden Entscheidungsspiele gegen die Sowjetunion angesetzt. Das Hinspiel war 0:0 ausgegangen. Zum Rückspiel aber traten die Sowjets, Alliierte des gestürzten Präsidenten Allende, nicht an. Sie wollten nicht an einem Ort spielen, "der mit dem Blut der chilenischen Patrioten getränkt" ist. Die Fifa hatte das Stadion zuvor inspizieren lassen und die Spielstätte freigegeben.

"Dabei waren noch immer Gefangene auf dem Gelände des Stadions versteckt", erinnert sich Leonardo Véliz, damals Halbstürmer in der Nationalmannschaft. Er hatte einen Freund unter den Opfern des Stadions.

Dennoch fand die vermutlich absurdeste Partie in der Geschichte der WM-Qualifikationsspiele statt. Leonardo Véliz nennt sie noch heute das "Spiel der Schande". Vor rund 7000 Zuschauern, darunter viele Militärs, spielte Chile gegen einen nicht existenten Gegner. Anpfiff, Anstoß, Tor. Das Spiel dauerte 19 Sekunden. Vier Spieler kickten den Ball hin und her, während sie aufs Tor zuliefen, bis Stürmer Francisco Valdés das Leder mit dem dreizehnten Kontakt über die Linie trat.

Die Anzeigetafel zeigte Chile 1, Sowjetunion 0. Das südamerikanische Land fuhr nach Deutschland, während daheim im dunklen Reich des Diktators Pinochet die Jagd auf Andersdenkende erst richtig begann.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
narmstrong 03.07.2015
1. Das ewige Leiden der Demokratie...
... beginnt immer dann, wenn ein Volk in freier Wahl eine linke Regierung wählt. Da sich Europa zu fein zum offenen Putsch ist (das hat damals der CIA vorbereitet) bedient man sich anderer Mittel... das hat jetzt aber wirklich nichts mit Griechenland zu tun... Jeder früheren griechischen Mitte/Rechts-Regierung hat m an-wissend das alles nur erlogen ist-zum Schutz des privaten Finanzkapitals dem schlechten Geld gutes Geld nachgeschmissen. Wie verlogen ist das nur alles...
Freigeistig 03.07.2015
2. Klar doch
Genau, und linke Regierungen machen natürlich per se nichts falsch für Sie, gelle?? UDSSR, DDR, Kuba, Nordkorea... Da will man doch gerne leben!! ;)
bonngoldbaer 03.07.2015
3.
Zitat von FreigeistigGenau, und linke Regierungen machen natürlich per se nichts falsch für Sie, gelle?? UDSSR, DDR, Kuba, Nordkorea... Da will man doch gerne leben!! ;)
Für viele in der DDR Geborene wäre es zweifellos besser, wenn sie wieder dort leben könnten. Und für manchen in der BRD Geborenen (z.B. mich) auch. Über die anderen drei Länder kann ich nichts sagen, weil ich nie dort war.
pon2013 03.07.2015
4. Schwarze Brille absetzen,
Herr "Feingeistig"! Sie kennen doch wohl den Unterschied zwischen freien, demokratischen Wahlen, u.a. in Chile, und "Wahlen" in den von Ihnen genannten Ländern?
SrichatKok 03.07.2015
5. Kerala
Indischer Bundesstaat mit linker, demokratisch gewählter Regierung. Da würde ich gerne leben.
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