Luise Schürrle macht sich Sorgen. Kein Wunder, schließlich ist ihr 21-jähriger Bub weit weg von daheim, von Ludwigshafen. André wohnt mittlerweile in Düsseldorf, und obwohl er täglich zu Hause anruft, nagt es an ihr. Der Grund sind nicht etwa die möglichen Verführungen seines Lebens als Fußballprofi oder die Gerüchte um einen möglichen Wechsel ins Ausland. Es sind vielmehr die 35 Kilometer auf der Autobahn zu seinem Arbeitsplatz nach Leverkusen, die Mama Schürrle beunruhigen. "Er rast immer so", hat sie Zeitungsreportern erzählt.
André Schürrle muss lachen: "Zu schnell gibt es für mich nicht, ich liebe Geschwindigkeit." Er sitzt in der Kabine der BayArena, das Training ist gerade vorbei, und gleich ruft die Autobahn zur Fahrt in den Feierabend: die A3 hoch, dann auf die A46, immer Vollgas. Alles unter 20 Minuten ist eine gute Zeit. Seine Füße trippeln nervös auf den Boden, wenn er von seinen Fahrten am Limit des Erlaubten spricht. Tempo ist das bestimmende Thema in seinem Leben - auf und abseits des Platzes. Die Frage ist lediglich, in welchem Gang er eigentlich gerade unterwegs ist.
Rückblick: Im Juni 2009 gewann André Schürrle mit der A-Jugend von Mainz 05 überraschend die Deutsche Meisterschaft. Im Finale setzte sich die Mannschaft des damals noch unbekannten Trainers Thomas Tuchel gegen den favorisierten Nachwuchs von Borussia Dortmund durch, auf dessen Seite ein gewisser Mario Götze für Furore sorgte. Schürrle hatte auf dem Weg zum Titel 14 Tore geschossen, nachdem er erst drei Jahre zuvor, als damals 15-Jähriger, aus Ludwigshafen nach Mainz gewechselt war.
Der bricht doch durch, wenn den einer anhustet
Als nur wenige Wochen nach der gewonnenen A-Jugend-Meisterschaft Trainer Jörn Andersen bei den Mainzer-Profis entlassen wurde, rückte Jung-Coach Tuchel auf die Bank des frischgebackenen Erstligisten nach. Seine erste Amtshandlung war mutig: Er macht den 18-jährigen André Schürrle zum Stammspieler. Anfangs wurde der dürre Junge mit den langen Beinen kritisch beäugt. Der bricht doch durch, wenn den einer anhustet, witzelten die Kiebitze.
Doch als sie den Nachwuchsmann spielen sahen, wurde es schlagartig ruhig. Denn Schürrle ist mit einem Trumpf gesegnet, der im modernen Fußball zu den gesuchtesten Fähigkeiten gehört - er ist atemberaubend schnell. Wenn er von der linken Seite nach innen zieht, die Arme leicht rudernd von sich wirft, den Ball fast magnetisch ansaugt, scheinen die 21 anderen Spieler auf dem Feld in Zeitlupe zu verharren. Das ist bis heute so. "Er läuft pro Spiel über 500 Meter mit höchster Intensität, also in einer Geschwindigkeit über 24 Kilometer pro Stunde. Das setzt Maßstäbe - auch international", lobte sein damaliger Trainer Thomas Tuchel öffentlich die Laufhärte seines Schützlings.
In der Bundesliga kam Schürrle in seiner ersten Spielzeit im Eiltempo an: 33 Saisonspiele, sieben Tore und ein insgesamt maßgeblicher Anteil am souveränen Verbleib des FSV in der ersten Liga. Aus André Schürrle, dem dürren A-Jugend-Kicker, wurde binnen eines Jahres ein gestandener Erstligaprofi. Seine Karriere befand sich schlagartig im zweiten Gang, ohne dass Schürrle ahnte, dass er schon bald ereignisreiche Monate auf der Überholspur seines Fußballtraums erleben würde.
Es ist viel passiert in den vergangenen beiden Jahren in ihm und um ihn herum. Bei der ersten Einladung zur Nationalmannschaft im November 2010 etwa traute er sich zunächst nicht, seine neuen Mitspieler anzusprechen: "Ich stand schüchtern in der Ecke und hab gehofft, dass einer auf mich zukommt." Heute schaut er fast schon ungläubig auf seine damalige Scheu zurück. "Ich meine, genau das wollte ich immer erreichen. Aber als ich da war, wurde ich total nervös."
Mittlerweile kann Schürrle seinen Wert besser einschätzen. Das Standing in Leverkusen und in der Nationalmannschaft ist nach der EM enorm gestiegen, denn für viele war er zusammen mit Marco Reus der heimliche Gewinner des Turniers. Doch sein gutes Spiel gegen Griechenland relativiert er durch den Hinweis auf seinen katastrophalen Fehlpass, der zum zwischenzeitlichen Ausgleich der Griechen führte. Außerdem liegt ein weitgehend verkorkstes erstes Jahr beim Werksklub hinter ihm. Er verlor sich auf der Suche nach der Leichtigkeit der Mainzer Tage.
Lesen Sie im zweiten Teil, warum es bei Schürrle nicht nur bergauf ging, sondern er auch die Schattenseiten des Geschäfts kennenlernte. Den vollständigen Text können Sie zudem in der aktuellen Ausgabe des Magazins "11FREUNDE" lesen.
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