Neuer Bayern-Coach Guardiola: Der Mann, der Fußball lesen kann

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Es ist die spektakulärste Verpflichtung der Bundesliga-Geschichte: Pep Guardiola wird zur neuen Saison Coach des FC Bayern München. Was zeichnet den Trainer aus, der mit Barcelona vierzehn Titel in vier Jahren gewann? Es sind die großen Ideen vom perfekten Fußball.

dapd

Anonymität ist nicht ganz leicht, wenn man der begehrteste Fußballtrainer der Welt ist. Umso mehr hat Josep "Pep" Guardiola die vergangenen Monate genossen. Er lebte mit seiner Frau und den drei Kindern in New York, versuchte Abstand vom Fußball zu bekommen. In den USA nahmen sie Notiz von Guardiola, mehr nicht, in Europa war er fast täglich Thema in den Medien. Die Spekulationen, wo der Spanier neuer Trainer wird, grenzten mitunter an Absurdität. Nun steht fest: Er wird ab der kommenden Saison Coach des FC Bayern München.

"Wir freuen uns sehr, dass es uns gelungen ist, Pep Guardiola, der von vielen namhaften Clubs umworben und kontaktiert wurde, für den FC Bayern zu gewinnen", sagte Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Aber wer ist dieser Trainer, hinter dem nahezu alle europäischen Top-Vereine her waren? Wo kommt er her, was hat er erreicht, wie tickt er?

"Guardiola kann ein Spiel lesen. Er kann während der Partie taktisch umschalten." Diese beiden Sätze stammen von Louis van Gaal, der von 1997 bis 2000 Guardiolas Trainer beim FC Barcelona war, und sie beschreiben exakt, was für ein Fußball-Typ der neue Bayern-Trainer ist. Ein Analytiker, der das Spiel als taktische Aufgabe begreift.

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Pep Guardiola: Erst Barça, bald Bayern
Mit 13 Jahren entdeckten die Barça-Scouts Guardiola in der katalanischen Provinz. Fortan wurde er in La Masia ausgebildet, der Jugendakademie des FC Barcelona. Über die zweite Mannschaft schaffte er es zu den Profis, gab im Dezember 1990 im Alter von 19 Jahren sein Debüt in der Primera División. Sein Trainer damals war Johan Cruyff, der Guardiola sportlich prägte wie kein anderer.

Prototyp des modernen Mittelfeldspielers

Der Niederländer erkannte früh die Talente des jungen Pep, ein Spiel zu lenken. Daher machte Cruyff ihn zum zentralen Mittelfeldspieler. Allerdings nicht in der Offensive, dafür hatte der Coach damals den Dänen Michael Laudrup. Guardiola war das, was gerne als Sechser oder auch Achter bezeichnet wird: Ein eher defensiv stehender Mittelfeldspieler, der offensiv denkt. Man könnte auch sagen: Guardiola war vor zwanzig Jahren der Prototyp des heute als modern geltenden Mittelfeldspielers.

Elf Jahre gab Guardiola den Ton im Barça-Spiel an. Mit ihm als Chef auf dem Platz holte der Club unter anderem den Europapokal der Landesmeister (1992), den Europapokal der Pokalsieger (1997) sowie sechsmal die spanische Meisterschaft (1991, 1992, 1993, 1994, 1998 und 1999).

Guardiola war 30 Jahre alt, als er bei Barça keinen neuen Vertrag mehr bekam, er galt plötzlich als zu langsam. Barcelona befand sich damals in einer Sinnkrise, wollte sich neu erfinden. Guardiola spielte daraufhin in Italien, Katar und Mexiko, wurde aber nirgendwo glücklich.

Rijkaard-Nachfolger beim Profi-Team des FC Barcelona

"Ich möchte gerne als Jugendtrainer anfangen, weil ich nicht die Absicht habe, gleich auf dem obersten Niveau zu beginnen. Man muss Respekt vor der Entwicklung eines Trainers haben", skizzierte Guardiola seine Pläne nach dem Ende seiner Spielerkarriere. Er kehrte schließlich zum FC Barcelona zurück, wo er in der Saison 2007/2008 die Reservemannschaft des Clubs trainierte.

Als Frank Rijkaard im Sommer darauf entlassen wurde, rückte Guardiola zum Chef-Trainer auf - und leitete die erfolgreichste Phase in der Geschichte des Clubs ein. In Zahlen drückt sich sein vierjähriges Engagement so aus: 2009 Meister, Pokalsieger und Champions-League-Gewinner; 2010 Meister; 2011 Meister und Champions-League-Gewinner; 2012 Pokalsieger.

Guardiola bescherte Barça aber nicht bloß Titel, er verordnete dem Club eine neue Spielweise - auf der Basis von Johan Cruyffs Fußball-Philosophie. "Wenn du den Ball hast, hat ihn der andere nicht", lautet die simple, von Cruyff übernommene Idee. Das Ergebnis war - und ist bis heute - ein Kurzpassspiel in einem 4-3-3-System, das so variabel ist, dass Mittelfeldspieler zu Stürmern und Stürmer zu Mittelfeldspielern werden. Ballbesitz und Gegnerkontrolle stehen im Mittelpunkt, das alles mit einer offensiven Ausrichtung, ohne die Defensive zu vernachlässigen. Man könnte auch sagen: Guardiola hat Barças Stil nicht erfunden, ihn aber perfektioniert.

Pep Guardiola: Ein Junge vom spanischen Land

Nur zu gerne hätten sie ihn in Barcelona als Trainer behalten. Aber Guardiola wollte nicht, er ging nach der vergangenen Saison lieber zur Selbstfindung in die USA. Einfach mal abschalten, raus aus dem Rampenlicht, das ihm eh nicht so behagt. Auch, weil es ihm, dem Jungen vom spanischen Land, nicht in erster Linie um den großen Erfolg geht. Guardiola wurde nicht zum begehrtesten Trainer auf diesem Planeten, weil er Trophäen einheimste. Es sind die großen Ideen, die den 41-Jährigen und seine Arbeit prägen.

Geboren und aufgewachsen ist Guardiola in Santpedor, einem kleinen Dorf nördlich von Barcelona. Bei den Barça-Anhängern war und ist er auch deshalb so beliebt, weil er nicht - wie so viele andere Trainer - als großer Sprücheklopfer gilt, sondern als besonnen und ruhig. Die spanische Presse bezeichnete den 41-Jährigen in der Vergangenheit gern als Intellektuellen, stilisierte ihn zum leidenschaftlichen Leser und Segler.

Es ist diese Aura, die Guardiola so interessant für viele Clubs gemacht hat. Die Art, wie er über der mal ruppigen, mal glamourösen Fußball-Welt steht, als entziehe er sich ihr, zugleich aber glänzende Arbeit als Trainer leistet und dabei als einer der besten seines Fachs gilt. Es gibt viele Konzepttrainer im europäischen Spitzenfußball - doch wenige besitzen dabei auch noch so viel Charisma wie Guardiola.

Man glaubt und vertraut Guardiola so sehr, dass kaum einer über die erheblichen Unregelmäßigkeiten seiner Steuerzahlungen aus dem Jahr 2009 weiß. Oder dass er 2001 als aktiver Spieler von seinem damaligen Verein AC Brescia suspendiert wurde, weil ihm in zwei positiven Dopingtests Nandrolon nachgewiesen worden war. Guardiola wies die Vorwürfe stets von sich, trotzdem würde man annehmen, dass einer so öffentlichen Person dieser Makel lange anhaften müsste. Nicht so bei Guardiola.

"Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre, gehe ich zum Präsidenten, um mich zu verabschieden, aber bis dahin lebe ich den Job kompromisslos", sagte Guardiola kurz vor seinem Weggang aus Barcelona dem SPIEGEL. Beim FC Bayern hat er ab Sommer einen Vertrag bis 2016. In München hoffen sie, dass er vorher nicht beim Präsidenten vorstellig wird.

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insgesamt 80 Beiträge
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1.
stevie76 16.01.2013
nur, wenn er messi mitbringt. und iniesta.
2. Cool
der_rookie 16.01.2013
Das freut mich - für Bayern und die Bundesliga
3. dadurch werden
Broeselbub 16.01.2013
die Bayern auch nicht besser. Barca kann zum Beispiel auch ohne Pep grandiosen Fußball spielen. Und ob sich Hoeneß und speziell Großmaul Sammer weiterhin einmischen können ist die nächste Frage. Und sympatischer werden Bayern dadurch auch nicht. Im Gegenteil.
4. Kurz mal
harald0078 16.01.2013
Zitat von sysopEs die spektakulärste Verpflichtung der Bundesliga-Geschichte: Pep Guardiola wird zur neuen Saison Coach des FC Bayern München. Was zeichnet den Trainer aus, der mit Barcelona vierzehn Titel in vier Jahren gewann? Er sind die großen Ideen vom perfekten Fußball. Das ist der neue Bayern-Trainer Pep Guardiola - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/das-ist-der-neue-bayern-trainer-pep-guardiola-a-878008.html)
In einem Wort: Saugeil!
5. Juchhu
doc70 16.01.2013
den besten Trainer der Welt für den besten Verein der Welt !
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