Dänemark und Frankreich im Achtelfinale Mehr Risiko? "Wir wären dumm gewesen"

Dänemark mauert sich zu einem Remis. Gegner Frankreich ist ebenfalls zufrieden und schont viele Stammspieler. Im Achtelfinale wird sich zeigen, ob der Plan von Didier Deschamps aufgeht.

Die Partie Dänemark gegen Frankreich
REUTERS

Die Partie Dänemark gegen Frankreich

Aus Moskau berichtet


Es lief die 77. Minute zwischen Dänemark und Frankreich, und der eingewechselte Kasper Dolberg bekam auf der rechten Seite eine vielversprechende Chance für einen Konter. Doch Dolberg brach ab, Sekunden später wurde der Ball wieder aufreizend lässig in der dänischen Viererkette hin- und hergeschoben.

Spätestens jetzt war jedem Zuschauer im Luschniki-Stadion klar, dass an diesem sonnigen Nachmittag keine Tore fallen werden.

Was folgte waren lautstarke Pfiffe, vor allem aus dem französischen Lager, "Olé"- Rufe von der dänischen Seite und ein frühzeitiger Abschied vieler neutraler Fans. Sie sahen das erste torlose Spiel dieser Weltmeisterschaft - es war zwischenzeitlich geradezu einschläfernd. Frankreich hatte zwar 11:4-Torschüsse und war auch sonst in allen Belangen überlegen, wirklich gefährlich wurde es aber nur beim Schuss des eingewechselten Nabil Fekir ans Außennetz (82. Minute).

Erst zum vierten Mal überhaupt in der K.-o.-Phase einer WM

Dänemarks Trainer Åge Hareide war trotzdem glücklich, immerhin hat es sein Team erstmals seit 2002 wieder ins Achtelfinale geschafft. "Wir brauchten einen Punkt und wir wären dumm gewesen, wenn wir offener gespielt hätten", sagte Hareide. Wer Dänemark für die gewählte Taktik kritisiert, hat nicht begriffen, wie selten dieses kleine Land solche Erfolge bei großen Turnieren feiert. Danish Dynamite steht erst zum vierten Mal überhaupt in der K.-o.-Phase einer WM.

"Wir wollten in der Defensive kompakt stehen, weil Frankreich bei Kontern sehr stark ist", sagte Hareide: "Deshalb habe ich die Startelf gewechselt." Dabei wurde der ehemalige Mönchengladbacher Andreas Christensen zum Schlüsselspieler, er rückte von der Innenverteidigung ins defensive Mittelfeld und agierte in der Rückwärtsbewegung oft in die Abwehr, um Frankreichs Gegenstöße zu verhindern. "Ich kann mir Christensen auch in Zukunft auf dieser Position vorstellen", sagte Hareide mit Blick Richtung Achtelfinale.

Ein Fan feiert Dänemarks Achtelfinaleinzug
AFP

Ein Fan feiert Dänemarks Achtelfinaleinzug

Frankreichs Trainer Didier Deschamps machte ebenfalls einen zufriedenen Eindruck. "Wir haben unser Ziel erreicht", sagte der Weltmeister von 1998: "Es war kein aufregendes Spiel, weil Dänemark mit dem Unentschieden zufrieden war, und wir wollten auch kein Risiko eingehen."

Deschamps hatte seine Startelf gegenüber dem 1:0-Sieg gegen Peru auf sechs Positionen verändert. Kapitän Hugo Lloris blieb ebenso auf der Bank wie Kylian Mbappé, der Stuttgarter Benjamin Pavard, Samuel Umtiti und die mit Gelb belasteten Blaise Matuidi und Paul Pogba. Corentin Tolisso war bereits im ersten Spiel verwarnt worden, und so bot der Trainer mit Steve Mandanda, Presnel Kimpembe, Steven N'Zonzi, Djibril Sidibé, Thomas Lemar und Ousmane Dembelé eine Mannschaft auf, die so noch nie zusammengespielt hat.

Griezmann wird zum Suchenden

Das merkte man der Équipe Tricolore trotz der optischen Überlegenheit auch über weite Strecken an. Antoine Griezmann, einer der wenigen übriggebliebenen Stammspieler, war um eine Struktur im französischen Spiel bemüht, doch seine Ideen fanden keine Umsetzer. Frankreich verpasste es, sich nach dem schwachen Auftakt gegen Australien und dem zum Teil ebenfalls recht holprigen Spiel gegen Peru, weiteres Selbstvertrauen zu erarbeiten - was laut Deschamps aber auch gar nicht nötig sei.

"Die K.-o.-Phase ist ein neuer Start ins Turnier", sagte der 49-Jährige. "Es ist wichtig, im Achtelfinale wieder frische Spieler zur Verfügung zu haben. Es ist doch ein Vorteil, wenn unser Achtelfinalgegner im letzten Gruppenspiel keine Spieler schonen kann." So wissen auch alle Ersatzspieler, woran sie sind. Am Samstag in Kasan gegen Argentinien (16 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) werden Mbappé, Pogba und all die anderen wieder zurückkehren. Das Risiko des fehlenden Spielrhythmus' ist Deschamps ganz bewusst eingegangen.

Hareide und Deschamps haben keine Rücksicht auf die 78.011 Zuschauer im Moskauer Stadion genommen, das müssen sie aber auch nicht.



insgesamt 4 Beiträge
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Pelao 26.06.2018
1. Ich erinnere mich da noch ...
... an ein Spiel 1982 in Gijón ... da waren die Kommentare nicht so wohlmeinend ... erwartet man eigentlich nur von der eigenen Mannschaft, dass sie sich bei jedem Spiel zerreißt ???
BettyB. 27.06.2018
2. Schon lustig
Sportreporter, die nicht wissen, dass Spieler sich selbst beim Training ernsthaft verletzen können, wundern sich dann natürlich über eine gelungene Zurückhaltung von Spielern in Spielen, in denen beiden Mannschaften sich für das Weiterkommen nicht mehr anstrengen müssen. Warum die ARD aber solche Reporter beschäftigt, bleibt wirklich ein Rätsel...
RalfHenrichs 27.06.2018
3. Ein Skandalspiel
Die Schande von Gijon hat ihre Schwester in der Schande von Luschniki gefunden. Als Fussballfan kann man nur hoffen, dass Argentinien und Kroatien ins Viertelfinale einziehen. Wenn die französischen und dänischen Fussballfans mehr Gespür für den Sport als für Nationalismus haben, sollten sie ihre Mannschaften im Achtelfinale auspfeifen.
fccopper 27.06.2018
4. So etwas
nennt man Nichtangriffspakt. Gebt den Zuschauern ihr Geld zurück. Beide fliegen im Achtelfinale raus, so "Gott" will. Schande für den Fußball, das Zusehen tat weh.
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