Ronaldos Wechsel zu Juventus Willkommen im Kollektiv

Cristiano Ronaldo heuert bei Juventus Turin an, dem Zentrum des italienischen Effizienzfußballs. Passt das zusammen? Aber ja.

Cristiano Ronaldo
RODRIGO JIMENENZ/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Cristiano Ronaldo


Stell dir vor, es ist WM, und Italien darf nicht mitspielen, zu schwach für die Qualifikation. Dennoch zieht es Gianluigi Buffon, den ewigen Kapitän der Azzurri, zu Paris St. Germain. Acht Millionen Euro im Jahr zahlt PSG dem 40-Jährigen, dem sein bisheriger Arbeitgeber Juventus statt dem Stammplatz im Tor lieber eine Lehrlingsstelle im Management angeboten hatte.

Und kaum hat Buffon in Paris sein erstes Training absolviert, da wird in Turin ein sensationeller Neuzugang verkündet: Cristiano Ronaldo verlässt nach neun Jahren Real Madrid, um fortan für Juventus zu spielen. Einer der besten Fußballer der Welt - viele halten ihn schlicht für den größten - zieht ausgerechnet nach Italien. In eine Liga, deren letzter großer internationaler Erfolg auf das Jahr 2010 datiert, als Inter Mailand die Champions League gewann.

Juventus gelang das zuletzt 1996, damals kickte Cristiano Ronaldo noch in der Jugendmannschaft von Funchal auf seiner Heimatinsel Madeira - bevor er in die weite Welt auszog, um mit Manchester United und Real Madrid fünf Mal die wichtigste Klubtrophäe Europas zu holen. Am Hofe des Real-Patrons Florentino Perez, unter Trainern wie José Mourinho, Carlo Ancelotti und Zinedine Zidane, reifte der exzentrische Portugiese allmählich zu CR7, einer Weltmarke, die alle anderen überstrahlt. Er häufte Trophäen und persönliche Auszeichnungen, beförderte nebenbei auch noch Portugal zur Europameisterschaft, mit seinen Toren, seiner überragenden taktischen Intelligenz, seiner Hingabe.

Und nun das: Von den außerirdischen Galacticos ins Piemont, zu den Preußen Italiens.

Zum Schnäppchenpreis von 105 Millionen Euro, ein Bein von Neymar hat PSG schon mehr gekostet. Der schillerndste, genialste, aber auch umstrittenste Fußballstar unserer Zeit bei den Ballarbeitern des Autokonzerns Fiat, den Erfindern und Hohepriestern des grauen, italienischen Effizienzfußballs.

Der Weltmann Cristiano Ronaldo in Turin, einer Provinzstadt, die zwar das zweitgrößte Ägyptische Museum nach Kairo aufzubieten hat, deren Nachtleben bösen Zungen zufolge aber sogar die Mumien verschmähen würden. Sicher, es gibt die fantastische Piemonteser Küche mit ihren duftenden Braten und eleganten Fleischravioli, ganz zu schweigen von Weinen wie Barolo und Barbaresco. Doch das wird den berüchtigten Asketen CR7 kaum interessieren, über den sein ehemaliger Teamkollege Patrice Evra kürzlich spottete: "Wenn Cristiano euch zum Abendessen einlädt, sagt lieber nein."

In Madrid spielte er mit Sergio Ramos, Marcelo, Carvajal, mit Toni Kroos und Luca Modric, mit Isco, Bale und Benzema. Bei Juve warten Giorgio Chiellini, der neue Kapitän, ein Verteidiger der alten Schule, hart im Nehmen wie im Geben, mit einem Master in Business Administration, aber ohne die Grandezza von Bad Boy Ramos.

Und dann wären da der Oldie Andrea Barzagli und der junge Daniele Rugani nebst Mehdi Benatia. Im Mittelfeld zieht Sami Khedira seine Kreise, der auch in Russland wieder bewiesen hat, dass man ihn nicht mit Toni Kroos verwechseln kann.

Weiter gibt es allerdings auch den bosnischen Ballstreichler Miralem Pjanic, den energischen Brasilianer Douglas Costa und den talentierten Argentinier Paulo Dybala. Juan Cuadrado wird Ronaldo sein Trikot mit der Nummer 7 abtreten, Mario Mandzukic sein Wasserträger in der Offensive sein. Und Gonzalo Higuain wird wahrscheinlich gehen müssen. Vor zwei Jahren hat der Argentinier 90 Millionen Euro gekostet, gerade mal 15 weniger als Cristiano Ronaldo.

Fotostrecke

18  Bilder
Cristiano Ronaldo: Die Karriere des Weltfußballers

Kein Zweifel, die Truppe in Turin ist Lichtjahre enfernt von den Außerirdischen in Madrid. Nicht von ungefähr hat Real Juventus im Champions-League-Finale 2017 mit 4:1 gedemütigt und in der vergangenen Saison im Viertelfinale aus dem Wettbewerb geworfen, diesmal allerdings mit Müh und Not sowie der Hilfe des Schiedsrichters und in buchstäblich letzter Minute.

Dennoch irrt, wer Juventus für einen langweiligen Werksverein hält.

Der italienische Rekordmeister (gerade wurde der siebte Meistertitel in Serie geholt) ist nicht zu vergleichen mit Bayer Leverkusen oder dem VfL Wolfsburg, auch wenn nach wie vor Fiat, mittlerweile zu FCA (Fiat Chrysler Automobiles) geworden, hinter dem Klub steht. Sicher, Juve steht für Disziplin. Die drei S für Semplicità, Serietà und Sobrietà (Einfachheit, Ernsthaftigkeit, Zurückhaltung) prägen den stile Juve, den besonderen Juventus-Stil, bis heute. Die Mannschaft bildet ein Kollektiv, genau wie die Arbeiter in den Automobilwerken, das ist die Idee.

Juve-Fans mit neuen Trikots
AFP

Juve-Fans mit neuen Trikots

Tatsächlich scheinen die 30 Millionen Euro, die Juventus Cristiano Ronaldo als Jahresnettogehalt anbietet, nicht zur sprichwörtlichen Nüchternheit der Eignerfamilie zu passen. 30 Millionen netto machen 60 Millionen brutto, es ist irrwitzig viel Geld. Aber die Agnelli können rechnen - und Ronaldo ist nicht einfach nur ein Spieler, er ist ein Kronjuwel, der die Marke Juve weltweit strahlen und noch wertvoller werden lässt.

Verglichen mit Juventus-Präsident Andrea Agnelli, 42, ist Florentino Perez nicht mehr als ein neureicher Parvenü. Die Agnelli gelten als heimliche Königsfamilie Italiens, versippt mit dem europäischen Hochadel, international erzogen in der typischen Mischung aus Drill und Luxus, der einmal die oberen Zehntausend im alten Europa ausmachte.

Andrea Agnelli
DPA

Andrea Agnelli

Seit 1923 gehört ihnen Juventus, ein einsamer Rekord in der schnelllebigen Welt eines Sports, wo sich russische Oligarchen, arabische Scheichs und neuerdings auch chinesische Investoren Traditionsvereine aneignen. Vor Andrea Agnelli waren sein Großvater, sein Onkel Gianni (der legendäre "Avvocato" und Fiat-Patriarch) sowie sein Vater Umberto Juventus-Präsidenten. Allesamt waren sie fußballverrückt.

Großvater Edoardo holte in den Dreißigerjahren ein halbes Dutzend sündhaft teure Profis aus Südamerika, die in Turin ihre Nachtklubs betrieben und dort bis in den Morgengrauen Tangoweisen auf der Geige spielten. Onkel Gianni schwärmte für den Franzosen Michel Platini und verpasste Alessandro Del Piero den Spitznamen "Pinturicchio", weil er in seinen Augen so schön spielte wie der gleichnamige Renaissancemaler malte. Der amtierende Agnelli hat im Stadion stets eine grauhaarige elegante Dame an seiner Seite: Allegra Caracciolo di Castagneto, eine Fürstin aus altem Geschlecht, Nichte des Filmregisseurs Luchino Visconti - und Andrea Agnellis Mutter. Noblesse oblige. Bei Juve gibt es keine Bierduschen, sondern nur Champagner.

Turin
AP

Turin

Juventus ist Familiensache. Der Präsident lebt in Turin, erscheint zwei- bis dreimal in der Woche beim Training, ist bei jedem Heimspiel dabei. Zur Familie gehört auch Massimiliano Allegri, der Trainer, Sohn eines Hafenarbeiters aus Livorno, ein bodenständiger, hoch intelligenter Mann, dessen Arbeitsmotto lautet: "Ein Trainer spielt nicht selbst, kann aber bei seinen Spielern großen Schaden anrichten." Allegri ist ein Pragmatiker, der große Techniker verehrt, aber das Spiel lesen kann wie kaum ein zweiter. Seine intuitiven Auswechslungen sind in Italien legendär.

Am Dienstag flog Präsident Agnelli nach Griechenland und besuchte Cristiano Ronaldo an seinem Urlaubsort. Soviel Wertschätzung, ja Verehrung vom Spross einer der prominentesten Familien Europas mögen den Star überzeugt haben.

Fotostrecke

10  Bilder
Ronaldo, Neymar, Pogba: Das sind die teuersten Spieler der Welt

Und so wird Cristiano Ronaldo im August, bei der Saisoneröffnung in Villar Perosa, mit von der Partie sein, wenn Juventus auf dem Dorfplatz eines kleinen Ortes im Piemont vor 5000 Tifosi gegen die eigene Jugendmannschaft spielt. Aus Villar Perosa stammen die Agnelli, sie haben das Match in ihrem Dorf erfunden.

Traditionell dürfen die Fans zu Beginn der zweiten Halbzeit das Spielfeld stürmen und ihre Idole bis auf die Unterwäsche entkleiden. Man kann sich denken, welches Trikot in diesem Sommer die bevorzugte Reliquie sein wird. Cristiano Ronaldo, der größte Star der globalen Unterhaltungsindustrie Fußball, wird am eigenen Leib erfahren, in welchem Verein er gelandet ist: Von den Außerirdischen mitten im Leben, wo die eigenen Fans einen noch richtig anfassen dürfen.

insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HCL 10.07.2018
1. Schade
Da geht nun CR7 und Lewa steht noch nicht einmal auf der Wunschliste. Waere doch zu schoen gewesen, wenn er bei Bayern Platz fuer etwas Neues gemacht haette
poetnix 10.07.2018
2. Pervers
Verdient eine Vorstandsworsitzender z.B. 10 Mio p.a. und ist verantwotlich für 100 000 Arbeitsplätze, rechnen wir in den Medien nach, wieviel des Mehrfachen eines Normalverdienstes es ist. Ein guter Baltreter verdient zwischen 8 bis 20 Mio. p.a. und mehr. Für wieviel Arbeitsplätze ist der eigentlich verantwortlich ? Wir meken schon nicht mehr, wie unverhältnismäßig und pervers diese Relationen sind. Wir wollen es nicht bemerken !
dfh 10.07.2018
3.
Glückwunsch Real Madrid. Für den gealterten Egomanen und Narzisst lässt sich bestimmt Ersatz finden.
ziehenimbein 10.07.2018
4. Toller Artikel!
Sehr, sehr schön geschrieben!
FX922 11.07.2018
5. Bitte den
Kollegen Buschmann dran erinnern, diesen Transfer in seinem neuen Buch zu durchleuchten... Danke!!!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.