Endlich verständlich Ronaldos komplizierte Steuerakte

Cristiano Ronaldo soll 14,7 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Am Montag sagt der Portugiese vor einem Gericht in Madrid aus. Welche Strafe droht Ronaldo? Alle Hintergründe - einfach erklärt.

Superstar Ronaldo
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Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist eigentlich das Problem?
  2. Was wirft die Staatsanwaltschaft dem Fußballer vor?
  3. Was sagt Ronaldo persönlich zu den Vorwürfen?
  4. Welche Verteidigungsstrategie verfolgen seine Anwälte?
  5. Stimmt, was die Anwälte sagen?
  6. Wer arbeitet da eigentlich für Ronaldo?
  7. Welche Strafe droht Ronaldo?
  8. Wie geht es jetzt weiter?

1. Was ist eigentlich das Problem?

Es geht um rund 150 Millionen Euro, die Cristiano Ronaldo mit Werbung und Sponsorings verdient hat. Das "Lex Beckham", eine Ausnahme im spanischen Steuerrecht, hat die Steuerlast für ausländische Fußballstars einige Jahre lang erheblich gemindert. So musste Ronaldo von seinem normalen Einkommen bei Real Madrid, zuletzt immerhin 38 Millionen Euro im Jahr, nur etwa 25 Prozent Steuern zahlen. Auch in Bezug auf seine Werbeeinnahmen hat Ronaldo Glück: Durch seinen Sonderstatus als Portugiese in Spanien muss er dem spanischen Finanzamt von den rund 150 Millionen Euro Einnahmen aus den Jahren 2009-2014 nur einen Bruchteil anmelden: nur die Einnahmen, die er mit Werbung in Spanien verdient hat. Dennoch hat Ronaldo zu wenig bezahlt. Der Fußballer hat sechs Millionen Euro an Steuern überwiesen, das entspricht einem Steuersatz von gerade einmal 4 Prozent.

Ronaldos Werbeeinnahmen wurden über Firmenstrukturen in den Steuerparadiesen Irland und British Virgin Islands (BVI) weitergeschleust, unter anderem auf ein Schweizer Konto. Ein entscheidender Punkt ist in diesem Fall die BVI-Firma Tollin, eine Briefkastenfirma mit einem Schweizer Bankkonto. Der SPIEGEL hat sie im Dezember 2016 dank des Football-Leaks-Datensatzes gemeinsam mit Partnerredaktionen des EIC-Recherchenetzwerks aufgedeckt. 2014 hat Ronaldo seine künftigen Werbeeinnahmen für die Jahre 2015 bis 2020 für einen Fixpreis von 75 Millionen Euro an Firmen in Steueroasen verkauft, die dem singapurischen Geschäftsmann Peter Lim gehören. Ein Trick, um noch von der „Lex Beckham“ zu profitieren, die ihm im Jahr 2014 noch einen günstigen Steuersatz bescherte.

2. Was wirft die Staatsanwaltschaft dem Fußballer vor?

Die Abteilung für Wirtschaftsverbrechen der Staatsanwaltschaft Madrid hat Cristiano Ronaldo wegen Steuerbetrugs angeklagt. Er soll mithilfe des Firmenkonstrukts "freiwillig" und "bewusst" 14,7 Millionen Euro Steuern hinterzogen und seine Werbeeinahmen versteckt haben. In der Anklageschrift beschreibt die Strafbehörde, dass Ronaldo seine gesamten Bildrechte an die Firma Tollin auf den BVI abgetreten habe - und Tollin zehn Tage später dann wiederum die Bildrechte an die irische Firma MIM weitergegeben habe, damit sie die Rechte verwaltet. Das habe die vorherige Übertragung an Tollin "komplett überflüssig" gemacht, so die Ermittler. Sie habe nur dem Zweck gedient, die Bildrechteinnahmen des Angeklagten vor der Steuerbehörde zu verschleiern. Außerdem habe Ronaldo die Steuern Jahre zu spät gezahlt. Auch bei den abgetretenen Rechten an die Firmen von Peter Lim sieht die Staatsanwaltschaft Probleme.

3. Was sagt Ronaldo persönlich zu den Vorwürfen?

"Manchmal ist Schweigen die beste Antwort". Das erklärt Ronaldo auf seinem Instagram-Profil - und daran hält er sich auch. Inhaltlich hat er sich bisher nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Reportern hat er mal kurz zugerufen, er habe ein "reines Gewissen". Während des Confederations Cups in Russland vermied es Ronaldo, mit der Presse zu sprechen. So ließ er sich nur von einem Sponsor interviewen, der keine kritischen Fragen stellte - oder gab sein Statement zu einem Spiel auf dem Pressepodium ab, ließ aber keine Nachfragen zu.

Hinter den Kulissen herrscht Aufregung. So soll Ronaldo im Juni der Vereinsführung von Real Madrid sowie einigen Teamkameraden mitgeteilt haben, dass er das Land verlassen und nicht mehr für Real spielen wolle. Er fühlt sich angeblich ungerecht behandelt. Mittlerweile sind die Wogen etwas geglättet: Trotz einigen Wechselgerüchten wird Ronaldo wohl doch nach Madrid zurückkehren und weiter für die "Königlichen" spielen.

4. Welche Verteidigungsstrategie verfolgen seine Anwälte?

Gestifute, die Berateragentur des Spielervermittlers Jorge Mendes, vertritt Cristiano Ronaldo. Sie hat nach der Anzeige der Staatsanwaltschaft eine ausführliche Stellungnahme online gestellt. Darin behauptet sie, die Steueroasen-Firmen seien nicht dazu da gewesen, Steuern zu vermeiden. Wozu Ronaldo dann eine Firma auf den BVI hat gründen lassen, erklärt das Statement nicht. Weiter schreibt sie, dass Ronaldo die gleiche Firmenstruktur schon seit 2004 besitze, als er zu Manchester United wechselte. Das ist ein wichtiger Punkt, denn dann hätte Ronaldo die Struktur ja nicht extra gegründet, um in Spanien Steuern zu sparen, 2004 konnte er schließlich noch nicht wissen, dass er 2009 nach Spanien ziehen würde. Weiter betonen seine Berater, in all den Jahren seit 2004 habe er "niemals Steuerprobleme gehabt".

Das soll wohl so gelesen werden: Da sich die britischen Behörden nicht beschwert hätten, seien Ronaldos Steuerexperten davon ausgegangen, dass die Struktur in Ordnung sei. Die Sprecher des Fußballers betonen stets, Ronaldo habe keine betrügerischen Absichten gehegt. Das ist sehr wichtig für sie. Denn falls die zuständige Richterin dieser Interpretation folgt, wäre ein Deal möglich: Ronaldo müsste schlicht viel Geld nachzahlen und käme ohne Strafe davon.

5. Stimmt, was die Anwälte sagen?

Nein, jedenfalls nicht alles.

1. Gestifute behauptet, Ronaldo sei seit 2004 alleiniger Eigentümer der Firma Tollin. In Wahrheit war aber nicht Ronaldo Aktionär von Tollin, sondern ein Strohmann. Die Direktoren der Firma waren ebenfalls Strohmänner. Auf die Frage der Steuerbehörde, wem Tollin gehöre und wer die Firma leite, gaben Ronaldos Anwälte zunächst nur die Strohmänner an. Erst auf erneute Nachfrage, ob Ronaldo irgendeine Beteiligung an der Firma hätte, räumten Ronaldos Anwälte gegenüber der Steuerbehörde ein, dass Ronaldo der einzige wirtschaftlich Berechtigte sei.

2. An dem Firmengeflecht soll sich laut Gestifute seit 2004 nichts geändert haben. Das stimmt nicht, weil Ronaldo erst mit dem Wechsel zu Real Madrid alle globalen Vermarktungsrechte an Tollin übertragen hat. Das war vorher nicht der Fall, für die britischen Rechte hatte es bis dahin eine eigene Firma in Großbritannien gegeben.

3. Was Ronaldos Management in ihrem Statement verschwiegen hat: Es gab eine Stiftung namens Brockton Foundation in Panama, die 2003 von Ronaldos Mutter gegründet wurde und der Ronaldo seine weltweiten Werberechte übertragen hatte. 2004 übertrug Ronaldos Mutter seine Rechte an Tollin. Die Stiftung wurde 2016 aufgelöst.

6. Wer arbeitet da eigentlich für Ronaldo?

Um Ronaldos Werbeeinnahmen kümmern sich zahlreiche Personen. Da ist sein Anwalt Carlos Osório de Castro und sein Finanzberater Miguel Marques. Die Direktoren der Steueroasen-Firmen sind Luis Correia, Neffe von Ronaldos Spieleragent Jorge Mendes, und Andy Quinn. Sie alle arbeiten auch für Mendes und darüber hinaus für zahlreiche weitere Fußballer wie Radamel Falcao, James Rodriguez oder Fabio Coentrao. Die spanische Justiz interessiert sich inzwischen ebenfalls für die Rolle der Berater. So musste Mendes im Fall Falcao kürzlich als Verdächtiger aussagen, Luis Correia hat ebenfalls eine Vorladung erhalten.

Einer von Ronaldos Anwälten ließ verlauten, sein Klient sei „Opfer einer Ungerechtigkeit“. Werbeeinnahmen seien eine „komplizierte Materie“, so dass man bei Irrtümern nicht den Spieler, sondern die Berater zur Rechenschaft ziehen müsse. Doch Ronaldo selbst hat den Vertrag mit der Scheinfirma auf den British Virgin Islands unterschrieben. Und intern glauben selbst Ronaldos Anwälte nicht daran, wie eine Mail aus dem Football-Leaks-Datensatz zeigt. Darin heißt es: „Niemand wird glauben, dass CR7 nicht weiß, was er unterschreibt“.

7. Welche Strafe droht Ronaldo?

Experten vom Verband der Steuerexperten des spanischen Finanzministeriums (Gestha) haben öffentlich vorgerechnet, dass auf Ronaldo mindestens sieben Jahre Haft zukommen könnten. Sie zählen dafür vier Steuerdelikte auf, die Ronaldo in den Jahren 2011 bis 2014 begangen haben soll. Für das erste Vergehen könnte es ein Jahr Haft, für jedes einzelne weitere Delikt zwei bis sechs Jahre Haft geben, so die Experten. Entscheidend werden zwei Fragen sein:

1. Erkennt Ronaldo seine Vergehen an? Sollte er das tun, könnte seine Strafe auf die Hälfte reduziert werden, doch dann droht ihm immer noch Gefängnis. Die Strafe könnte auch auf ein Viertel gedrückt werden, dann könnte Ronaldo mit 21 Monaten davonkommen. Haftstrafen von unter zwei Jahren werden in Spanien bei nicht vorbestraften Personen zur Bewährung ausgesetzt. Voraussetzung für die Reduzierung der Strafe auf ein Viertel ist aber, dass Ronaldo seine Schuld anerkennt und mit den Finanzbehörden außerordentlich gut zusammenarbeitet um die Tat aufzuklären. Außerdem müsste er alle ausstehenden Steuern und Zinsen zahlen, plus mindestens 28 Millionen Euro Strafe.

2. Kommt da noch mehr? Es gibt weitere fragwürdige Vorgänge, die noch nicht Teil der Anklage sind. Darunter sind Indizien, dass Ronaldos Berater einen Vertrag rückdatiert haben könnten, um die Steuerermittler über den wahren Übertragungszeitpunkt der Bildrechte zu täuschen. Das würde Ronaldos Chancen auf einen Deal mit dem Gericht deutlich schmälern. Gestifute hat dem SPIEGEL nicht auf Fragen zur möglichen Rückdatierung geantwortet.

8. Wie geht es jetzt weiter?

Nachdem die spanische Staatsanwaltschaft Ronaldo am 13. Juni 2017 angezeigt hat, muss die zuständige Richterin innerhalb von sechs Monaten entscheiden, ob sie die Klage annimmt. Dazu wurde Ronaldo am 31. Juli in Madrid angehört. Tut die Richterin das, kann die Staatsanwaltschaft weitere Ermittlungen anstellen und der Klage zusätzliche Aspekte hinzufügen oder weitere Personen anzeigen.

Autoren: Rafael Buschmann, Christoph Henrichs, Michael Wulzinger

Dokumentation: Nicola Naber

Layout: Katja Braun, Hanz Sayami

Programmierung: Guido Grigat, Frank Kalinowski, Chris Kurt


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Palmstroem 31.07.2017
1. Wer zahlt schon gerne Steuern
Steuerrecht ist kompliziert und am Ende wird man einen Kompromiss finden. Ronaldo wird eine Teilschuld einräumen, die Steuerschuld nachzahlen (dafür von Real mehr bekommen) und dafür nur eine Bewährungsstrafe erhalten. So lief es auch schon bei Leonel Messi.
torpedo-of-truth 31.07.2017
2.
Alle sind gleich, manche jedoch gleicher. Würden wir "Normalos" Steuern hinterziehen säßen wir schon längst im Kittchen. Und bei uns würde es nicht um solch horrende Summen gehen. Warum wird an solchen Leuten nicht mal ein exempel statuiert? (Hoeness, Messi, Ronaldo, usw..) Ein bißchen "dududu, das machst du jetzt aber nicht mehr, gell?" und gut ist. Zum verrückt werden.
ro-bayer 31.07.2017
3. So einfach ist das nicht
Zitat von PalmstroemSteuerrecht ist kompliziert und am Ende wird man einen Kompromiss finden. Ronaldo wird eine Teilschuld einräumen, die Steuerschuld nachzahlen (dafür von Real mehr bekommen) und dafür nur eine Bewährungsstrafe erhalten. So lief es auch schon bei Leonel Messi.
Obwohl es auch bei Neymar ähnlich lief, oder denken wir an Hoeness. Jetzt im Wahlkampf ist einer der Oberbegriffe - die Gerechtigkeit. Auch - die Steuergerechtigkeit. Klar ist auch die deutsche Redewendung aus dem Mittelalter - "Die kleinen Diebe hängt man, die Großen läßt man laufen." Sie entschuldigen das anscheinend mit der Überschrift "Wer zahlt schon gerne Steuern?" Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter? Ist Ihnen bewußt, daß jede hinterzogene Steuermillion der sogen. Fußballstars von sehr vielen kleinen Steuerzahlern beglichen wird? Sollten Sterne uns nicht leuchten? Sollten "Stars" nicht unser Vorbild sein, mithin ehrlich und fair sich an der Gemeinschaft beteiligen? Doch - stammen diese "stars" nicht ohnehin aus einem anderen finanziellen Universum? Warum eigentlich glaubt das normale Bodenpersonal noch an sie? Mir unerschließlich. Ebenso wie die Aussage Euronaldos: "Mein Kind braucht keine Mutter, ich bin genug."
realist4 31.07.2017
4. Was soll schon passieren?
Es gibt ja genug Beipiele, er muss die Steuern nachzahlen und wird zu einer Gefängnisstrafe unter 2 Jahren verurteilt, welche in Spanien nicht vollstreckt wird. Ronaldo wird jammern, dass er völlig unschuldig ist und sein Steuerberater, Papa oder sonstwer das aus Versehen verbockt hat. Dann läuft er zu Real und verlangt zum Ausgleich eine Gehaltserhöhung.
ro-bayer 31.07.2017
5. Nicht der Papa
Zitat von realist4Es gibt ja genug Beipiele, er muss die Steuern nachzahlen und wird zu einer Gefängnisstrafe unter 2 Jahren verurteilt, welche in Spanien nicht vollstreckt wird. Ronaldo wird jammern, dass er völlig unschuldig ist und sein Steuerberater, Papa oder sonstwer das aus Versehen verbockt hat. Dann läuft er zu Real und verlangt zum Ausgleich eine Gehaltserhöhung.
sondern die sogenannten Spielerberater/-vermittler heizen, so wie es aussieht, die Geldgier - ihre eigene und die des jeweiligen Fußballers - enorm an. Im Falle von Euronaldo ist es ein Herr namens Jorge Mendes, der schon mal vom Trauzeugen CR eine griechische Insel zur Hochzeit geschenkt bekam. Im Falle des französischen Nationalspielers Pogba ist es ein Herr namens Mino Raiola, der von ca. 105 Millionen Transfersumme circa 47 Millionen selbst einstrich. Und wir - die sogenannten Fans heizen die Geldgier weiter mit an, indem wir weiterhin an diesen Sport glauben, und in ihm eine Art "Erfüllung" unserer Träume sehen. Der Erfinder von footballleaks, der whistleblower "John" liebt den Fußball. Und haßt diese raffgierigen Typen (SPIEGEL Nr. 30, S. 101). Und er sagt: "Das muß beendet werden." Recht hat er.
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