Vom Fußball-Profi zum Pornostar Le Cock Sportif

Seine erste Karriere als Fußballer endete in der zweiten belgischen Liga, die zweite machte ihn weltbekannt - als Porno-Star. Das Magazin "11FREUNDE" über Jonathan de Falco, der zu Stany Falcone wurde.

Jonathan de Falco: Seine zweite Karriere machte er als Stany Falcone
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Jonathan de Falco: Seine zweite Karriere machte er als Stany Falcone


Als Stany Falcone noch Jonathan de Falco hieß, war er ein Fußballstar. Ein kleiner jedenfalls. Er spielte in der zweiten belgischen Liga, war Außenverteidiger und konnte so schnell rennen wie David Odonkor. Einmal, als er in einem Pokalspiel Sporting Charlerois Stürmer Orlando ausschaltete, saß die belgische Fußballlegende Marc Degryse auf der Tribüne. "Wer ist dieser Spieler?", fragte er. Sein Sitznachbar antwortete voller Stolz: "Das ist Jonathan! Jonathan de Falco! Ein Kumpel von mir!"

Diesem Jonathan de Falco ging es damals nicht gut, und als der Kumpel ihm später vom begeisterten Degryse erzählte, stockte de Falco der Atem. Was hatte er da gesagt: ein Kumpel? Ein Freund? Mein Freund?

Die ganze Sache war viel zu riskant geworden. Jeder Blick, jede Berührung, jeder Satz auf der Tribüne - alles konnte missverstanden werden, alles konnte ihn verraten. Nur: Was war denn überhaupt sein Geheimnis?

De Falco wusste ja selbst nicht mal, wer er war und was er wollte. Eine Zeit lang lebte er mit einer Frau zusammen, er mochte sie, doch in seinen Träumen schlief er mit Männern. Es fühlte sich falsch an.

Wie Jonathan de Falco zu Stany Falcone wurde

Das ist die eine Geschichte. Sie ist gerade mal sechs Jahre her, doch sie erscheint heute wie aus einem anderen Leben: der geradezu ängstliche Jonathan de Falco, ein Fußballer, der werden wollte wie Enzo Scifo. Und ein Junge, der nicht wusste, wohin mit sich und seinen sexuellen Phantasien.

Die andere Geschichte handelt von einem Mann, der einer der bekanntesten Pornodarsteller der Welt wurde: Stany Falcone.

Ende Dezember 2013 steht Jonathan de Falco auf der Terrasse einer Brüsseler Gay-Sauna direkt hinter dem Zuid-Bahnhof. Hier, im "Club 3000", gibt es keine Geheimnisse.

Am Eingang serviert ein großer schwarzer Mann Cocktails. Er trägt nichts als eine Fliege und eine weiße Ivan-Lendl-Tennishose. Hinter ihm plätschert ein Whirlpool, Schatten huschen durch die Gänge, und Männer lugen aus Privaträumen, für die sie fünf Euro extra gezahlt haben. In der ersten Etage befindet sich der Clubbereich, ein DJ legt House und Progressive auf. An der Bar steht ein 120-Kilo-Koloss im Stringtanga, auf dem Tresen eine Schüssel mit Kondomen.

Eine Etage höher das Kino, gedimmtes Licht, zwei Männer im Publikum, beide nackt, einer hat den Penis des anderen im Mund. Alles kann, nichts muss.

Jonathan de Falco, 29, Fünf-Tage-Bart - kurzes braunes Haar, Brillantstecker in den Ohrläppchen, dazu Polo-Shirt, Anzughose, Lederschuhe - ist Veranstalter dieser Party. Er spricht leise, fast nach innen. Er wirkt manchmal noch wie der schüchterne Junge von damals, dabei gilt er hier als internationaler Top-Star, für den einige Fans aus Frankreich oder Deutschland angereist sind.

Er mag nun mal Sex. So einfach ist das

Von der Terrasse schweift der Blick über die Dächer Brüssels, im Sommer könnte man ewig hier sitzen. De Falco hat in dieser Gegend lange über sein Coming-out nachgedacht. Er kannte die tragische Geschichte des schwulen Fußballers Justin Fashanu, den man im Mai 1998, acht Jahre nach seinem Coming-out, erhängt in einer Garage im Londoner East End fand. Er hatte viele Wochen und Monate überlegt, was passieren würde, wenn die Medien erführen, dass ein ehemaliger Fußballprofi nun Pornos drehte, Schwulenpornos.

Würde es nicht all die homophoben Hetzer bestätigen? Typen, die glauben, dass jeder Homosexuelle sich die Hose runterreißt, sobald er vor einem gutgebauten Mann steht? Die ihn behandeln würden wie einen Kranken? Andererseits: Er mag nun mal Sex. So einfach ist das. "Das ist doch nicht unnormal, oder?"

Natürlich nicht. Und trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob es normal ist, dass aus einem schüchternen Zweitligafußballer ein international bekannter Pornostar wurde.

Für die Antwort muss man zurückgehen an einen Tag im Frühjahr 2010, sagt de Falco. Ein Tag, der ihn in den darauffolgenden Wochen an den Rand der Verzweiflung bringt, doch am Ende auch innehalten lässt. Ein Tag, ohne den er sich vermutlich nie öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hätte und ohne den er heute immer noch in der zweiten belgischen Liga spielen würde.

Er trainiert damals mit seinem Team KSV Sottegem. Bei einem Kopfballduell verletzt er sich so schwer, dass er einige Minuten am Boden liegen bleibt. Er spielt weiter, Tage, Wochen, doch die Stirn pocht unaufhörlich.

De Falco weiß, dass seine Profikarriere zu Ende ist

Eines Morgens, knapp einen Monat später, wacht er auf und ist auf dem rechten Auge blind. Er schleppt sich zur Apotheke, und dort schickt man ihn sofort ins Krankenhaus, Notoperation, die Iris ist gerissen, sie muss genäht werden. Die Kosten muss er selbst tragen, die Verletzung wird nicht als Arbeitsunfall gewertet, weil die Ursache dafür zu lange zurückliegt. De Falco ist am Ende, finanziell und seelisch.

Er weiß, dass seine Profikarriere zu Ende ist. Monatelang kämpft er mit einer schweren Depression und der Überlegung, alles zu beenden, sein Leben und somit auch die Qual, nicht zu wissen, wo er hingehört - zu den Männern im Milieu oder zu den Frauen, die ihn manchmal fragen, ob er nicht der bekannte Fußballer sei.

Es sind die Wochen, in denen er beginnt, sein inneres Durcheinander zu ordnen und sein Leben aufzurollen. Von Anfang an.

An diesem Anfang steht ein Brüsseler Vorstadtghetto, Tubize, eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Hochhaus, labyrinthartige Flure, tobende Kinder, der Geruch von exotischem Essen, die Idee, Koch zu werden, der Scout, der ihn 2004 zum Zweitligisten Oud-Heverlee Leuven locken will, der Vater, der ihn und die drei Geschwister verlassen hat, die alleinerziehende Mutter, die fragt: "Was willst du werden: Koch oder Fußballer?"

Er geht nach Leuven und spielt gegen Clubs, die er früher toll fand, den einstigen Europapokalsieger KV Mechelen oder den mehrmaligen belgischen Meister RFC Antwerpen. De Falco ist technisch zwar nicht der beste Fußballer, doch wenn er mal einen Ball verliert, dann rennt er 50 Meter hinter dem Gegner her, um ihn zurückzuerobern. Er bekommt 1800 Euro pro Monat plus ein paar Prämien, lebt in einer schicken Wohnung, hat eine Freundin, alles wunderbar.

"Warum hast du nie etwas gesagt?"

Doch schon damals beginnt ein Leben voller innerer Zwiespälte. Abends sitzt er oft allein zu Hause und wird von einem unbekannten Gefühl geplagt. Irgendwann geht die Beziehung in die Brüche, und de Falco schlendert häufiger durch das nahe Brüssel. Oft enden die Spaziergänge im Schwulenviertel. Irgendwas zieht ihn dorthin, etwas, für das er noch keinen Namen hat.

In Leuven freundet er sich mit Thierry Berghmans an. Der Torwart ist zwölf Jahre älter als er und wird eine Art Mentor für den jungen Profi. De Falco fragt sich, ob er dem Keeper Dinge erzählen soll, die er noch niemandem erzählt hat. Jahre später will Berghmans wissen: "Warum hast du nie etwas gesagt?" De Falco antwortet: "Ich konnte nicht mal daran denken."

Als er das erste Mal mit einem Mann schläft, fühlt er sich dreckig. Die Pornokarriere beginnt wenige Monate nach dem Unfall. De Falco wechselt noch einmal, dieses Mal als Stand-by-Profi zu Racing Mechelen. Er braucht dringend Geld. Der Club weiß von seiner Augenverletzung, glaubt aber an ein Comeback des Verteidigers. Doch De Falco macht kein einziges Spiel für Racing. Es geht jetzt nur noch ums Überleben und darum, irgendeinen Plan B zu entwerfen.

Weil er aber nichts gelernt hat außer dem Fußballspielen, landet er irgendwann wieder bei seinen Freunden im Milieu. Immerhin kann er nun andere Erfahrungen machen, Schlüsselerlebnisse, er trifft Männer, die aussehen wie er: behaarte Brust, kräftiger Körper, dunkle Stimme, keine Discoboys, keine Boy Georges. De Falco fühlt sich zum ersten Mal nicht wie ein Fremder.

In jenen Tagen, Ende 2010, trifft er den belgischen Journalisten David Monami auf der "Le You", einer der populärsten Gay-Partys in Belgien. "Er erzählte, dass es für ihn ein großes Risiko sei, zu der Party zu kommen", sagt Monami. "Ich spürte, dass er immer noch nicht so richtig zu seinen Gefühlen stand."

Der Journalist drückt ihm einen Zettel mit seiner Nummer in die Hand, und De Falco lächelt. Wer ist dieser Mann? Ein Journalist? Wird er etwas erzählen?

Eines Tages bekommt der Ex-Profi mit, wie in einem Hinterzimmer ein Porno gedreht wird. Es ist eine neue Welt, bis dahin hat er in seinem Leben vielleicht fünf Minuten Porno gesehen. "Interessiert?", fragt der Produzent, und de Falco denkt darüber nach. Vielleicht kann er sich selbst als Marke aufbauen. Er schreibt einen Namen auf ein Papier: Stany Falcone. Das klingt aufregend, denkt er, wie ein Mafia-Jäger und wie die Latino-Variante seines Nachnamens. Stany: auch super, weil er den Namen Stanislaw als Kind so mochte. Jonathan de Falco ist 26 Jahre alt, als er seine Fußballkarriere beendet und zu Stany Falcone wird.

Die Brüder streiten drei Wochen - dann sprechen sie sich aus

Für die erste Szene gibt es 100 Euro, und plötzlich treten Emotionen an die Oberfläche, die er nicht gekannt hat. Er fühlt sich schwerelos. "Es war, als explodiere mein Körper", sagt er. "Ich wusste, wenn ich alles ausspreche, könnte ich endlich ausleben, wofür ich mich immer geschämt hatte."

Kurze Zeit später ruft der Journalist Monami an und sagt: "Ich weiß Bescheid. Du bist nun bereit für ein Coming-out. Darf ich das erste Interview mit dir machen?"

Nach der Veröffentlichung in dem Szenemagazin "Labels" im Frühjahr 2011 geht alles ganz schnell. In den kommenden Wochen schmückt sein Gesicht die Titelseiten der Boulevardpresse. Seiner Mutter hatte er bereits 2009 angedeutet, dass er glaube, schwul zu sein, doch die Sache mit den Pornos bereitet ihm noch Kopfzerbrechen. Einmal hat er versucht, die Geschwister vorzuwarnen. Scheinbar beiläufig blätterte er zu Hause in einem Männer-Erotikmagazin und sagte: "Vielleicht seht ihr mich ja auch mal so."

Nun legt ein Arbeitskollege dem Bruder eine Zeitung auf den Tisch und fragt: "Ist das nicht Jonathan?" Die Brüder streiten drei Wochen, bevor sie sich aussprechen. Und auch die Mutter sagt: "Mach das, was du für richtig hältst."

Belgien, das Land mit dem homosexuellen Premierminister Elio Di Rupo, hat nun auch einen schwulen Ex-Fußballer - der zudem Pornostar ist. Jonathan de Falco dreht als Stany Falcone in den nächsten zwei Jahren 20 Filme. Mit manchen verdient er über 1000 Euro. Er gewinnt Preise, zum Beispiel 2011 als "Newcomer" bei den "HustlaBall Awards" in Berlin. Er wird von Produktionsfirmen in Frankreich oder den USA gebucht, steht auf roten Teppichen und bekommt E-Mails von Männern, die fragen: "Möchtest du meinen Penis so lutschen wie in den Videos?"

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere steigt er aus. Die Marke "Stany Falcone" ist groß genug, um in anderen Geschäftsbereichen aktiv zu werden, hofft er.

Jonathan de Falco, Stany Falcone, Ex-Fußballer, Ex-Pornostar, sieht sich heute als Geschäftsmann. Er verdient sein Geld mit den Partys, er hat ein Massagestudio und verkauft seine Kollektion. Mit Fußball hat er nichts mehr zu tun. Nur sein alter Kumpel Thierry Berghmans schreibt manchmal Nachrichten über Facebook. "Gestern hat Anderlecht gespielt." Gewonnen? "2:0 gegen Waasland-Beveren."



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insgesamt 7 Beiträge
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licorne 19.04.2014
1. Le cock sportif?
na, wenn das nicht mal Probleme gibt! Sonst liest sich der Beitrag wie ein Erlebnisaufsatz eines 15 - jährigen.
vonkoesten 19.04.2014
2. Toll!
Zitat von sysopimago Seine erste Karriere als Fußballer endete in der zweiten belgischen Liga, die zweite machte ihn weltbekannt - als Porno-Star. Das Magazin "11FREUNDE" über Jonathan de Falco, der zu Stany Falcone wurde. http://www.spiegel.de/sport/fussball/das-fussball-magazin-11freunde-ueber-porno-star-stany-falcone-a-964935.html
"...Er hat in 2 Jahren 20 Filme gemacht, mit manchen hat er 1.000 Euro verdient..." - da isser ja jetzt reich. Habt Ihr vielleicht noch eine aufregende Story von einer Escort-Tussy, die jetzt erfolgreich ein Nagelstudio...?
fragless80 19.04.2014
3. traurig
die ganze Geschichte, über so was wird in einem "seriösem" Medium berichtet...
crunchy_frog 19.04.2014
4.
Sehr bewegend und gut geschrieben.
kjartan75 19.04.2014
5.
Zitat von fragless80die ganze Geschichte, über so was wird in einem "seriösem" Medium berichtet...
Die Frage wäre, ob so ein Spruch auch dann kommen würde, handelte es sich um einen heterosexuellen deutschen Profifußballer?
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