Daniel Stendel in Barnsley Ein Fußball-Märchen der Moderne

Daniel Stendel war in Hannover nicht besonders erfolgreich. Seit dieser Saison ist er Trainer in der dritten englischen Liga. Wie konnte es dazu kommen? Eine Geschichte aus dem modernen Fußball.

Der FC Barnsley im Oakwell
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Der FC Barnsley im Oakwell

Aus Barnsley berichtet


Das Stadion des englischen Drittligisten FC Barnsley, das Oakwell, ist ein Traum für Fußball-Romantiker. Es liegt nur ein paar Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt, verfügt über Flutlichtmasten, die aussehen wie Giraffen aus Stahl, die Sitze der Haupttribüne sind aus Holz, Eisenpfeiler schränken die Sicht ein. Die Stimme des Stadionsprechers klingt durch die Lautsprecherboxen so, als würde er von einer Raumstation mit den Zuschauern Kontakt aufnehmen.

In der Saison 1997/1998 war das Oakwell der Schauplatz eines Märchens: Barnsley spielte in der Premier League, mit dem Deutschen Lars Leese im Tor. Nun aber, 20 Jahre später, stellt Barnsley eher die Bühne für eine Geschichte aus dem modernen Fußball.

Es ist eine Geschichte über Klubbesitzer aus China und den USA, über Daten und Statistiken, natürlich auch über Geld - beziehungsweise: über fehlendes Geld - und darüber, wie man denjenigen Trainer findet, der am besten zum Verein passt. Mittendrin ist erneut: ein Deutscher.

Daniel Stendel als Trainer von 96 (Archivbild)
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Daniel Stendel als Trainer von 96 (Archivbild)

Daniel Stendel hat sich zurückgelehnt auf seinem Stuhl im Trainerbüro im Oakwell. Der 44-Jährige gesteht, dass er ziemlich erstaunt war, als der FC Barnsley um Pfingsten dieses Jahres Kontakt zu ihm aufnahm: "Im ersten Moment dachte ich: 'Wie, die wollen mich haben? Warum kommen die auf mich?'" Eine gute Frage.

Stendel hat im Nachwuchs von Hannover 96 gearbeitet und wurde dann in der Schlussphase der Saison 2015/2016 zum Trainer der Profis befördert - als der Abstieg aus der Bundesliga schon so gut wie feststand. Der Coach verlor seinen Job in der darauffolgenden Spielzeit, weil der Verein den von Klubchef Martin Kind als "alternativlos" eingestuften Wiederaufstieg in Gefahr sah.

Der Abstieg in die Zweitklassigkeit war nicht Stendels Schuld und als er entlassen wurde, war Hannover gerade Tabellenvierter der 2. Bundesliga. Das kann man fragwürdig finden. Doch fest steht, dass er in seiner Zeit als Profi-Trainer nicht besonders erfolgreich war.

Gegenpressing als wichtigste Anforderung an den Trainer

Barnsley ist auf ihn aufmerksam geworden, weil dem Verein bei der Suche nach einem neuen Trainer der Spielstil wichtiger war als ein beeindruckender Lebenslauf. Und wegen Billy Beane.

Anfang der 2000er Jahre brachte der ehemalige Baseball-Profi die Oakland Athletics als General Manager sensationell in die Playoffs der Major League Baseball. Den Nachteil, dass der Klub nicht viel Geld hatte, glich Beane dadurch aus, dass er bei der Rekrutierung neuer Profis auf innovative Statistiken und Daten-Analysen setzte. Seitdem gilt er als Revolutionär des Baseballs. 2011 kam seine Geschichte unter dem Titel "Moneyball" ins Kino, die Hauptrolle spielte Brad Pitt.

Ende des vergangenen Jahres übernahm eine Gruppe internationaler Investoren, die von dem chinesischen Unternehmer Chien Lee angeführt wird, den FC Barnsley. Auch Beane gehört der Gruppe an. Seine Herangehensweise hat eine wichtige Rolle bei der Trainersuche gespielt.

Der entscheidende Gedanke: Weil der Verein nicht das Geld hat, um teure Spieler zu verpflichten, ist die Spielweise besonders wichtig. Bevor sich der Klub mit Namen beschäftigte, legte er fest, für welchen Stil der neuen Mann stehen sollte: für Mut und Risiko, für hohe Intensität und Gegenpressing. Maßgebliches Kriterium für die Trainersuche war angeblich die Zeit, die nötig war, um nach einem Ballverlust den Ball zurückzuerobern.

Englisch als Sprachbarriere, das Ungewisse als Chance

Auf diesen Grundlagen identifizierte der FC Barnsley mehrere Kandidaten. "Der Verein hatte eine längere Liste mit den besten Pressing-Trainern erstellt. Auf dieser Liste stand ich sehr weit oben. Ich glaube, auf Platz zwei", sagt Stendel. Nach zwei Gesprächen, einem in London und einem in Hamburg, hatte sich der Klub für ihn entschieden.

Stendel selbst war sich allerdings noch unsicher, auch wegen der Sprachbarriere. Er wurde in der DDR geboren, in Frankfurt an der Oder, hatte zwar Englisch in der Schule gelernt, doch die Sprache kam im Alltag kaum zur Anwendung. Immerhin: Im vergangenen Jahr hatte er Englisch-Unterricht an einer Privatschule. Und er machte ein Praktikum beim FC Arsenal, das über Per Mertesacker zustande gekommen war - Stendels ehemaligen Mitspieler.

Dem Trainer war klar, dass das wenig ist, um vor einer Mannschaft seine Ideen zu erklären oder Pressekonferenzen zu geben. Doch das Vertrauen des Klubs beeindruckte ihn: "Der Verein war überzeugt von mir und wollte mich unbedingt haben. Und das Projekt war reizvoll für mich. Also habe ich zugesagt", sagt er. Den Schritt ins Ungewisse begreift er auch als Chance, um Neues zu lernen und noch offener zu werden.

Das Oakwell
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Das Oakwell

Stendels Einstand ist gelungen. Nach sieben Spielen in der dritten Liga, der League One, ist der Zweitliga-Absteiger Barnsley noch ungeschlagen. So gut ist der Klub zuletzt vor 72 Jahren gestartet. Die Fans sprechen davon, dass der Fußball der beste seit langer Zeit ist. Die Hoffnungen sind groß, dass die Mannschaft den direkten Wiederaufstieg schafft.

Auf dem Platz ist schon viel von dem zu sehen, weshalb Stendel in Barnsley gelandet ist. Seine Mannschaft attackiert den Gegner früh und sucht bei Ballgewinn den direkten Weg zum Tor. Die Partie am vergangenen Wochenende gegen den FC Walsall hätte Barnsley souverän gewinnen müssen, bekam allerdings einen Elfmeter zugesprochen und vergab beste Chancen, am Ende stand es 1:1. "Das ist im Moment ein bisschen ärgerlich. Aber natürlich sind wir mit unserem Saisonstart zufrieden", sagte Stendel bei der Pressekonferenz, die eher ein Stuhlkreis mit fünf, sechs Journalisten war.

Er hielt die Veranstaltung auf Englisch ab. Nur ab und zu musste sein Co-Trainer beim Übersetzen helfen.



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