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Daums Koks-Affäre: Ein absolut reines Gewissen

Von Jan Reschke

Vor zehn Jahren wurde dem designierten Nationaltrainer Christoph Daum die Einnahme von Kokain nachgewiesen. Selbstgewiss hatte er seine Unschuld freiwillig mit einer Haarprobe beweisen wollen - doch die Probe war zum Überraschen aller positiv. Daum flüchtete nach Florida.

Daum-Affäre: Krach, Koks, Keulenschlag Fotos
REUTERS

Es ist vor allem ein Satz, der in der Koks-Affäre um Christoph Daum im Jahr 2000 in Erinnerung geblieben ist. Medienwirksam hatte er am 10. Oktober zu einer Pressekonferenz geladen. Im Beisein von Dutzenden Journalisten erklärte Daum die Beweggründe für seine freiwillige Haarprobe, der er sich unterziehen wollte, um die Doping-Vorwürfe gegen ihn zu entkräften: "Ich tue dies, weil ich ein absolut reines Gewissen habe."

So rein wie sein Gewissen war seine Probe allerdings nicht.

Am Nachmittag des 20. Oktober 2000 war der damalige Bayer-Manager Reiner Calmund voller Zuversicht zur Kölner Rechtsmedizin gefahren. Die Haarprobe des Leverkusener Coaches Christoph Daum war dort vom renommierten Rechtsmediziner Herbert Käferstein analysiert worden. So schnell wie möglich wollte Calmund die Nachricht von Daums Unschuld via Pressemitteilung verbreiten. Eigens dafür saß Pressesprecher Uli Dost gleich mit im Auto. Es gab nur ein Problem - Daums Probe war positiv. Und der designierte Bundestrainer damit als Kokainkonsument überführt.

Am folgenden Tag machte Calmund den Skandal öffentlich. Noch in der Nacht hatte Daum im Haus von Co-Trainer Roland Koch, unweit der BayArena, versucht, seinen Manager von seiner Unschuld zu überzeugen. Calmund hatte da mit Rudi Völler schon eine Übergangslösung für die Bayer-Bank organisiert und Daum einen Flug nach Miami gebucht. Dort tauchte der Coach bei Freunden unter.

Däubler-Gmelin musste Abbitte leisten

Die Affäre hatte Münchens ehemaliger Manager Uli Hoeneß ins Rollen gebracht. Der hatte in einem Interview von einem "verschnupften Daum" gesprochen und dessen Eignung als Bundestrainer in Frage gestellt. Der Skandal nahm seinen Lauf.

Hoeneß musste sich für seine Aussagen viel Kritik gefallen lassen, für ihn war es eine schwere Zeit. Daum beteuerte stets seine Unschuld. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin hatte die Aussagen von Hoeneß sogar mit einer mittelalterlichen Hexenverfolgung verglichen. Anschließend war es Däubler-Gmelin, die Abbitte leisten musste. Sie bat um einen Termin mit Hoeneß: "Die Missverständnisse müssen vom Tisch."

Auch Leverkusens Manager Calmund hatte Hoeneß heftig kritisiert. Für Hoeneß war Calmund im Anschluss an die Affäre denn auch "nicht mehr existent". Er attestierte ihm sogar "Vernichtungswillen". Doch auch die beiden Manager versöhnten sich. Calmund mochte sich aber nicht die alleinige Schuld an dem Streit geben. "Wir haben beide den Fehler gemacht, heftig aufs Porzellan draufzuhauen, als mal früher zum Telefon zu greifen und miteinander zu sprechen. Das wäre ratsamer gewesen", sagte der Bayer-Manager damals.

Daum bekam all das nur noch aus der Ferne mit. Er weilte nach wie vor in Florida. Zwei Monate später kehrte er zurück und stellte sich der Öffentlichkeit. Moderiert von TV-Kommentator Werner Hansch gestand Daum auf einer Pressekonferenz: "Ich habe Kokain zu mir genommen." Er gab sich entspannt und locker. "Die Haaranalyse, die ich habe machen lassen", Daum lächelte jetzt, "das war im Nachhinein ein Fehler." Daum versuchte, seine Niederlage mit Humor zu verkaufen. "Ich hab mir das auch anders vorgestellt." Gelächter im Saal.

"Arrogante Münchner Millionärselite"

Seine Karriere in Deutschland war trotzdem vorerst vorbei. Dabei war er vor der Affäre in den Adelsstand für Trainer erhoben worden - er sollte ab Sommer 2001 die deutsche Nationalmannschaft betreuen. Bis dahin leitete übergangsweise Völler die Geschicke der Auswahl. Doch Daums Zeit als Nationaltrainer war vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Für den DFB hatte sich nach einem zweiten Haartest "das Thema erledigt", so Mediendirektor Wolfgang Niersbach.

Auch in Leverkusen konnte Daum nicht mehr arbeiten. Calmund riet ihm "als Freund" zu einem Wechsel in die Türkei. Bei Besiktas Istanbul wurde Daum mit offenen Armen empfangen, er hatte den Club schon vor seiner Leverkusener Zeit trainiert. In den folgenden Jahren sammelte er Titel mit Austria Wien und Fenerbahce Istanbul.

Erst zur Saison 2006/2007 kehrte er als Trainer des damaligen Zweitligisten 1. FC Köln nach Deutschland zurück. Dort ist seine Popularität bis heute ungebrochen, seine offenkundige Antipathie gegen die "arrogante Münchner Millionärselite" aus den Tagen vor der Koks-Affäre hatte ihm viele Sympathien verschafft. In Köln hielt er es dennoch nur bis 2009 aus, er sah die Möglichkeiten des Clubs als zu begrenzt und wechselte wieder zu Fenerbahce. Momentan ist er arbeitslos.

Über die Affäre, die ihn letztlich den Bundestrainerjob gekostet hatte, sagte Daum der "Welt am Sonntag": "Ich habe lange gebraucht, um Fehler einzugestehen. Meinem privaten Umfeld gegenüber, Kollegen und mir selbst. Das tut mir auch heute noch leid. Aber ich kann sagen, dass ich aus diesen Dingen gelernt habe."

Sagt er. Mit einem absolut reinem Gewissen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. Doping-Vorwürfe?
Riggs24 20.10.2010
Zitat: "Im Beisein von Dutzenden Journalisten erklärte Daum die Beweggründe für seine freiwillige Haarprobe, der er sich unterziehen wollte, um die Doping-Vorwürfe gegen ihn zu entkräften: [...]" Ich wußte gar nicht, dass man seine Trainerleistung mit Koks verbessern kann.
2. Sagt er. Mit einem absolut reinem Gewissen.
spontaneoushh 20.10.2010
Der letzte Satz trieft vor impliziter Unterstellung. Hat SPON sowas wirklich nötig...?
3. soweit ich
sitiwati 20.10.2010
micxh erinnern kann, wurde die Haarprobe sehr nachlässig gehandelt, es ging über einen RA, wo die Probe unsachgemäss behandelt wurde, scheinbar gingen Haare verloren usw usw ! war recht komisch ! aber der Hauptgrund war wohl Höness, der den Daum blockiert hat !
4. häh?
muellermeierschulze 20.10.2010
Leute, die Rubrik hier heisst nicht "Müll von gestern" oder "Nachgetreten" sondern "Nachrichten > Sport". Wo ist denn hier auch nur irgendwas Neues beschrieben worden? Oder hat der Admin aus Versehen eine Archivseite neu aktiviert und uns damit den total spannenden und supergut recherchierten neuen Artikel vorenthalten?
5. kurzes Gebet
johnndoley 20.10.2010
Zitat von sysopVor zehn Jahren wurde dem designierten Nationaltrainer Christoph Daum die Einnahme von Kokain nachgewiesen.*Selbstgewiss hatte er seine Unschuld freiwillig mit einer Haarprobe beweisen wollen - doch die Probe war zum Überraschen aller positiv. Daum flüchtete*nach Florida. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,724151,00.html
Lieber Gott: Falls es Dich gibt, mach bitte, dass Daum NICHT der nächste Trainer des VfB wird!
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