Revolution im Fußball: Weg frei für die Torlinientechnik

Tor oder kein Tor? Diese Frage darf im Fußball künftig mit technischer Hilfe beantwortet werden, das haben die Regelhüter vom Ifab beschlossen. Es ist eine wegweisende Entscheidung - doch sie wirft viele Fragen auf.

Englands Terry: Tor zählte nach Rettungsversuch hinter der Linie nicht Zur Großansicht
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Englands Terry: Tor zählte nach Rettungsversuch hinter der Linie nicht

Hamburg - Es ist eine Revolution im Welt-Fußball: Die Mitglieder des International Football Association Board (Ifab) haben sich in Zürich für die Einführung der Torlinientechnologie ausgesprochen. Damit haben die Regelhüter den Weg für technische Hilfsmittel freigemacht, mit denen zweifelsfrei festgestellt werden soll, ob ein Ball im Tor war oder nicht.

Allerdings soll dies vorerst nur für die Club-Weltmeisterschaft im Dezember in Japan, den Confederations Cup 2013 und die WM 2014 in Brasilien gelten. Über eine Einführung in den nationalen Verbänden - wie der deutschen Bundesliga - wurde nicht entschieden. "Zu den deutschen Verbänden kann ich nichts sagen. Der Ball liegt bei ihnen", sagte Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke. Nach Angaben englischer Verbandsvertreter könnte die Technik noch in der kommenden Premier-League-Saison eingeführt werden.

So ist die Entscheidung der Ifab-Mitglieder erst einmal eine grundsätzliche Positionierung für die Torlinientechnologie. Dabei gibt es derzeit zwei Systeme, die als zuverlässig gelten: Hawk-Eye (Torkamera) und GoalRef (Chip im Ball).

Die erste Variante ist bekannt aus dem Profi-Tennis. Sie arbeitet mit Kameras, die um das Spielfeld positioniert sind und die Spielsituation erfassen. Der Schiedsrichter wird durch eine Vibration informiert, sobald der Ball hinter der Linie ist. Das System mit dem Chip im Ball basiert auf einem Magnetfeld, das man sich wie einen unsichtbareren Vorhang im Tor vorstellen kann. Passiert der Ball die Torlinie (also den Vorhang), wird dem Schiedsrichter ein Funksignal auf dessen Uhr übermittelt.

Sieg von Fifa-Boss Blatter über Uefa-Chef Platini

Die Einführung der Torlinientechnologie ist auch ein Erfolg von Fifa-Präsident Joseph Blatter über Uefa-Boss Michel Platini. Blatter war früher ein Gegner der Technik, begründete seine Haltung im März 2010 mit zu hohen Kosten, wandelte sich nach der WM 2010 in Südafrika aber plötzlich in einen vehementen Befürworter.

Damals hatte England im Achtelfinale gegen Deutschland einen klaren Treffer erzielt, der nicht gegeben wurde. Nach dem "Torklau von Donezk" beim EM-Gruppenspiel zwischen der Ukraine und England im Juni dieses Jahres hatte der Weltverbands-Chef via Twitter mitgeteilt, die Torlinientechnologie sei "eine Notwendigkeit".

Dem steht Platini gegenüber, der wiederholt sagte: "Ich bin nicht nur gegen Torlinientechnologie, sondern gegen Technologie an sich." Der Franzose setzt auf die Torrichter, von denen jeweils einer auf Höhe der Torlinie steht. Platini blieb auch nach der umstrittenen EM-Partie bei seiner Meinung, als der Torrichter nicht erkannt hatte, dass der Ball klar hinter der Linie gewesen war.

Im März 2008 hatte sich das Ifab für die Einführung von Torrichtern in der Europa-League-Saison 2009/2010 und gegen eine elektronische Torüberwachung ausgesprochen. Damals galt die Technik als noch nicht ausgereift und wurde in den vergangenen vier Jahren weiterentwickelt.

In Deutschland hatten sich die Erst- und Zweitliga-Schiedsrichter bereits im Juli 2010 gegen die Torrichterregelung und für den Chip im Ball ausgesprochen. Auch ein Großteil der Bundesliga-Funktionäre hatte sich im Vorfeld für die Einführung der Torlinientechnologie ausgesprochen. Borussia Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke sagte hingegen: "Ich befürchte nach der Torlinientechnik kommen die Rufe nach der Technik für Abseitssituationen."

ham/sid/dpa

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1. ...
juxeii 05.07.2012
Zitat von sysopREUTERSTor oder kein Tor? Diese Frage darf im Fußball künftig mit technischer Hilfe beantwortet werden. In Zürich haben sich die Regelhüter für die grundsätzliche Einführung der Torlinientechnologie ausgesprochen. Es ist eine wegweisende Entscheidung, doch sie wirft viele Fragen auf. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,842725,00.html
Endlich ein Sieg über die Sturheit! Wer ernsthaft gegen den Chip im Ball ist, der sollte auch dafür sein Linienrichter abzuschaffen, denn beide soll(t)en ja die Objektivität erhöhen. Und warum über Kosten reden? Wer wie Platini 100 Schiris auf dem Platz sehen will, der sollte diese Personalkosten mit den Technikkosten leicht aufrechnen können.
2.
MartinB. 05.07.2012
Ja bitte - als nächstes eine technische Lösung für die Abseitsfrage! Eigentlich müßte es die als erstes geben, denn fragwürdige Abseitsentscheidungen gibt es in wirklich *jedem* Spiel...
3. Ist doch logisch
karl08 05.07.2012
Zitat von sysopREUTERSTor oder kein Tor? Diese Frage darf im Fußball künftig mit technischer Hilfe beantwortet werden. In Zürich haben sich die Regelhüter für die grundsätzliche Einführung der Torlinientechnologie ausgesprochen. Es ist eine wegweisende Entscheidung, doch sie wirft viele Fragen auf. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,842725,00.html
Wieso ist es unklar, wer die Kosten trägt? Der Steuerzahler, der auch die Kosten der Polizeieinsätze bei Fußballspielen zu tragen hat.
4. Endlich
Bundeskanzler20XX 05.07.2012
Zitat von sysopREUTERSTor oder kein Tor? Diese Frage darf im Fußball künftig mit technischer Hilfe beantwortet werden. In Zürich haben sich die Regelhüter für die grundsätzliche Einführung der Torlinientechnologie ausgesprochen. Es ist eine wegweisende Entscheidung, doch sie wirft viele Fragen auf. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,842725,00.html
Ein klarer Sieg für Fairnis und Gerechtigkeit im Fußball. Leute die Fehlentscheidungen toll finden können ja in Zukunft die Spiele aus der Kreisklasse besuchen.
5.
multi_io 05.07.2012
Folgende Situation: Der Ball fliegt aufs Tor zu, genau auf der Linie steht ein Verteidiger. Der Ball prallt an die Hand des Verteidigers, von dort auf seinen Fuß, von dort aus dem Tor hinaus. Das Gerät zeigt an, dass der Ball hinter der Linie war. Aber es zeigt nicht an, wann er hinter der Linie war (zumindest dann, wenn es nur ein Chip ist, ohne Kamera). Wenn der Ball vor dem Berühren der Hand die Linie überquert hat, ist es ein reguläres Tor. Wenn er auf dem Weg von der Hand zum Fuß die Linie überquert hat, ist es kein Tor, statt dessen Handelfmeter.
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