FBI-Ermittlungen: Kronzeuge der Fußball-Korruption

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Funktionär Daryan Warner: Kronzeuge bei Ermittlungen von FBI und IRS

Bei ihren Ermittlungen gegen die Fußball-Konföderation von Nordamerika und der Karibik haben FBI und US-Bundessteuerbehörde IRS einen prominenten Kronzeugen gewonnen: Daryan Warner, Sohn des langjährigen Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner. Wird nun das Korruptionssystem des Fußball-Weltverbandes aus den Angeln gehoben?

Der Mann, der das Reich der Fifa bedrohen könnte, wird bereits seit Dezember 2011 in Miami festgehalten: Daryan Warner. Gegen den Sohn des langjährigen Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner wird unter anderem wegen Geldwäsche ermittelt. Das bestätigten Quellen aus der US-Justiz der Nachrichtenagentur Reuters. Ein Sprecher Jack Warners, derzeit Minister für Nationale Sicherheit in Trinidad & Tobago, erklärte, die Familie werde sich dazu nicht äußern.

Daryan Warner war zwei Jahrzehnte lang eine Art Bürochef seines Vaters Jack, er hat mutmaßlich Finanztransaktionen abgewickelt und spielte die zentrale Rolle im weltumspannenden Geschäft der Warners mit Tickets von Fußball-Weltmeisterschaften und anderen Mega-Events. Dies geht aus einem Bericht der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young hervor, den die Fifa einst unter Verschluss halten wollte.

Ausgangspunkt für die Ermittlungen von FBI und IRS sind Vorgänge in der Concacaf, der Fußball-Konföderation von Nordamerika und der Karibik. Dort herrschte zwei Jahrzehnte der langjährige Fifa-Vizepräsident Jack Warner und häufte ein immenses Vermögen an. Nationalverbände aus der Karibik mussten gemäß einer Verbandsregelung teilweise ein Drittel ihrer Zuwendungen aus dem Finanzprogramm der Fifa an Warner abzweigen. Die Fifa zahlt seit 1999 jedem der inzwischen 209 Nationalverbände jährlich 250.000 US-Dollar, hinzu kamen zwei Bonuszahlungen in gleicher Höhe.

Die aktuellen Ermittlungen der FBI-Experten gegen das so genannte "Eurasische Organisierte Verbrechen" und die Kronzeugenschaft von Warner könnten einen Domino-Effekt im Fifa-System auslösen. Denn Warner war stets einer der wichtigsten Stimmenbeschaffer für den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter. Die 35 Stimmen aus der Karibik und Nordamerika waren Blatter bei Fifa-Wahlen sicher.

Chelsea-Boss Roman Abramowitsch vom FBI vernommen

Andererseits ist bekannt, dass Blatter und die Fifa-Administration im Umfeld des amerikanischen Justizsystems bestens vernetzt sind. So arbeitete der langjährige FBI-Direktor Louis Freeh, der inzwischen eine mit ehemaligen FBI- und CIA-Leuten besetzte internationale Detektei führt, bereits für die Fifa.

Im Visier von FBI und IRS sind seit einiger Zeit auch die dubiosen Vorgänge rund um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar, ein Werk Blatters. Wann immer auf dunklen Kanälen mit US-Dollars gedealt und bestochen wird, können FBI und IRS agieren: in den USA sowieso, international über Amtshilfeersuchen und andere Kooperationen mit Justizorganen.

Vor wenigen Tagen soll in den USA der Milliardär Roman Abramowitsch vernommen worden sein. Abramowitsch, Besitzer des Champions-League-Siegers FC Chelsea, hält sich derzeit in New York auf, seine Frau erwartet ein Kind. Abramowitschs Anwälte dementierten gegenüber russischen Medien lediglich, dass der Öl-Magnat festgehalten worden sei, nicht aber das Interview mit den FBI-Agenten. Die russische WM-Bewerbung hatte Abramowitsch auf Geheiß des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen russischen Präsidenten Wladimir Putin tatkräftig unterstützt.

Blazer soll mehr als 20 Millionen Dollar kassiert haben

Verstrickt in die Vorfälle ist auch Warners Partner und Concacaf-Generalsekretär Chuck Blazer, der noch immer dem Fifa-Exekutivkomitee angehört. Warner und Blazer regierten die Concacaf aus Büros im New Yorker Trump Tower. Blazer hat sich auf Marketingverträge, die er für die Concacaf aushandelte, zehn Prozent Provision auf Konten bei der Barclays Bank auf den Cayman Islands und der First Caribbean International Bank auf den Bahamas gezahlt. 9,6 Millionen Dollar sind dokumentiert.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll Blazer insgesamt sogar mehr als 20 Millionen kassiert haben. Blazer erklärte Reuters, er könne sich auf Anraten seiner Anwälte zu den FBI- und IRS-Ermittlungen nicht äußern. Angeblich soll er, wie Daryan Warner, ebenfalls auf eine Kronzeugenregelung hoffen. Den Fall Blazer enthüllte im Sommer 2011 der englische Investigativreporter Andrew Jennings.

Es gab zahlreiche andere nebulöse Transaktionen in der Concacaf. So hat Warner von der Fifa für die symbolische Summe von einem US-Dollar die TV-Vermarktungsrechte an etlichen WM-Turnieren erhalten.

Jack Warner hat über viele Jahre auch seine Frau und neben seinem ältesten Sohn Daryan auch den jüngeren Sohn Daryl in sein Korruptionssystem einbezogen. Ob WM-Tickets, WM-Fernsehrechte, Spielertransfers - es gab kaum einen Bereich, in dem Warner nicht in großem Stil abzockte. Im Juni 2011 trat er unter großem öffentlichen Druck aus dem Fifa-Exekutivkomitee zurück und versprach mehrfach einen Tsunami an Enthüllungen, der die Fifa zerstören werde. Letztlich aber hat er geschwiegen, wohl weil er seine fürstliche Fifa-Pensionen und seine politische Karriere nicht gefährden wollte.

Wohin die Ermittlungen von FBI und IRS nun führen können, ist offen. Die Geschichte kennt spektakuläre IRS-Fälle: Der Großgangster Al Capone wurde einst wegen Steuerhinterziehung verurteilt - und nicht wegen der vielen Auftragsmorde.

Auch im Sportbusiness haben IRS-Recherchen Spuren hinterlassen: So wurde der größte Dopingskandal in der Geschichte des US-Sports aufgedeckt, das System des kalifornischen Dopinglabors Balco, das Stars in vielen Sportarten, etwa den Baseballer Barry Bonds und die Leichtathletin Marion Jones, mit Designerdrogen versorgte. Jones musste 2007 wegen Meineids ins Gefängnis und verlor als Doperin alle Olympiasiege und Weltmeistertitel, die sie ab dem Jahr 2000 errungen hatte. Blatter & Co. könnten ganz andere Dinge verlieren.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Nein!
derandersdenkende 28.03.2013
Zitat von sysopBei ihren Ermittlungen gegen die Fifa haben FBI und US-Bundessteuerbehörde IRS einen prominenten Kronzeugen gewonnen: Daryan Warner, Sohn des langjährigen Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner. Wird nun endlich das Korruptionssystem des Fußball-Weltverbandes aus den Angeln gehoben? http://www.spiegel.de/sport/fussball/daryan-warner-will-fbi-kronzeuge-werden-a-891505.html
Das Korruptionssystem wird nicht aus den Angeln gehoben. Dazu wurde es viel zulange gepflegt und diente u.a. auch zum Aufbau und den Erhalt der vorhandenen Machtstrukturen. Es wird wie beim Doping sein. Man wird geeignete Opfer suchen und sich auf sie stürzen. Man setzt auf Aktionismus und die Protegiers bleiben außen vor.
2. Gibt es auf unserem Globus irgendein Gebiet...
lanoia 28.03.2013
´...auf dem nicht belogen und betrogen wird. Wie zur Zeit der französischen Revolution müßte das ganze Gesocks aus ihren Palästen geprügelt werden.
3. Sport und Geschäft
espressodupio 29.03.2013
Auf der einen Seite ist der Sport, den wir alle lieben. Auf der anderen Seite sind die, die mit und an unserem Sport sich bereichern, anstatt für ihn zu arbeiten. Die FIFA wird eben nicht anders geführt, als von somanchem selbstherrlichen Vereinsvorstand, der meint: Der Verein, das bin ICH.
4. Gerechtigkeit
ogniflow 29.03.2013
Das System Blatter: Jeder Karibik- oder Pazifikstaat mit 200 organisierten Fußballern erhält bei einem FIFA-Kongress eine Stimme, genau wie der DFB ( mit 6,8 Millionen Mitgliedern ). Die stimmen dann schon für 100.000 Dollar für Katar und Blatter. Perverses System.
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