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DDR-Flüchtling Kruse: "Ich wurde von der Polizei gesucht"

Die Stasi hatte ihn schon im Visier, doch dem ehemaligen Bundesligaspieler Axel Kruse gelang trotzdem die Republikflucht. Mit Taxi und Fähre gelangte er in den Westen. Im Interview mit dem Fußball-Magazin "11 FREUNDE" schildert der frühere DDR-Bürger die Einzelheiten seines Entkommens.

Bundesliga-Profi Kruse: "Ich war bockig" Zur Großansicht
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Bundesliga-Profi Kruse: "Ich war bockig"

Lesen Sie im ersten Teil des Interviews wer Axel Kruse als Zuhälter betitelte, warum er einen Schiedsrichter umschubste und wie er sich bei "AXELLLL KRUUUUUUSEE"-Rufen fühlte.

Frage: Sie wurden allerdings schon in jungen Jahren mit dem Ernst des Lebens konfrontiert.

Kruse: Ich war ein 19-jähriges Nachwuchstalent bei Hansa Rostock, als ich im Oktober 1986 gebeten wurde, in das Büro des damaligen Hansa-Vorsitzenden Robert Pischke zu kommen. Doch statt Pischke empfingen mich zwei Stasi-Mitarbeiter: "Ministerium für Staatssicherheit. Kommen Sie mit zur Klärung eines Sachverhalts." Ich hatte furchtbare Angst, der Stasi hat man damals alles zugetraut. Mit einem gelben Wartburg fuhren wir in die Rostocker Innenstadt. Man brachte mich in eine Wohnung gegenüber der Stasizentrale und warf mir vor, ich würde die Republikflucht planen.

Frage: Zu Recht?

Kruse: Nein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht ein einziges Mal daran gedacht. Ich war jung, lernte hübsche Mädchen in der Disco kennen und genoss als Fußballer das Privileg, regelmäßig ins sogenannte "nicht-sozialistische Ausland" reisen zu dürfen. Ich hatte keinen Grund abzuhauen.

Frage: Änderte sich das nach dem Stasi-Verhör?

Kruse: Stundenlang hielten sie mich in einem kleinen Raum fest, dann durfte ich endlich gehen. Eben noch ein naiver Jüngling, war ich von einem Moment auf den anderen erwachsen. Ich fasste einen Entschluss: Wenn ich noch einmal die Gelegenheit zu einem Besuch im Ausland bekäme, würde ich fliehen.

Frage: Darauf mussten Sie fast drei Jahre lang warten.

Kruse: Am 8. Juli 1989 sollten wir mit Hansa Rostock im Intertoto-Cup gegen Kopenhagen antreten und man erteilte mir tatsächlich die Reise-Genehmigung. Inzwischen hatte ich Kontakt zu einem Bekannten aus Westberlin aufgenommen, der mir dabei helfen sollte, in den Westen zu gelangen. Wir hatten einen geheimen Code vereinbart: Kurz nachdem ich von der Fahrt nach Kopenhagen erfahren hatte, schickte ich ihm eine Karte. Darauf stand: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Jakob." Das war unser Zeichen! Er informierte sich über das nächste internationale Spiel von Hansa Rostock und fuhr nach Kopenhagen.

Frage: Wie gelang Ihnen letztlich die Flucht?

Kruse: Am 8.Juli verließ ich mit meinen Mitspielern Axel Schulz und Juri Schlünz unser Teamhotel in Kopenhagen. In der Nähe war ein Park, dort wollten wir noch heimlich eine Zigarette rauchen. Ich sagte: "Geht schon mal vor, ich komm gleich nach", und ging in ein Geschäft. Kaum waren die beiden außer Sichtweite, raste auch schon ein Taxi um die Ecke. Darin saß mein Fluchthelfer, der vor dem Hotel gewartet und uns seit dem Spaziergang verfolgt hatte. Über Rødbyhavn fuhren wir mit der Fähre nach Puttgarden. Ich hatte es geschafft, ich war geflohen. Ich war frei! Ein unglaubliches Gefühl.

Frage: Hatten Sie Angst, erwischt zu werden?

Kruse: Natürlich. In Puttgarden hielten wir an einer Tankstelle. Ich stieg aus und schmiss meinen Wohnungsschlüssel und die restlichen 50 Ost-Mark in einen Mülleimer. Die Angst war weg. So begann mein neues Leben.

Frage: Sie sind nur einen Tag später nach Westberlin geflogen. Warum dieses Risiko?

Kruse: Berlin fand ich cool, und bei der Hertha wollte ich spielen. Über Umwege hatte ich bereits vorher mit den Herthanern Kontakt aufgenommen. Die waren auch interessiert und wussten, dass ich irgendwann bei ihnen auf der Matte stehen würde.

Frage: Spielen durften Sie allerdings nicht.

Kruse: Nein, schließlich hatte ich ja mitten in der Saison meinen Verein "verlassen", also wurde ich vom Fußballweltverband Fifa gesperrt. Die Sperre wäre bis September 1990 gegangen, doch vorher fiel die Mauer. Im Dezember 1989 gingen die Vertragsverhandlungen über die Bühne. Hertha zahlte Hansa 300.000 Mark, und damit gehörte ich ganz offiziell zum Verein. Manfred Wimmer, damals im Hansa-Vorstand, holte das Geld zwischen Weihnachten und Neujahr ab - bar auf die Hand! Später hat er mir verraten, dass die Rostocker nur deshalb ihre Mannschaft nach dem Mauerfall zusammenhalten konnten, weil sie ihre Leute mit Westgeld bezahlen konnten. "Axel", hat Wimmer gesagt, "dir haben wir eigentlich die Bundesliga zu verdanken."

Frage: Kurz nach Ihrer Flucht fiel in Berlin die Mauer. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Kruse: Ich wohnte damals auf dem Ku'damm (die West-Berliner Straße Kurfürstendamm; die Red.). Als ich nachts um zwölf ins Bett gehen wollte, sah ich aus dem Fenster eine riesige Menschenmasse durch die Straßen laufen. Eine Demo? Mitten in der Nacht? Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch von gar nichts. Also lief ich runter in meine Stammkneipe und fragte einen Kumpel, was denn los sei. Er sagte: "Mann, Axel, die Mauer ist auf!"

Frage: Ihre Reaktion?

Kruse: Ich war kurz davor, ihm Prügel anzudrohen, als er auf die Theke zeigte. Dort lagen Club-Zigaretten und ein Fläschchen Goldkrone, zwei bekannte Ost-Marken. Da begriff ich. Ich ging zurück in meine Wohnung, schaltete kurz den Fernseher an und schaute die Nachrichten. Dann bin ich bockig ins Bett gegangen.

Frage: Warum bockig?

Kruse: Ich war wütend. Ich dachte: Jetzt dürfen die alle ganz gemütlich in den Westen und du hast alles dafür riskieren müssen, hast in deinen Stasi-Akten sogar noch einen Haftbefehl liegen! In der DDR wurde ich von der Polizei gesucht. Wäre ich erwischt worden, hätte man mich zwei, drei Jahre in den Knast gesteckt.

Das Interview führte Alex Raack

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1. Privilegien
travelfox42 12.07.2011
Wieso muss man "fliehen", wenn man die Privilegien besaß, von denen ein "gewöhnlicher" DDR-Bürger nur träumen durfte? Ach ja, ich vergaß, Freiheit hieß das große Ziel... Und dann auch noch wütend sein, wenn andere jetzt auch diese Freiheit genießen dürfen, statt sich zu freuen, dass die Mauer nicht mehr existiert, zeugt nicht gerade von einem gefestigtem Charakter.
2. 1
nurEinGast 12.07.2011
Zitat von travelfox42Wieso muss man "fliehen", wenn man die Privilegien besaß, von denen ein "gewöhnlicher" DDR-Bürger nur träumen durfte? Ach ja, ich vergaß, Freiheit hieß das große Ziel... Und dann auch noch wütend sein, wenn andere jetzt auch diese Freiheit genießen dürfen, statt sich zu freuen, dass die Mauer nicht mehr existiert, zeugt nicht gerade von einem gefestigtem Charakter.
Ja, sehe ich auch so. Von der Stasi vertrieben, wer soll denn sowas glauben! Im Grunde war es doch nur ein Wirtschaftsflüchtling, einer der nen Benz vor der Tür wollte und Bananen im Kühlschrank. Mehr nicht. Seine Flucht war kein Verlust- den Artikel nicht zu lesen ebenso.
3. Ach Gott...
MaxiScharfenberg 12.07.2011
Noch so ein Dissident hat mir gerade noch gefehlt. Einer ohne Rauschebart noch dazu. Dass er es dem " Normalo" nicht gönnte, einen Hauch vom Traum der Freiheit zu spüren, beweist nur, was für entsetzliche Egoisten im DDR - Leistungssport großgezogen worden sind. Das Geld wurde ihnen vorn und hinten reingesteckt und wenn sich eine Gelegenheit ergab, waren sie weg, die verhätschelten Bürschlein.
4. Rostocks Verbleib in der Bundesliga
TheNameless 12.07.2011
Zitat von nurEinGastJa, sehe ich auch so. Von der Stasi vertrieben, wer soll denn sowas glauben! Im Grunde war es doch nur ein Wirtschaftsflüchtling, einer der nen Benz vor der Tür wollte und Bananen im Kühlschrank. Mehr nicht. Seine Flucht war kein Verlust- den Artikel nicht zu lesen ebenso.
Wenn die Aussage bezüglich der Konsequenzen der gezahlten Transferleistungen für Hansa so wirklich stimmt, dann hat der Artikel absolut einen Mehrwert - und es verbleibt lediglich ihre Aussage als die getrost ignorierbare.
5. Vorher mit Hertha Kontakt gehabt...
mideal 12.07.2011
, aber keine Fluchtgedanken? Das wird wohl hinreichend genug vorher gewesen sein, dass die Stasi davon Wind bekommen hat. Oder will Herr Kruse nicht gewußt haben, dass es auch Ostagenten im Westen gab?
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Nr. 116 - Juli 2011

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Axel Kruse, geboren 1967 im mecklenburg-vorpommernschen Wolgast, ist ein ehemaliger Fußball-Profi. Er spielte unter anderem für Hansa Rostock, Hertha BSC, Eintracht Frankfurt und den VfB Stuttgart.
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