Copa América: Südamerika ist himmelblau

Aus Buenos Aires berichtet Tobias Käufer

Uruguay ist die neue Macht im südamerikanischen Fußball. Mit dem Sieg bei der Copa América hat das Team die Wachablösung auf dem Kontinent geschafft. Die Topmannschaften Argentinien und Brasilien haben den Anschluss dagegen verpasst.

imago

Noch am Abend des Triumphes trafen Uruguays Helden wieder in Montevideo ein. Die Hauptstadt ist nur durch den Rio de la Plata vom Endspielort der 43. Copa América, dem Estadio Monumental in Buenos Aires, entfernt. Zwar müde, aber ebenso glücklich, stürzten sich die Spieler des neuen Südamerika-Meisters nach dem 3:0 (2:0) gegen Paraguay in die Feierlichkeiten. "Die Mannschaft hat Großartiges geleistet. Ich ziehe meinen Hut vor meinen Spielern", strahlte Trainer Oscar Tabarez, während Torschütze Luis Suárez seinen Landsleuten ein Lied widmete: "Dieser Titel ist für alle Menschen in Uruguay, auch und gerade für die, die nicht hier sein konnten." Tausende hatten vergeblich vor dem Stadion ausgeharrt, um noch ein Ticket zu ergattern.

Uruguay hat mit dem Titelgewinn in Argentinien seine Vormachtstellung in Südamerika unterstrichen und damit den Trend der letzten Jahre in Südamerika bestätigt. Die Zeiten der oft egoistischen Einzelkönner scheinen vorbei. Ähnlich wie bei Weltmeister Spanien und dem WM-Dritten Deutschland ist das Kollektiv wichtiger und effektiver als alle Stars. Eine Erfahrung, die der argentinische Ausnahmefußballer Lionel Messi bei dieser Südamerika-Meisterschaft einmal mehr machen musste. Argentinien scheiterte ebenso früh wie Brasilien.

Die Szene, die verdeutlichte, warum Uruguay derzeit in Südamerika die Nummer eins ist, spielte sich unmittelbar vor dem Schlusspfiff ab. Stürmer Suárez, dem nur noch ein Treffer fehlte, um in der aktuellen Torjägerliste zum alleine führenden Peruaner Paulo Guerrero vom Hamburger SV aufzuschließen, suchte nicht den eigenen Abschluss, sondern bediente mit einem Kopfball maßgerecht den besser postierten Diego Forlán. Der machte mit dem Treffer zum 3:0 alles klar.

Paraguay hatte keine Chance

Niemand hätte es Suárez übel genommen, wenn er es kurz vor dem Ende gegen die frustrierten Paraguayer noch einmal auf eigene Faust versucht hätte, doch Suárez ist wie seine Teamkollegen auf den Erfolg der Mannschaft fokussiert.

Uruguay ließ Paraguay in diesen 90 Endspielminuten keine Chance und krönte sich völlig verdient zum alleinigen Rekord-Copasieger. Titel Nummer 15 ist ein historischer Erfolg. Argentinien (14) und Brasilien (8), die beide schon im Viertelfinale ausgeschieden waren, fallen in der Wertung des ältesten Nationenturniers der Welt zurück.

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Uruguays Copa-Triumph: Forlán trifft doppelt, Suárez einmal
Paraguays Medien hatten den Schuldigen für die Niederlage schnell ausgemacht. Sie übten harte Kritik an der Defensiv-Taktik von Trainer Gerardo Martino, er hatte Stürmer Lucas Barrios vom Deutschen Meister Borussia Dortmund von Beginn an draußen gelassen. Barrios hatte zwar kein überragendes Turnier gespielt, aber auch keinen Anlass zu einer Nicht-Berücksichtigung gegeben. "Wir müssen analysieren, woran es gelegen hat", sagt der sichtlich enttäuschte Barrios nach seinem Kurzeinsatz. Erst in der 77. Minute eingewechselt und dann wenige Minute später verletzt wieder draußen. Ein Abend zum Vergessen.

Uruguay beherrscht das Prinzip Konzeptfußball

Für Uruguay war es dagegen ein Abend ganz in himmelblau: "Ole Celeste", sagen die rund 30.000 Fans im Estadio Monumental in Anspielung auf die Trikotfarbe ihrer Helden schon Minuten vor dem Abpfiff,denn Uruguays Konzeptfußballer beherrschen derzeit den Kontinent: Bei der Wahl des besten Jungprofis räumte Sebastian Coates den Preis ab. Zum besten Spieler des Turniers wurde Luis Suárez gewählt. "Alles was wir machen, hat einen Grund, nichts geschieht aus dem Zufall heraus", erklärt Doppeltorschütze Forlán das Erfolgsgeheimnis des neuen Südamerika-Meisters, der in zwei Jahren beim Konföderationen-Pokal in Brasilien die Farben des Kontinents vertreten wird.

In Montevideo hat sich Cheftrainer Oscar Tabarez, der in seinem höflichen und souveränen Auftreten an Ex-Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld erinnert, bei Beginn seiner zweiten Amtsperiode Anfang 2006 zum Ziel gesetzt, die fußballerische Ausbildung des bevölkerungsärmsten aller südamerikanischen Staaten zu reformieren. "Es geht nicht darum nur zu trainieren. Es geht auch darum, Freude am Fußball zu haben. Fußball zu verstehen, zu spielen und alles darüber wissen zu wollen", erklärt der auch im Triumph besonnene Trainer, dessen Vertrag noch bis zur WM 2014 in Brasilien läuft.

Bei der WM 2010 in Südafrika war Uruguay bereits das beste südamerikanische Team und stellte in Diego Forlán den besten Akteur des Turniers. Nun bestätigte der Weltmeister von 1930 und 1950 diesen Erfolg auch auf dem eigenen Kontinent. "Wir haben eine Mannschaft aus Spielern, die sich blind vertrauen. Die wissen, wohin der andere läuft und in der es keine Egoisten gibt", sagte Kapitän Diego Lugano SPIEGEL ONLINE nach der Partie.

Suárez glaubte derweil schon vor seinem großen Tag in Buenos Aires an eine Zukunft des Konzeptes aus Montevideo über das Finale hinaus: "Schauen Sie sich unsere Jugendmannschaften an. Alle sind für die Weltmeisterschaften qualifiziert." Als Uruguays U17 vor zwei Wochen im Finale der WM in Mexiko dem Gastgeber vor 100.000 Zuschauern unterlag, verfolgte die Nationalmannschaft in ihrem Copa-Quartier das Spiel gebannt am Fernseher. Keiner sagte einen Ton während die Übertragung lief, nach der Niederlage gingen viele Spieler geknickt ins Bett.

Uruguays Fußball, das ist mittlerweile auch eine Weitergabe von Emotion, Wissen und Verantwortung von einer Spielergeneration an die andere. Perfekt läuft das in der Familie von Diego Forlán. Großvater Juan Carlos Corazzo gewann als Spieler und Trainer die Copa, sein Vater Pablo stemmte als Spieler die Trophäe einmal in die Höhe. Jetzt war Enkel Diego an der Reihe.

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1. Die Urus...
blurps11 25.07.2011
...sind auch im Jugendfussball wieder erfolgreich, die gegenwärtigen Leistungen sind also kein Strohfeuer und auch nicht auf eine "goldene" Generation zurückzuführen. Die Verantwortlichen im Verband scheinen dort so ziemlich alles richtig zu machen. Auf jeden Fall ein verdienter Titelgewinn, nur dem miesen kleinen Wicht Suarez gönne ich es kein bisschen. Vielleicht erklärt ihm ja in England jemand, was Fairness und Sportsmanship bedeuten. Für die Brasilianer sehe ich für 2014 allerdings schwarz. Wenn die nicht den Graben in den Köpfen der Spieler und Fans zwischen Akteuren der einheimischen Liga und den "Söldnern" in Europa überwinden, kann das nichts werden.
2. Glückwunsch
nebukadnezr 25.07.2011
Uruguay hat echt super gespielt. In der zweiten Halbzeit haben die einen Gang zurückgeschaltet und in der 90. Minute die Paraguayer ausgekontert. Falls Forlan seine Gala-Form noch zwei Jahre halten kann (er ist leider schon 32), dann sind die für mich 2014 ernsthafter anwärter für die WM 2014. Echt fantastisch wieviele talentierte Fußballer es in diesem "kleinen" Land gibt. Paraguay hatte gestern ein grottenschlechtes Zweikampfverhalten (in der zweiten Hälfte etwas besser), individuell völlig unterlegen. Aber sicherlich ein Erfolg im Finale zu stehen! Barrios kam auf jeden Fall zu spät und leider hat er auch nichts gebracht wegen der Verletzung.
3. Viva Luisito
rimaldo 25.07.2011
Zitat von blurps11...sind auch im Jugendfussball wieder erfolgreich, die gegenwärtigen Leistungen sind also kein Strohfeuer und auch nicht auf eine "goldene" Generation zurückzuführen. Die Verantwortlichen im Verband scheinen dort so ziemlich alles richtig zu machen. Auf jeden Fall ein verdienter Titelgewinn, nur dem miesen kleinen Wicht Suarez gönne ich es kein bisschen. Vielleicht erklärt ihm ja in England jemand, was Fairness und Sportsmanship bedeuten. Für die Brasilianer sehe ich für 2014 allerdings schwarz. Wenn die nicht den Graben in den Köpfen der Spieler und Fans zwischen Akteuren der einheimischen Liga und den "Söldnern" in Europa überwinden, kann das nichts werden.
Im Profifussball gibt es keinen Sportler, der nicht ebenso gehandelt hätte wie Suarez gegen Ghana. Im Finale gestern gab es eine identische Szene, aber auf Seiten Paraguays und keiner hat sich wirklich aufgeregt. Ich wäre sauer auf Suarez gewesen, wenn er damals nicht die Hand dazwischen gehalten hätte. Denn genau das ist Fussball: Emotionen und Ehrgeiz. Viel schlimmer finde ich Spieler, die ständig Fauls machen.
4. Uruguay ist ein Mächtchen
rimaldo 25.07.2011
Uruguay war auf dem amerikanischen Kontinent fast durchgehend ein gefürchteter Gegner, auch für Argentinien und Brasilien. Immerhin sind sie Rekordhalter, was die Anzahl der Copa America Siege betrifft. Jetzt haben die anderen Länder das Problem, welches Uruguay ca. zwei Jahrzehnte hatte - man konnte aus den Top-Spielern keine richtige Mannschaft machen. Neben Suarez und Forlan sind auch Cavani (Italien) und Abreu (Brasilien) Top-Scorer in ihren Ligen - auch die Defensive steht seht gut, aber was immer noch verbesserbar ist, ist das Mittelfeld - hier fehlt es an Alternativen, daher reicht es noch nicht für Gegner, wie Deutschland und Spanien.
5. Suarez
lofi, 25.07.2011
Zitat von blurps11...sind auch im Jugendfussball wieder erfolgreich, die gegenwärtigen Leistungen sind also kein Strohfeuer und auch nicht auf eine "goldene" Generation zurückzuführen. Die Verantwortlichen im Verband scheinen dort so ziemlich alles richtig zu machen. Auf jeden Fall ein verdienter Titelgewinn, nur dem miesen kleinen Wicht Suarez gönne ich es kein bisschen. Vielleicht erklärt ihm ja in England jemand, was Fairness und Sportsmanship bedeuten. Für die Brasilianer sehe ich für 2014 allerdings schwarz. Wenn die nicht den Graben in den Köpfen der Spieler und Fans zwischen Akteuren der einheimischen Liga und den "Söldnern" in Europa überwinden, kann das nichts werden.
Was werfen Sie ihm jetzt genau vor? Doch nicht etwa sein Handspiel auf der Linie gegen Ghana? Dafür gab es doch Strafen: rot für ihn und Elfmeter für Ghana. Letzten Sonntag haben viele deutsche Offizielle der japanischen Frauenmannschaft zugejubelt, und dabei sicher auch der Spielerin, die mit ihrer Notbremse in der 120. Minute das mögliche 3:2 für die USA verhindert hat. Aber Ihrer Theorie nach lernt auch die nächstes Jahr in England Fairness.
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