Dede-Interview: "Ich hätte gerne für Deutschland gespielt"

Bei Borussia Dortmund wurde Dede zuletzt sehr vermisst. An diesem Wochenende kehrt der Brasilianer auf die Bundesligabühne zurück. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Dede über verlockende Angebote, deutsches Fernsehen, die Abfuhr durch DFB-Teamchef Rudi Völler und die Finanzkrise des BVB.

Dede: Der Brasilianer wurde am 18. April 1978 geboren und kam 1998 nach Dortmund, für den BVB absolvierte der Abwehrspieler bislang 152 Bundesligapartien und erzielte dabei acht Tore
DDP

Dede: Der Brasilianer wurde am 18. April 1978 geboren und kam 1998 nach Dortmund, für den BVB absolvierte der Abwehrspieler bislang 152 Bundesligapartien und erzielte dabei acht Tore

SPIEGEL ONLINE:

Dede, Sie werden nach dreimonatiger Verletzungspause am Sonntag im Spiel bei 1860 München voraussichtlich Ihr Bundesliga-Comeback geben. Was ist von Ihnen zu erwarten?

Dede: Endlich kann ich wieder spielen. Ich fühle mich sehr gut und bin fit. Die ganze Reha-Arbeit nervte irgendwann, obwohl ich weiß, dass diese Zeit wichtig ist. Als Fußballer will man natürlich immer gegen den Ball treten. Wenn du über Wochen jeden Tag stundenlang arbeitest, ohne dabei auch nur einen Ball zu sehen, frustriert einen das.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Dortmund in der Rückrunde noch erreichen?

Dede: Ich glaube, wir können noch einen Platz in der Champions League schaffen. Viele Spieler sind wieder fit bei uns und wir greifen noch mal richtig an.

SPIEGEL ONLINE: Finanziell sieht es für den BVB nicht sehr rosig aus. Sie hatten vor einiger Zeit öffentlich gefragt, wo das Geld geblieben ist. Haben Sie inzwischen eine Antwort bekommen?

Dede: Lassen Sie uns lieber über sportliche Dinge reden. Über die Finanzen sollen andere sprechen. Es wird immer nur darüber geredet. Dass wir im Laufe der Saison teilweise 13 verletzte Spieler hatten, wird dagegen kaum erwähnt. Als würden wir schlechter spielen, weil es Diskussionen um die Finanzen des Vereins gibt. Wenn man nicht mit der kompletten Mannschaft auflaufen kann, ist es schwer, die Punkte zu holen.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt sich die Diskussion um Spielerverkäufe und Gehaltkürzungen nicht auf die Leistung der Spieler aus?

Dede (r., mit dem Hamburger Mahdavikia): "Wir können noch etwas bewegen"
AP

Dede (r., mit dem Hamburger Mahdavikia): "Wir können noch etwas bewegen"

Dede: Also mich belastet es nicht. Man redet innerhalb der Mannschaft gar nicht darüber. Ich kann nicht für die anderen Spieler sprechen, aber ich finde, dass in den Medien alles im Moment etwas übertrieben wird. Wir konzentrieren uns auf Fußball. Ich glaube, es ist ein guter Moment, dass Mannschaft, Verein und Fans eng zusammenrücken und als Einheit auftreten. Dann können wir noch etwas bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Es gab Diskussionen um Ihren Chefcoach Matthias Sammer.

Dede: Was da manche Leute schreiben, kann ich überhaupt nicht verstehen. Den Trainer in unserer Situation zu kritisieren ist völliger Unsinn. Matthias Sammer ist diese Saison für mich wie ein Magico - ein großer Zauberer.

SPIEGEL ONLINE: Die Fans in Dortmund sind sehr emotional. Wie geht man als Spieler mit verärgerten Anhängern um?

Dede: Man muss das respektieren. Ohne Diskussion. Bei unseren Heimspielen kommen 80.000 Leute ins Stadion. Wenn wir schlecht sind, müssen wir uns als Spieler damit immer auseinandersetzen. Die Fans sind unheimlich wichtig für Verein und Spieler.

SPIEGEL ONLINE: Die finanziellen Probleme der Borussia könnten Sie im Sommer direkt betreffen. Ihr Vertrag läuft aus, mit einer Verlängerung könnte es schwer werden.

Dede: Was am Ende passiert, kann ich nicht beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Bayern München und der FC Barcelona bekundeten bereits Interesse. Wie können Sie solche Offerten kalt lassen?

Dede (Mitte): "Disziplin ist nicht nur eine deutsche Eigenschaft"
AFP

Dede (Mitte): "Disziplin ist nicht nur eine deutsche Eigenschaft"

Dede: Der BVB ist die erste Option für mich. Mir macht es in Dortmund richtig Spaß. Die Fans, das Stadion, der Trainer, die Mannschaftskollegen - hier fühle ich mich sehr wohl, auch wenn es für mich eine Ehre war, dass Barcelona sich für mich interessierte. Ich würde wirklich gerne in Dortmund bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden von Ihren brasilianischen Kollegen oft als "Deutscher" bezeichnet. In den Zweikämpfen gehen Sie robust zu Werke und zeigen nur selten brasilianische Spielfreude. Woher kommt das?

Dede: Disziplin ist nicht nur eine deutsche Eigenschaft. Dadurch, dass ich mich angepasst habe und viel disziplinierter spiele, bin ich einfach ein besserer Spieler geworden. Ich war auch in Brasilien bereits kein typisch brasilianischer Kicker. Taktisch habe ich in Deutschland natürlich noch viel gelernt und mich entwickelt. Ich versuche, aggressiv zu sein und bis zum Schluss alles zu geben. Dafür braucht man eben Disziplin.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund, warum die Dortmunder Fans Sie so mögen?

Dede: Das denke ich schon. Die Leute sehen genau, wer sich voll einsetzt. Wir können Spiele verlieren - wenn sie sehen, dass wir alles gegeben haben, verzeihen sie auch Niederlagen. Man kann nicht jedes Spiel gewinnen, aber als Mannschaft müssen wir zumindest rennen und kämpfen. Ich habe eben diese Mentalität, auch wenn ich Brasilianer bin. Das gefällt den Leuten in Dortmund. Zudem habe ich mich nie verschlossen, seit ich in Deutschland bin.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu vielen Ihrer Landsleute wollten Sie auch die Sprache lernen.

Dede (mit dem ehemaligen BVB-Keeper Lehmann): "Nach Brasilien will ich eigentlich gar nicht zurück"
REUTERS

Dede (mit dem ehemaligen BVB-Keeper Lehmann): "Nach Brasilien will ich eigentlich gar nicht zurück"

Dede: Das ist wichtig. Am Anfang war es sehr schwer für mich. Ein neues Land, weit weg von zu Hause. Auf dem Platz ist alles kein Problem. Die Fußballersprache konnte ich relativ schnell. Aber man hat ja ein Leben neben dem Fußball. Wenn man nicht mal weiß, was man im Supermarkt einkauft, ist das frustrierend. Durch deutsches Fernsehen habe ich die Sprache gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Das deutsche Fernsehen?

Dede: Ja, ich habe nur etwa einen Monat Deutschkurse belegt. Den Rest habe ich durchs Fernsehen gelernt. Und natürlich durch Gespräche mit Mitspielern und Bücher lesen.

SPIEGEL ONLINE: Vor einiger Zeit wurde über Ihre mögliche Nominierung für die deutsche Nationalmannschaft debattiert. Waren Sie enttäuscht, als DFB-Teamchef Rudi Völler ablehnte? Hoffen Sie noch auf Einsätze für die Selecao?

Dede: In der brasilianischen Nationalmannschaft spielt mein Kumpel Roberto Carlos auf meiner Position - und der ist ja bekanntlich ganz gut. Vielleicht klappt es aber noch für die WM 2006 in Deutschland. Dass Völler ablehnte, war in Ordnung. Ich hätte aber gerne für Deutschland gespielt. Ich bin über fünf Jahre hier und habe mehr Bezug zu diesem Land, als viele glauben. Nach Brasilien will ich eigentlich gar nicht mehr zurück. Vielleicht später, wenn ich mal alt bin.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Ihrer Brüder spielen ebenfalls in Deutschland, Sie leben mit ihnen zusammen. Wie funktioniert das?

Dede: Sehr gut. Neben meinen Brüdern wohnt auch ein Cousin und ein Freund bei mir. Das ist ein kleines Stück Heimat. Da ich keine Frau und Kinder habe, ist das eine gute Lösung. Wir haben viel Spaß zusammen und sind eine große Familie. Als ich mit meinem älteren Bruder Leandro gemeinsam für den BVB spielen konnte, war das, als hätte ich einen Pokal gewonnen. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Mein kleinerer Bruder Caca spielt im Moment beim MSV Duisburg. Er hat, wie ich finde, mehr Talent als Leandro oder ich. Ich glaube, er wird mal ein richtig guter Spieler.

SPIEGEL ONLINE: Der Begriff Familie fällt oft bei Dede.

BVB-Coach Sammer: "Er ist diese Saison für mich wie ein Magico - ein großer Zauberer"
DDP

BVB-Coach Sammer: "Er ist diese Saison für mich wie ein Magico - ein großer Zauberer"

Dede: Ja, denn der Rest meiner Familie lebt in Brasilien. Hier in Deutschland sucht man sich dann Ersatz. Fans, Verein oder Mitspieler. Da ist es dann schön, wenn einige aus meiner echten Familie so nah bei mir sind. Für meine brasilianischen Kollegen in der Mannschaft erledige ich beispielsweise immer noch die ganzen kleinen Dinge im Alltag. Ich mache das gerne, denn mir hat das damals, als ich nach Dortmund kam, gefehlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das mit der Familie in Brasilien? Sehen die Sie auch spielen?

Dede: Ja, die können die Bundesliga live im Fernsehen sehen. Mein Vater und meine Mutter gucken natürlich immer unsere Spiele. Sie waren auch schon hier zu Besuch und haben sich Spiele in unserem Stadion angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie aus Brasilien irgendetwas mit nach Deutschland nehmen könnten, was würden Sie wählen? Was fehlt Ihnen am meisten?

Dede: Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Dede: Die Leute in Brasilien haben viel weniger Geld als hier. Aber sie sind fast immer zufrieden und lachen. In Deutschland hat jeder viel mehr, aber die meisten sind irgendwie unzufrieden.

Das Interview führte Kay Auster

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