Portugals Superstar Ronaldo Der Getriebene

Cristiano Ronaldo ist mehrfacher Meister, Champions-League-Sieger, Weltfußballer. Eigentlich eine perfekt geplante Karriere. Doch ein Titel mit Portugal fehlt "CR 7" noch.

Von , Lissabon


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Um zu verstehen, was Cristiano Ronaldo für Portugal bedeutet, reicht in diesen Tagen ein kurzer Blick in die Sportzeitungen seines Heimatlandes. Wenn die portugiesische Nationalmannschaft am Abend (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) zu ihrem ersten WM-Spiel gegen Deutschland antritt, wird einzig Ronaldo auf dem Platz stehen. Könnte man meinen. Die Seiten sind voller Spekulationen und Berichte über den Gesundheits- und Gemütszustand des Superstars; Ronaldo ist das Gesicht des portugiesischen Fußballs, vielleicht sogar der ganzen Nation.

Ronaldo hatte erst beim Test gegen Irland am vergangenen Mittwoch sein Comeback nach mehrwöchiger Verletzungspause gegeben. Der 29-Jährige stand 64 Minuten auf dem Platz, schoss aber bei dem 5:1-Sieg kein Tor und ließ auch nicht erkennen, wie es um seine Form bestellt ist. Trotzdem war Portugal selig: Das Sorgenkind wird rechtzeitig zum Spiel gegen Deutschland fit!

Allein, dass er dabei sein wird, macht Fans und Mannschaft Mut. "Schon seine Präsenz ist für uns andere Spieler eine große zusätzliche Motivation", sagte der Wolfsburger Vieirinha. Ronaldo ist die Überfigur jedes Teams, für das er spielt. Sein Ziel ist es nun, die Überfigur der Weltmeisterschaft zu werden.

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Cristiano Ronaldo: Gesicht einer ganzen Nation
Denn ein internationaler Titel mit der portugiesischen Seleção fehlt ihm noch, bislang schaffte er es bei großen Turnieren mit der Nationalmannschaft nicht, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Es ist der letzte Makel in der außergewöhnlichen Karriere Ronaldos, in der von Anfang an alles auf Perfektion angelegt war.

Verspottet für seinen Akzent

Als Ronaldo mit zwölf Jahren seine Heimatinsel Madeira verließ, um sich bei Sporting Lissabon ausbilden zu lassen, tat er das mit dem Ziel, eines Tages der beste Fußballer der Welt zu werden. Nicht weniger. "Der Tag, an dem ich meine Eltern verlassen musste, war der traurigste und gleichzeitig der schönste in meinem Leben", sagte er einmal.

Dabei litt Ronaldo in der Ferne. Er hatte Heimweh, und seine Mitspieler in Lissabon verspotteten ihn wegen seines madeirischen Akzents. Er entlarvte ihn als Jungen aus der Provinz, noch dazu kam er aus einem wenig gut situierten Haus. Ronaldo schämte sich. Seine einzige Waffe gegen die Hänseleien war: der Fußball.

Verbissen übte der Teenager nach jedem Training seine Freistöße. 30, 40 Stück, so wie er es heute noch tut. "Ich werde besser sein als jeder von euch, ihr werdet es sehen", soll er einmal gesagt haben. Mit 18 Jahren bekam er einen Vertrag bei Manchester United.

Er hat seitdem zweimal die Champions League gewonnen, einmal 2008 mit Manchester und in diesem Jahr mit Real Madrid. Er ist zweimal Weltfußballer geworden, dreimal englischer und einmal spanischer Meister. Gleichzeitig nährte er sein Image als selbstverliebter, divenhafter Exzentriker, der bei Toren seiner Mitspieler nicht mitjubeln kann und seinen Kritikern begegnet mit Sätzen wie: "Sie hassen mich, weil ich hübsch, reich und ein großartiger Fußballer bin. Sie sind einfach neidisch."

Auf dem Platz kann es keine zwei Meinungen von Ronaldo geben. Er ist wohl einer der komplexesten Angreifer, die der Fußball bislang gesehen hat: stark auf dem Flügel, stark im Zentrum, zudem beidfüßig mit einer enormen Schusskraft, der Fähigkeit zu kunstvollen Dribblings und einer überdurchschnittlichen Physis ausgestattet. Der Sportler Ronaldo ist über jeden Zweifel erhaben. Der Mensch Ronaldo wird von den Fußballfans geliebt oder gehasst, dazwischen gibt es nichts.

Panzer aus Selbstbewusstsein

Ronaldo hat sich einen Panzer aus Selbstbewusstsein erarbeitet - und einen Schutzschild aus teurem Schmuck und wertvollen Autos. Mit nichts möchte er mehr an den Provinzjungen von Madeira erinnern, seine Arroganz richtet sich vor allem gegen die eigene Vergangenheit.

Ihn als Egoisten zu bezeichnen, sei aber falsch, sagt Ruben Monteiro. Er und Ronaldo kennen sich seit ihrem 13. Lebensjahr, sie spielten gemeinsam in der Jugendauswahl von Sporting Lissabon. "Ronaldo liebt viele Menschen. Und er liebt sich selbst. Das ist nichts Schlechtes", sagt Monteiro.

Ronaldo ist heute ein Star, Monteiro hingegen steht in grauer Uniform hinter dem Tresen eines Hotels in der Lissabonner Altstadt. Dass er die Koffer von Hotelgästen schleppt, während Ronaldo ein Jetset-Leben führt, stört Monteiro nicht. Ihm sei schon vor 15 Jahren klar gewesen: "Ronaldo war zu Höherem bestimmt. Das wusste er, und das wussten alle anderen. Und weil er es wusste, hat er härter an sich gearbeitet als jeder von uns."

Manchmal kommt Ronaldo nach Lissabon zu Partys seiner alten Bekannten, auch auf den Kontakt zu Sporting Lissabon legt er noch immer Wert. "Ronaldo vergisst niemanden von früher", sagt Monteiro. "Wenn wir uns treffen, dann spricht er mit allen, als seien seitdem all die Jahre und Titel nicht gewesen. Wenn jemand von uns ein Problem hat, würde Ronaldo helfen."

Monteiro kramt sein Handy aus der Hosentasche und zeigt Fotos von sich und Ronaldo: Zwei Jungs, die Fußball spielen. Er ist stolz, dass er Ronaldo kennt, das merkt man, und vielleicht ist er auch ein Fan.

Ronaldo will als Fußballer bewundert werden, nicht als Wohltäter

Trotzdem: Seine Erzählungen passen zu dem, was auch andere berichten. So betonte etwa Sami Khedira kurz nach seiner Ankunft bei Real Madrid, dass Ronaldo ihm als einer der Ersten seine Hilfe angeboten habe. Und über sein wohltätiges Engagement verliert Ronaldo selbst die wenigsten Worte.

Er möchte nicht, dass die Menschen ihn für etwas bewundern, was eigentlich nur ein Nebenprodukt seiner Arbeit ist. Stattdessen will er, als sei er noch immer zwölf Jahre alt, für seine Art des Fußballspiels geliebt werden. Und für seinen Körper.

Ohne ihn wäre Ronaldo nichts. Er ist sein Kapital, ihn pflegt er mit Hingabe. Einer, der viel vom Nachtleben der Madrider Fußballspieler mitbekommen hat, sagt: "Alle sind unterwegs: Benzema, Ramos, Pepe, und alle nicht zu knapp. Nur Ronaldo hat noch nie jemand in einem Klub oder betrunken gesehen. Er ist der perfekte Profi." Sein Leben ist komplett auf den Fußball zugeschnitten.

Man darf Ronaldo deshalb bestaunen für das, was er auf dem Platz kann. Ein bisschen kann er einem aber auch leidtun. Denn trotz aller Erfolge: Ohne einen WM-Titel würde der Getriebene nie ganz glücklich werden.



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