Bayern-Sieg in Mönchengladbach: Dantes Inferno
Erst das Elfmeterschießen brachte die Entscheidung. Im DFB-Pokal-Halbfinale unterlag Mönchengladbach den Bayern nur knapp. Zufrieden sind danach trotzdem alle - bis auf Gladbachs Verteidiger Dante. Der patzte vom Punkt und ließ so Erinnerungen an Lothar Matthäus aufleben.
Lucien Favre sah nicht aus wie ein Verlierer. Der 54 Jahre alte Trainer witzelte mit dem Pressesprecher und spazierte lächelnd aus dem Pressekonferenzsaal des Borussia-Parks. Seiner Mannschaft hatte er zuvor "eine gute Leistung" attestiert, sich über 52 Prozent Ballbesitz in der ersten Halbzeit gefreut ("Das war schon nicht schlecht gegen Bayern") und gesagt: "Der Traum vom Finale ist vorbei. Wir können es nicht ändern."
Nach dem 2:4 nach Elfmeterschießen gegen den FC Bayern ist Borussia Mönchengladbach im Halbfinale des DFB-Pokals ausgeschieden. Es wird nichts werden mit dem ersten Pokalsieg seit 1995. Auch das Kunststück, den Rekordmeister dreimal in einer Saison zu besiegen - bislang schaffte das nur Eintracht Frankfurt - gelang nicht.
Das ist bitter, aber angesichts des Zustandekommens der Niederlage waren die Gladbacher am Ende eher stolz als traurig. "Die Jungs brauchen sich nicht zu grämen. Sie haben Deutschland und der Welt gezeigt, dass sie mit den Bayern mithalten können", sagte Sportdirektor Max Eberl.
Nerlinger: "Ein Spiel auf Augenhöhe"
Nach dem 1:0 im Bundesliga-Hinspiel und dem 3:1 im Rückspiel hatte es die Favre-Elf erneut geschafft, die Bayern in die Bredouille zu bringen. 20:1-Tore waren den Münchnern in den jüngsten drei Spielen gelungen. Angesichts dieser Leistungsexplosion war nicht unbedingt zu erwarten, dass Gladbach lange erfolgreich Widerstand leisten könnte.
Aber das Mönchengladbach der Saison 2011/2012 hat mit dem der Vorjahre nichts zu tun. "Das war ein Spiel auf Augenhöhe. Man kann gratulieren, was hier entstanden ist", sagte Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger: "Das ist höchstes Niveau."
Ein Mann konnte sich darüber nicht freuen: Gladbachs Dante Bonfim Costa Santos, kurz Dante. Der 28 Jahre alte Brasilianer hatte seine Mitspieler vor dem Elfmeterschießen lautstark angefeuert. Dann legte sich der Innenverteidiger den Ball vor dem dritten Elfmeter in aller Ruhe auf den Punkt, lief an - und jagte den Ball weit über die Querlatte. "Wie Lothar Matthäus", murmelten die Gladbach-Anhänger auf der Tribüne und schüttelten den Kopf.
Der Rekordnationalspieler hatte den Ball im Pokalfinale 1984 zwischen Gladbach und Bayern (7:8 nach Elfmeterschießen) ebenfalls über das Tor geschossen. Damals spielte Matthäus noch für die Borussia, sein Wechsel zum Rekordmeister stand aber bereits fest. Auch Dantes Abschied in Richtung München gilt als sicher.
Hoeneß hätte Dante nicht schießen lassen
Weil der Norweger Håvard Nordtveit einen weiteren Elfmeter verschoss, verließen die Gastgeber als Verlierer den Platz. Dante verschwand wortlos in der Kabine. "Ich hätte ihn nicht schießen lassen. Das war vielleicht eine nicht sehr kluge Entscheidung", sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Seine Worte lassen darauf schließen, dass Dante tatsächlich kommt, wenn auch eine offizielle Bestätigung noch aussteht. "Wenn es etwas zu vermelden gibt, wird der Vorstand dies tun", so Hoeneß.
Dass Dantes Abgang Gladbach weh tut, wurde trotz des verschossenen Elfmeters deutlich. Der Abwehrspieler gehört in Sachen Kopfballspiel, Zweikampfstärke und Spielaufbau zu den Besten der Liga. Bayern-Stürmer Mario Gomez kam nur selten vorbei, seine Auswechslung gegen Ivica Olic kann man als Kapitulation vor Dante und dessen Nebenmann Martin Stranzl verstehen.
Wäre der Gegner am Mittwochabend erneut Hertha BSC gewesen, Gomez hätte wohl schon in der Anfangsphase wieder getroffen, und es hätte am Ende wieder 6:0 stehen können. Denn die Bayern spielten gut, aber die Gladbacher waren ein ebenbürtiger Gegner.
Jantschkes Glanzpartie gegen Ribéry
Am besten lässt sich das wohl an der Darbietung von Tony Jantschke festmachen. Der erst 21 Jahre alte Rechtsverteidiger hatte keine geringere Aufgabe, als Bayerns Flügelspieler Franck Ribéry auszuschalten. Der Franzose ist so etwas wie die Personifikation des Münchner Aufschwungs, zuletzt so dribbelstark und flink wie in seinen besten Zeiten.
Dann kam U21-Nationalspieler Jantschke, und Ribéry blieb über 120 Minuten blass. Der Gladbacher versuchte nicht, seinen Gegenspieler mit hektischen, aggressiven Aktionen vom Ball zu trennen, er bewahrte die Ruhe und griff in den richtigen Augenblicken an.
So wie Jantschke gestern spielte, könnte auch er einer für die Bayern sein - oder für die rechte Seite der Nationalmannschaft. Die Mannschaft von Jupp Heynckes kann derzeit keinen hochklassigen Rechtsverteidiger aufbieten, wenn Kapitän Philipp Lahm auf links spielt. Und für Bundestrainer Joachim Löw gilt dasselbe.
Dem Vernehmen nach gibt es bislang aber keine Bemühungen, Jantschke an die Isar zu holen. Dann doch lieber Dante, dem die Bayern nach seinem Elfmeter-Fehlschuss schließlich endgültig zu großem Dank verpflichtet sind.
Lothar Matthäus hatte am Mittwoch übrigens Geburtstag.
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