Datenlese

Datenlese Fußball war nie ein Proletariersport

Abbild der Gesellschaft: Südtribüne im Dortmunder Signal Iduna Park
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Abbild der Gesellschaft: Südtribüne im Dortmunder Signal Iduna Park

Von Andreas Meyhoff und


Früher ein Sport der Arbeiter, heute gesellschaftsfähig: So beschreibt eine beliebte Theorie den Fußball in Deutschland. Ein Forscher hat sie nun mit historischen Daten als Mythos entlarvt. In einigen Stadien war das Publikum sogar gebildeter als der Durchschnitt.

Ein Freitagabend im April 1998: Als der polnische Nationalspieler Tomasz Hajto in der 65. Minute den Ausgleich für den MSV Duisburg gegen den Tabellenführer aus Kaiserslautern erzielt, sind die Zuschauer im alten Wedaustadion aus dem Häuschen. Und glaubt man den Bundesliga-Chronisten jener Jahre, jubeln hier immer noch die Arbeiter einer Ruhrgebietsstadt, die sich nach einer anstrengenden Woche ihrem Lieblingsvergnügen hingeben.

Für ihre Mannschaft können sie sich auch deshalb begeistern, weil die Spieler zum Teil aus dem gleichen Milieu stammen, lautet die Theorie. Hajto hatte eine Mechaniker-Ausbildung abgeschlossen - ein kompromissloser Verteidiger, dessen Spezialität die weiten Einwürfe waren. "Keine andere Bundesligamannschaft war so stark und fest in das lokale soziale Umfeld integriert wie die 'Zebras'", schreibt der Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling über die Duisburger Mannschaft und ihre Anhänger in den neunziger Jahren.

Datensatz mit 14.000 Stadionbesuchern

Dass das Publikum in Fußballstadien sich bis in die achtziger Jahre hinein zu einem großen Teil aus Vertretern der Arbeiterschaft zusammensetzte und in den neunziger Jahren eine Verbürgerlichung begonnen hat, ist eine weit verbreitete Annahme, die sich nicht nur auf sogenannte Arbeitervereine wie den MSV Duisburg bezieht. "Gesellschaftlich hat der Fußball den Weg von 'unten' nach 'oben' geschafft", meint der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin. Er konstatiert eine "Verbürgerlichung des Publikums mit Akzeptanzproblemen bei den eingefleischten Fans".

Doch waren früher wirklich mehr Arbeiter im Stadion als heute? Dieser Frage ist der Soziologe Oliver Fürtjes von der Universität Siegen nachgegangen. Fürtjes stieß auf einen einzigartigen Datensatz: 20 repräsentative und vergleichbare Stadionerhebungen aus den Jahren zwischen 1977 und 2010. Sie gehören zum Langzeitprojekt "Publikumsforschung" von Hans Stollenwerk am Institut für Sportsoziologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Insgesamt wurden über mehr als 30 Jahre gut 14.000 Stadionbesucher bei 20 Spielen der ersten und zweiten Bundesliga sowie der Regionalliga unter anderem nach ihrem Beruf und ihrem Bildungsabschluss befragt.

Das Resultat, das Fürtjes in der Zeitschrift "Sport und Gesellschaft" veröffentlicht hat, ist bemerkenswert. Weder in Duisburg im April 1998 noch bei Heimspielen des 1. FC Köln im Mai 1977 und September 1985 stellten die Arbeiter die größte Zuschauergruppe, immer waren die Angestellten in der Mehrheit. "Vom Fußball als Proletariersport in der Vergangenheit kann nicht annähernd die Rede sein", sagt Fürtjes.

Es stellte sich sogar heraus, dass der Arbeiteranteil beim VfB Stuttgart im Mai 2005 mit über 33 Prozent höher war als der beim 1. FC Köln 1977, als knapp 30 Prozent Arbeiter im Stadion waren. Der Wissenschaftler vergleicht das Stadionpublikum außerdem mit der Gesellschaftsstruktur zum jeweiligen Erhebungszeitpunkt und stellt fest, das Fußballpublikum sei auch früher schon ein "Abbild der Gesellschaft" gewesen.

Noch erstaunlicher fällt das Urteil aus, wenn Fürtjes die Bildungsprofile jahrzehnteübergreifend analysiert und mit der damaligen Struktur in der Gesellschaft abgleicht. Sein Fazit: Das Publikum war in den siebziger und achtziger Jahren "deutlich statushöher" ausgebildet. Der Anteil der Abiturienten und Schüler, die diesen Abschluss anstrebten, war überraschend hoch. Und der Teil des Publikums mit Hochschulabschluss stieg zwar von 4,3 Prozent im Jahr 1977 auf 10,2 Prozent im Jahr 2009, aber im gleichen Zeitraum erhöhte sich auch der Anteil der Hochschulabsolventen in der Gesellschaft von 4,4 auf 10,4 Prozent.

Die viel beschworene und kritisierte Gentrifizierung des Stadionpublikums hat es also nie gegeben. Der Fußball ist ein "kontinuierlich schichtenübergreifendes Massenphänomen", sagt Fürtjes, und gerade deshalb für die Werber und Vermarkter aller Branchen so attraktiv.

Die Datenbasis der Studie

Jahr Ort Liga Gegner Befragte Ergebnis
1977 Köln 1. Liga Bremen 480 3 zu 0
1985 Köln 1. Liga Bayern München 558 1 zu 1
1985 Leverkusen 1. Liga Bremen 180 5 zu 1
1997 Leverkusen 1. Liga Bochum 742 3 zu 2
1997 Freiburg 1. Liga 1860 München 772 2 zu 2
1997 M'gladbach 1. Liga Hamburg 621 1 zu 1
1998 Duisburg 1. Liga K'lautem 743 1 zu 1
1998 Stuttgart 1. Liga Köln 910 1 zu 1
1999 Köln 2. Liga Aachen 817 4 zu 0
1999 Aachen 2. Liga Stuttgarter Kickers 689 4 zu 1
2000 Düsseldorf Regionalliga Münster 508 1 zu 2
2004 Köln 2. Liga Erfurt 720 1 zu 1
2005 Stuttgart 1. Liga Bayern München 967 1 zu 3
2005 Osnabrück Regionalliga Lübeck 784 0 zu 2
2006 Düsseldorf Regionalliga St. Pauli 936 2 zu 0
2006 Mainz 1. Liga Schalke 937 1 zu 0
2007 K'lautern 2. Liga Unterhaching 776 4 zu 0
2008 Bremen 1. Liga Nürnberg 1106 2 zu 0
2009 Köln 1. Liga Bochum 782 1 zu 1
2010 Düsseldorf 2. Liga Berlin 887 1 zu 2

Quelle: Sporthochschule Köln; eigene Recherchen



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10 Leserkommentare
Art Vandelay 31.01.2014
smoke on the water 31.01.2014
Paul Panda 31.01.2014
ivarmoe 31.01.2014
thapk 31.01.2014
schwaba1970 31.01.2014
quark@mailinator.com 31.01.2014
Paul Panda 31.01.2014
renee gelduin 11.03.2014
123456789abc 04.06.2014

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