Brasilien-Verteidiger Dante "Du musst jeden Tag 500 Löwen in dir töten"

Lange irrte er durch Fußball-Europa, jetzt steht er im brasilianischen WM-Kader. Bayerns Dante verkörpert beides: gute Laune und eisenharte Abwehrarbeit. Das Magazin "11FREUNDE" zeigt, warum er für das ganz große Glück Geduld braucht - wieder einmal.

Brasiliens Dante (l.), Hulk: "Ich war nie der Beste"
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Brasiliens Dante (l.), Hulk: "Ich war nie der Beste"


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Das Werbefernsehen hat schon so manchen Prominenten zu Stilblüten verleitet. Aber dass Dante sich von einem Elektronik-Händler nötigen ließ, mit Spielzeugtrommel und Trillerpfeife Karneval zwischen tristen Verkaufsregalen zu feiern, ist schon ein bizarres Stück TV-Geschichte.

Dante gibt aber gerne den stimmungsvollen Brasilianer. Bei der Triple-Feier im vergangenen Jahr etwa schickte er ein Video mit einem selbst gedichteten Lied anlässlich des Pokalgewinns. Auch sein Verein FC Bayern geht auf dieses Image ein: Die Nachricht zu Dantes Vertragsverlängerung wurde mit den Worten eingeleitet: "Beim FC Bayern gibt's weiterhin Samba."

Es ist schon ein bemerkenswertes Bild für einen kompromisslosen Innenverteidiger, der sich bei Bedarf nicht zu schade ist, auch die linke Abwehrseite zu beackern. Der Fußballer Dante reiht sich in eine große Tradition: Schließlich waren es - abgesehen von Giovane Elber und Paulo Sergio - selten brasilianische Feingeister, die in der Bundesliga spielten, sondern meist Defensivkräfte mit preußischem Arbeitsethos: Jorginho, Lucio, Dunga, Júlio César, Dede, der späte Zé Roberto. Kampfschweine, aber auch Grübler.

Charmebolzen mit Hendrix-Mähne

Einen Spieler mit dem Charisma des Dante Bonfim Costa Santos fand man in diesem Reigen aus opferbereiten Soldaten bislang nicht. "Auf dem Platz ist er ein Deutscher", lobt Jupp Heynckes, "außerhalb Brasilianer."

Unter der Anleitung des Trainerveterans spielte sich Dante ab 2012 in die Stammelf des FC Bayern, wobei er zunächst von einer Verletzung David Alabas profitierte und später langfristig den Rekonvaleszenten Holger Badstuber ersetzte. Gleich in seiner ersten Bayern-Spielzeit gewann er alle denkbaren Titel. Und mit seiner tragenden Rolle beim Triple drangen seine Qualitäten nun auch zu Seleçao-Boss Luiz Felipe Scolari durch, der ihn Anfang 2013 im biblischen Alter von 29 Jahren in den Kader berief.

Die Disziplin, die sich der Charmebolzen mit der Hendrix-Mähne beruflich auferlegt, sind Folge einer Karriere, die lange von Zurücksetzung geprägt war. Es ist kein Geheimnis, dass Dante - den sie daheim "Daaantsch" aussprechen - nicht über das Talent seiner begnadeten Landsleute verfügt, die schon in jungen Jahren von Weltklubs umgarnt werden.

"Du musst jeden Tag 500 Löwen in dir töten"

Als sich auf dem Bolzplatz die Kumpels vorm Tor des Gegners drängten, um mit ihrer Ballfertigkeit zu prahlen, stellte er sich klaglos hinten rein. Dante wurde bewusst, dass er mehr leisten musste als die Kollegen und ihn nie der direkte Weg an sein Ziel führen würde. Sein Vater, ein Kunstrestaurator, der die Familie verließ, als Dante gerade zwei Jahre alt war, gab ihm mit auf den Weg: "Du musst jeden Tag 500 Löwen in dir töten."

Anfangs reichte es noch, uneitel hinten die Drecksarbeit zu machen, im weiteren Verlauf seiner Karriere brauchte er dann weit mehr Durchhaltevermögen. Dante wuchs in einem Armenviertel von Salvador de Bahia auf. Seine Mutter, eine Verkäuferin, brachte die Familie mit 150 Euro im Monat über die Runden. Mit 15 wurde der Jungkicker von einem Auto angefahren und verletzte sich am Knie. Sein Klub, der EC Galícia, ließ ihn fallen. Für die medizinische Versorgung kam ein Onkel auf, der den vorübergehend Vereinslosen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus am Strand von Salvador trainierte.

Als Dante mit 20 zum OSC Lille nach Europa aufbrach, führte er schon länger das Leben eines Vagabunden. In Brasilien war er von einem Klub zum nächsten verschoben worden. Als er in Frankreich von Verletzungen geplagt wurde und keine Einsätze bekam, flüchtete er in die belgische Provinz. Bei Charleroi konnte er vielleicht nicht auf hohem Niveau spielen, aber wenigstens konnte er sich präsentieren.

"Ich war nie der Beste, nicht der Talentierteste", schreibt Dante in seiner Biografie, "aber ich konnte mich quälen." Sein Weg führte ihn schließlich zu Standard Lüttich, wo er in Coach Michel Preud'homme einen Förderer fand, der ihn für höhere Aufgaben schliff. Bald darauf erkannte Gladbachs Coach Hans Meyer im Brasilianer das Allheilmittel für die Defensivschwächen der abstiegsbedrohten Borussia.

Der Wechsel in die Bundesliga eröffnete Dante - mittlerweile 26 - nach unsteten Jahren erstmals die Möglichkeit, eine Karriereplanung vorzunehmen. Er avancierte zur Symbolfigur der Unabsteigbarkeit und zum Trendsetter in Sachen Fan-Perücken. Als 2012 der FC Bayern die festgeschriebene Ablöse von 4,7 Millionen Euro hinlegte, war er zunächst als Ersatz für die intakte Abwehr des Rekordmeisters gedacht. Für Dante jedoch war der Transfer die Chance, sich einen langgehegten Traum zu erfüllen: die Berufung in die Nationalelf.

Erst in der Fußballweltstadt München rückte er in den Fokus der Seleçao-Verantwortlichen. Der Rest ist Geschichte. Mit seiner Berufung in den WM-Kader ist Dante nun am Ziel seiner Träume. Auch wenn er beim Turnier in der Heimat wieder aus der altbekannten Rolle des Hinterbänklers operiert: Beim Eröffnungsspiel gegen Kroatien spielte er keine Minute. Gut möglich, dass er auch weiterhin Zaungast bleibt und nur den Ehrenpreis für die größte Stimmungskanone im Kader abräumt. In der Defensive hat Brasiliens Nationalcoach mit Dani Alves, Maicon, Marcelo, Thiago Silva, Maxwell und David Luiz die ganz große Auswahl. Da braucht er Geduld. Aber das kennt er ja schon.



insgesamt 7 Beiträge
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mcvitus 17.06.2014
1. Gibt's in Brasilien Löwen? (natürlich nicht).
Und warum denn gleich täglich 500 davon? Das wären im Jahr rund 175 000 Tiere. Marzialischer Vergleich, möglicherweise durch zu viele Kopfbälle ausgelöst.
ge1234 17.06.2014
2. ..
Er soll ja auch nicht täglich 500 Löwen in Brasilien töten, sondern 500 Löwen im Brasilianer! :-)
nono79 17.06.2014
3.
Ze Roberto ein Kampfschwein??? Ich glaube der Autor kennt Ze Roberto gar nicht.
abcd2009 17.06.2014
4. Emerson...
...war auch so eine Granate im defensiven Mittelfeld von Leverkusen, die man nicht vergessen sollte.
fushnix 17.06.2014
5. Sympathischer Kerl...
Die Überschrift ist vielleicht ein bischen reißerisch, aber ansonsten ganz guter Artikel. In der Tripplesaison hat Dante wirklich fantastisch gespielt. Aber die letzte Spielzeit war nicht unbedingt seine beste. Trotzdem hat er sich die WM-Teilnahme verdient. Denn in diesem Artikel wurde eine Aussage von Don Jupp zitiert, die ziemlich ins Schwarze trifft: Auf dem Platz ein Deutscher, neben dem Platz ein Brasilianer. Und was für einer! Ich sehe ihn jetzt schon in 10 Jahren als Teilnehmer bei Let's Dance oder Jurymitglied bei einer Castingshow. Und das meine ich als Kompliment. Denn es macht Spaß, diesem Typen zu zu schauen.
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